Panorama
Forscht seit Jahren zu Katastrophen und ihren Ursachen: Prof. Wolf Dombrowsky.
Forscht seit Jahren zu Katastrophen und ihren Ursachen: Prof. Wolf Dombrowsky.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Montag, 26. Juli 2010

"Schon mal fast erstickt?": Ursachen der Panik

Das Loveparade-Drama war programmiert. Das sagt Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky. Der Professor an der Steinbeis-Hochschule Berlin erklärt im n-tv.de Interview, wie es zu der Panik in Duisburg kommen konnte.

n-tv.de: Der Tunnel, die Nadelöhr-Situation, die fehlende Trennung der Besucherströme - im Nachhinein sagen viele, die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg war programmiert. Sehen Sie das auch so?

Wolf Dombrowsky: Ganz einfache Antwort: Ja. Hier wurden grobe handwerkliche Fehler begangen. Zudem zeigt die Forschungslage eindeutig, dass es bestimmte Bedingungen gibt, unter denen die Wahrscheinlichkeit einer Panik zunimmt. Die in Duisburg gegebenen Bedingungen gehören dazu.

Welche Bedingungen meinen Sie?

In Duisburg führte man die Leute über den Tunnel in einen Flaschenhals hinein. Die Bedingungen im Flaschenhals sind noch einmal andere als draußen. Es ist dunkel, es hallt, man hört seine eigenen Worte nicht. Wenn man seine Angehörigen oder Freunde verliert, hilft Rufen nichts. Der Druck auf die Körper nimmt so zu, dass man nicht mehr atmen kann und in Todesangst gerät.

Überreste der Katastrophe: Müll und Kleidung nach der Loveparade.
Überreste der Katastrophe: Müll und Kleidung nach der Loveparade.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie verhalten sich Menschen dann?

Sie fahren die Ellenbogen und Knie aus, weil sie sich ein bisschen Raum und Luft verschaffen wollen. Das ist ganz natürlich, wird von den anderen darum herum aber als Aggression und "Bosheit" wahrgenommen, und es wird zurück geknufft. Das heißt: Es ist ein ständiges Schubsen, Drängeln und Schieben. Wenn dann noch jemand sozusagen unter die Gürtellinie rutscht, kommt er nie wieder hoch.

Woran liegt das?

Es ist einfach kein Platz da, um die Arme zu bewegen. Dass man so viele Kleidungsstücke und Ähnliches gefunden hat, hängt damit zusammen, dass die Leute versuchen, sich an den Klamotten der anderen hochzuziehen oder sich an ihnen festzuhalten.

In manch drastischen Augenzeugen-Berichten heißt es, die Menschen seien zu "Tieren" geworden und einfach über andere Personen hinweg gelaufen …

Das mag man so empfinden, ist aber natürlich Quatsch. Die Leute sind in einem wogenden Feld, sie sehen nichts und müssen in der sich hin und her bewegenden Masse mittrippeln. Man kann ja auch nicht auf den Boden gucken, weil es so eng ist. Man sieht gar nicht, wo man drüber stapft. Und wer unter eine bestimmte Höhe kommt, hat verloren. Waren Sie schon einmal in einer Erstickungssituation?

Nein, zum Glück nicht.

Na, dann probieren Sie es mal aus (NEIN, BITTE NICHT AUSPROBIEREN!, Anm. d. Red.). Ziehen Sie sich mal eine Plastiktüte über den Kopf. Sie werden merken, wie sich Ihr Brustkorb ungeheuer dagegen wehrt. Der Körper will Luft. Unbedingt. Das ist ein ganz scheußliches Gefühl. Man bekommt dabei Todesangst. Zumal wenn man dann auch noch Knuffe und Puffe bekommt und chancenlos mit der Masse mittippeln muss. Sie merken: Sie können nichts machen, selbst wenn Sie eine bessere Idee hätten und etwa rufen würden: "Leute, seid doch vernünftig, bleibt stehen." Es hört ja keiner unter diesem Lärm, Geschrei und Gehalle. Sie sind chancenlos. Und das ist eine der schlimmsten Situationen, in die ein Mensch kommen kann.

"Sie hätten lieber nicht aufgemacht": Treppe auf dem Paraden-Gelände.
"Sie hätten lieber nicht aufgemacht": Treppe auf dem Paraden-Gelände.(Foto: picture alliance / dpa)

Heftiges Gedränge gehört ja aber doch nun einmal zu Massenveranstaltungen dazu. Wann wird daraus eine Panik?

Das entscheidende Moment ist der Druck. Panik ist im Grunde genommen ja nur ein Schlagwort, das alle lieben, weil es so dramatisch ist und deutlich macht: Die Leute haben ganz anders reagiert, als man es unter rationalen Gesichtspunkten denken und erwarten würde. Lassen Sie dieses Kürzel mal weg und sprechen Sie einfach nur von "Druck": Manche Menschen sind so unter Druck, dass sie nicht mehr atmen können, in Todesangst geraten und ausrasten.

