Panorama

Epidemiologe mahnt eindringlich Ulrichs: "Wir haben gar keine Zeit mehr"

Das Infektionsgeschehen in Deutschland verschlechtert sich von Tag zu Tag. Epidemiologe Timo Ulrichs warnt davor, angesichts der gegenwärtigen Lage und der Mutante B.1.1.7 mit Maßnahmen herumzuexperimentieren. Von Modellprojekten in Kommunen hält er gar nichts.

ntv: Die Corona-Zahlen steigen wieder rasant an, die dritte Welle nimmt Schwung auf. Was können wir jetzt noch machen, um diese Welle zu brechen?

Timo Ulrichs: Vielleicht kann man sagen, was man nicht machen sollte: Das ist herumexperimentieren mit Dingen, von denen wir nicht wissen, ob sie wirken. Wir haben nämlich gar keine Zeit mehr. Das ist ungefähr so, wie wenn wir vor einem Flächenbrand stehen: Der breitet sich immer schneller in die Breite aus und wir überlegen, ob wir statt Wasser zum Löschen irgendwas anderes nehmen und das erstmal ausprobieren müssen. Dazu haben wir keine Zeit. Wir müssen jetzt das tun, was wir schon bewährt getan haben und das schnell. Nämlich tatsächlich die harten Lockdown-Maßnahmen, um diese Welle zu brechen. Wenn wir wieder auf dem absteigenden Ast einer Welle sein werden, wie zum Beispiel im Januar, dann kann man sich überlegen, ob Alternativkonzepte mit viel Testungen und Öffnungen wieder möglich sind - aber nicht jetzt.

Das heißt also, Sie sprechen sich ganz dezidiert gegen diese Testmodelle aus, die jetzt in vielen Kommunen eingesetzt werden? Das ist jetzt Ihrer Meinung nach der falsche Zeitpunkt?

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ntv-Moderatorin Nina Lammers im Gespräch mit Timo Ulrichs.

(Foto: ntv)

Es ist der völlig falsche Zeitpunkt. Zumal bei allen Testmodellen immer eine Restunsicherheit bleibt und dann eben Infektionsketten, auch in einer falschen Sicherheit, in der sich die Menschen wiegen, weitergehen können. Und alle Infektionsketten, die sich jetzt ausbreiten, tragen eben nun mal dazu bei, dass wir einen sehr hohen R-Wert haben und dass das insgesamt die ganze Ausbreitung voranbringt.

Man kann mit so einem Testmodell also auf keinen Fall Zahlen runterkriegen. Könnte man es zumindest schaffen, die Zahlen zum Stagnieren zu bringen?

Das ist in den Zeiten exponentiellen Wachstums sehr schwierig. Es ist ja schon eine Ausbreitung so, dass verschiedene Infektionsgeschehen oder Ausbrüche ineinander übergreifen und dass dann diese Infektionsketten einander nochmal gegenseitig befeuern. Letztendlich können wir nur sehen, dass wir mit den Testungen, die wir natürlich sinnvollerweise auch machen sollten, dazu beitragen, dass wir noch mehr Einblick in diese Infektionsgeschehen haben und nicht dass wir sie nutzen, um irgendwelche Dinge zu lockern oder zu öffnen. Das ist genau das, was dem Virus jetzt nochmal weiteren Vorschub in seiner Ausbreitung leistet.

Was müssen wir also machen? Harter Lockdown, Ausgangssperre? Was ist jetzt das richtige Instrument?

Wie schon oft gesagt und immer wieder betont wird: ein harter Lockdown. Einer, der über das hinausgeht, was wir jetzt schon haben, denn das scheint ja offensichtlich nicht mehr zu wirken. Und es so zu gestalten, dass wir wieder vor die Lage kommen. Das heißt, es müssen etwa 10 bis 14 Tage mindestens sein, in denen wir alles runterfahren. Dann kann man wieder sehen, dass man kontinuierlich lockert. Wir sind damit schon sehr spät dran, ähnlich wie im November und Dezember letzten Jahres, wo wir auch viel zu lange gewartet haben und die zweite Welle sich auf diese Weise erst so richtig aufbauen konnte. Wir müssen das jetzt also möglichst schnell tun, sodass dann die Welle erstens flacher verläuft und zweitens auch nicht so in die Länge gedrückt wird, sodass wir möglichst schnell wieder rauskommen aus diesen ganzen Maßnahmen. Das wäre ja dann auch das letzte Mal. Denn dann kommen wir mit dem Impfen so weit voran, dass das dann dazu beiträgt, dass so etwas nicht noch einmal nötig sein wird.

Die Kanzlerin hat gesagt, wir haben es hier mit einer ganz neuen Pandemie zu tun. Sie spricht dabei die Mutationen an. Glauben Sie als Epidemiologie auch, dass wir hier eine ganz neue Pandemie haben?

Es sind zwei Faktoren, die da mit reinspielen. Wenn man sich den Wiederanstieg anguckt, nach der Phase der Abnahme aus der zweiten Welle heraus, und gleichzeitig bei der Kurve die Anteile drüberlegt, wie die britische Variante B.1.1.7 sich mehr und mehr ausbreitet, dann kann man Folgendes sehen: Dieser Wiederanstieg in die dritte Welle hinein wird getragen von einer sich immer stärker ausbreitenden und immer dominierenderen britischen Variante. Das ist aber nicht der einzige Grund für diesen Wiederanstieg, sondern eben die Tatsache, dass wir das zulassen. Das Verhalten der Wirtspopulation, von uns allen, das ist das entscheidende, dass die britische Variante sich eben ausbreiten kann. Sie ist fitter im Ansteckungsverhalten. Das wissen wir. Aber wir lassen es eben mehr und mehr zu. Man kann also sagen, es ist ein neues Infektionsgeschehen. Die alten Varianten werden mehr und mehr verdrängt. Dies ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass wir uns hier eben nicht mehr vorsichtig verhalten.

Was können wir denn ganz genau tun, wenn Sie sagen, es gleicht schon auch, ähnlich wie die Kanzlerin es gesagt hat, einer neuen Pandemie? Müssen wir jetzt noch vorsichtiger sein, als wir es in den anderen Wellen zuvor schon waren?

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Die Briten haben ihre britische Variante, wenn man das so nennen möchte, ja ganz gut in den Griff bekommen, weil sie mit ihren Lockdown-Maßnahmen sehr rigoros waren. Also es geht, dass man diese neue Variante kontrolliert. Das ist nichts, wo wir davorstehen müssen wie das Kaninchen vor der Schlange. Sondern wir können tatsächlich was mit den bewährten Maßnahmen machen. Wir müssen sie nur stringent durchsetzen. Das bedeutet eben auch für die sogenannte Notbremse, dass man sie wirklich zieht und nicht irgendwie drumherum argumentiert. Sondern es muss tatsächlich etwas passieren, was die Kontakte runterbringt.

Mit Timo Ulrichs sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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