Panorama

Anschlag oder Unfall in Beirut? Trump widerspricht libanesischer Regierung

Für die libanesische Regierung ist der Fall schnell klar: Ein fahrlässiger Unfall mit einer großen Ladung Ammoniumnitrat ist für die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut verantwortlich. Doch US-Präsident Trump sieht es anders: Bei einer Pressekonferenz spricht er von einer Bombe.

Die libanesische und die US-Regierung sind unterschiedlicher Meinung, was die tödlichen Explosionen in Beirut ausgelöst hat. Während der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab von einem schrecklichen Unglück sprach, deutete US-Präsident Donald Trump einen Bombenanschlag an. "Es sieht wie ein furchtbarer Angriff aus", sagte Trump bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Auf Nachfrage bezog er sich auf seine Generäle: Sie hätten ihm gesagt, dass es sich allem Anschein nach nicht um einen Unfall, sondern um einen Angriff gehandelt habe.

Konkrete Belege, um seine Aussage zu untermauern, lieferte Trump nicht. Er nannte aber die Art der Explosion als Begründung. Dennoch blieben seine Formulierungen sehr vage: "Ich habe einige unserer großartigen Generäle getroffen, und sie schienen das Gefühl zu haben, dass es das war", sagte Trump. "Das war, es scheint ihnen zufolge zu sein - und sie wissen es besser als ich - aber sie scheinen zu glauben, dass es ein Angriff war."

Bei zwei Explosionen im Hafen der libanesischen Hauptstadt waren am Dienstag nach Angaben des libanesischen Roten Kreuzes mindestens 100 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 4000 Menschen verletzt worden. Unter den Verletzten sind auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft. Weder vom Pentagon noch den libanesischen Behörden gab es Hinweise, dass es sich um einen Anschlag gehandelt haben könnte.

Ministerpräsident Diab in Rage

Die libanesische Führung machte stattdessen einen fahrlässigen Umgang mit sehr großen Mengen Ammoniumnitrat für die Detonationen verantwortlich. Es sei "unvertretbar", dass eine Ladung von schätzungsweise 2750 Tonnen der Substanz in einer Halle am Hafen gelagert worden sei, sagte Ministerpräsident Diab. Der hochexplosive Stoff sei dort sechs Jahre lang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden.

Berichten zufolge stammt der Stoff von einem Frachtschiff, das von Georgien ins afrikanische Mosambik unterwegs war und dem libanesische Behörden 2013 wegen verschiedener Mängel die Weiterfahrt untersagt hatte. Wenig später gingen der Besatzung Treibstoff und Proviant aus, der Inhaber gab das Schiff dann offenbar auf. Während der Crew nach einem juristischen Streit die Ausreise genehmigt wurde, blieb das Schiff mit der gefährlichen Ladung zurück. Sie war demnach in einem Lagerhaus untergebracht.

Ammoniumnitrat wird auch zur Herstellung von Sprengsätzen genutzt und kann bei höheren Temperaturen detonieren. Hauptsächlich dient die Substanz allerdings als Raketenantrieb und vor allem zur Herstellung von Düngemittel. Die farblosen Kristalle befanden sich auch in dem Gefahrgutlager der chinesischen Stadt Tianjin, wo 2015 nach einer Serie von Explosionen 173 Menschen getötet wurden. Auch bei der Explosion eines BASF-Werkes mit 559 Toten im Jahr 1921 spielte Ammoniumnitrat eine Rolle. In Deutschland fällt die Handhabung unter das Sprengstoffgesetz.

Beirut zur "Katastrophen-Stadt" erklärt

Die Explosion stürzte die libanesische Hauptstadt, deren Bevölkerung derzeit schon unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise leidet, in noch tieferes Chaos. Durch die Erschütterung zerbarsten Fenster, Trümmerteile schlugen Löcher in Wände. Blutende Menschen wanderten durch Schutt und Staub, einige Straßen waren voller Glasscherben. Große Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Beirut, in dessen Großraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben, wurde zur "Katastrophen-Stadt" erklärt.

Bei der Detonation hatte sich eine riesige Pilzwolke am Himmel gebildet. Eine Druckwelle breitete sich blitzschnell kreisförmig aus. Noch Kilometer weiter gab es Schäden. Beschädigt wurden der Regierungspalast, die finnische Botschaft und die Residenz von Ex-Ministerpräsident Saad Hariri. Am Suk Beirut, einer modernen Einkaufsgegend, zerbarsten Fensterscheiben. Auch ein Schiff der UN-Friedenstruppen im Libanon (Unifil) wurde beschädigt. Es seien Blauhelm-Marinesoldaten verletzt worden, teilte die Mission mit.

Präsident Michel Aoun rief für Mittwoch eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts ein, um die Ursachen der Explosion zu klären. "Ich werde nicht ruhen, ehe ich den Verantwortlichen kenne und ihm die härteste Strafe gebe", sagte Aoun auf Twitter. Regierungschef Diab erklärte den Mittwoch zum Tag landesweiter Trauer in Gedenken an die Opfer. Für die Stadt wurde ein zwei Wochen langer Notstand verhängt.

Quelle: ntv.de, chr/dpa