Nahezu alle Todesopfer der Loveparade wurden vor der kleinen Treppe gefunden, die die Sicherheitskräfte zur Entlastung der Situation am Tunnel geöffnet hatten. Welche Rolle hat die Öffnung der Treppe bei der Katastrophe gespielt?

Die Grundbedingung für die Panik war das sich Zusammendrücken, sich Platz verschaffen und unbedingt Luft schnappen wollen der Leute. Wenn dann aber noch wie bei dieser kleinen Treppe der Eindruck entsteht, es gäbe da eine Chance, besser Luft zu bekommen und dem Schlamassel zu entrinnen, drängen alle dort hin. Das erhöht natürlich wiederum enorm den Druck innerhalb der Masse. Wer am weitesten in der Mitte steht, hat am schnellsten verloren, weil dort der Druck am höchsten ist.

War die Öffnung der Treppe also ein Fehler?

Ich glaube, es war eine gut gemeinte Aktion, hat aber genau das Falsche bewirkt. Und ich glaube, die Ordner dort hatten einfach keine Ahnung von Panik. Sonst hätten sie gewusst, dass man diesen Bewegungsimpuls nicht stiften darf, der extremen Druck eröffnet und damit das Risiko noch einmal erhöht. Sie hätten lieber nicht aufgemacht.

"Wer am weitesten in der Mitte steht, hat am schnellsten verloren": Kreideumrisse eines Opfers.
"Wer am weitesten in der Mitte steht, hat am schnellsten verloren": Kreideumrisse eines Opfers.(Foto: picture alliance / dpa)

Gerade bei der Loveparade werden einige nun auch Alkohol und Drogen als Gründe für die Eskalation vermuten. Kann das eine Rolle spielen?

Selbstverständlich spielen Alkohol und Drogen immer eine Rolle, weil sie in gewisser Weise die Wahrnehmung verändern und enthemmend wirken. Dass das Einfluss hat, wissen wir doch alle. Sie haben ja sicher auch schon mal ein paar Bier zu viel getrunken. Aber, verdammt noch mal, wenn man eine Loveparade macht, muss man damit rechnen. Wenn man hingegen so tut, als ginge es darum, Transportcontainer oder Moleküle mit einer einfachen physikalischen Durchflussberechnung in den Griff zu kriegen, dann versteht man Menschen nicht.

Der Duisburger Polizeichef will im Nachhinein nicht von einer Massenpanik bei der Loveparade sprechen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich weiß nicht, was er unter einer Massenpanik versteht. Natürlich kann man sagen: Sollte tatsächlich eine Million Menschen unterwegs gewesen sein, dann war das, was dort abgelaufen ist, Gott sei Dank noch sehr harmlos und sehr klein. Bezogen auf die Gesamtmasse war es dann eben keine Massenpanik. Ich weiß nur nicht, wem solche Zahlenspielereien helfen.

Tatsächlich wirkt die Situation auf vielen Bildern weniger dramatisch als sie wirklich war. Nur wenige Meter vom Unglücksort entfernt scheinen die Menschen fast entspannt zu sein. Wie ist das zu erklären?

Das hängt damit zusammen, wie hoch der Druck ist und wieviel Raum jeder noch für sich zur Verfügung hat. Das Interessante bei allen Paniken ist, dass der Kernbereich, in dem es wirklich lebensbedrohlich wird, tatsächlich sehr klein ist. Dort, wo der Druck nachlässt und die Leute noch atmen können, kann es wirklich sein, dass sie rumalbern und ihren Spaß haben. Die haben dann die Freude auf das Ereignis im Kopf und hören schon die Musik.Die Nahperspektive des Individuums ist ganz anders. Die meisten kriegen deshalb gar nicht mit, was im Kernbereich des Drucks wirklich los ist.

Verlief stets ohne größere Zwischenfälle: Loveparade in Berlin.
Verlief stets ohne größere Zwischenfälle: Loveparade in Berlin.(Foto: picture alliance / dpa)

Wäre an anderen Orten wie dem früheren Veranstaltungsgelände der Loveparade in Berlin eine Katastrophe wie in Duisburg auszuschließen gewesen?

Nein. Der Tunnel in Duisburg, dieser Flaschenhalseffekt mit optischer und akkustischer Verwirrung, hatte eine ganz zentrale Bedeutung. Aber es gibt für eine Panik nie nur einen Faktor. Man kann sich auch in Berlin Situationen vorstellen, in denen Leute beispielsweise zwischen zwei Trucks zusammengedrängt sind. Oder nehmen Sie das Rockfestival in Roskilde. Weil man seinen Idolen am liebsten ganz nahe sein wollte, drückten dort alle so massiv auf die Bühne hin, dass davor Leute erstickt sind. Das kann überall passieren. Aber die Wahrscheinlichkeit ist natürlich umso geringer je mehr Platz Leute haben, um im Fall der Fälle weg zu können.

Ein Restrisiko ist also nie ganz auszuschließen?

Auf gar keinen Fall.

Mit Wolf Dombrowsky sprach Volker Probst

Quelle: n-tv.de