Panorama

Hochwasser und kein Ende Venedig wartet vergeblich auf "Mose"

Seit knapp 17 Jahren wird in Venedig an einer Flutschutzbarriere gebaut. Doch trotz des prophetischen Namens "Mose" warten die Einwohner der Lagunenstadt noch immer auf das Wunder seiner Einweihung und auf seinen Schutz.

Venedig, Bahnhof Santa Lucia, 9 Uhr morgens: Die befürchtete zweite Flutwelle des Rekordhochwassers ist ausgeblieben, die vergangene Nacht ist ruhig verstrichen und die Lagunenstadt scheint wieder zu einer gewissen Normalität zurückgefunden zu haben. Doch der Schein trügt.

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Signor Luca ist genervt, dass es mit dem "Mose"-Projekt nicht vorangeht.

(Foto: Andrea Affaticati)

Männer in orangefarbenen Arbeitsoveralls machen sich an den Holzstegen zu schaffen. Auf die Frage eines Touristen antwortet einer von ihnen: "Die Flut ist wieder im Anzug. Auf der Piazza San Marco steigt das Wasser schon." Signor Luca, ein dürrer 60-Jähriger, steht direkt am Ufer vor dem Bahnhof. Er ist Gepäckträger und wartet auf Kunden. Er blickt besorgt zu den Arbeitern, schüttelt den Kopf und sagt: "Ich wohne auf der Giudecca, und vorgestern Nacht sah's wirklich gefährlich aus. Noch ein halber Meter mehr und wir hätten das Wasser in der Wohnung gehabt."

"So etwas hat es auf der Giudecca noch nie gegeben", erzählt er n-tv.de. Wobei er und seine Familie im Vergleich zu den Bewohnern von Palestrina noch Glück gehabt hätten. Oder eben zu denen des Markusplatzes.

Nomen ist nicht immer Omen

Dieses Mal hat es auch die Basilika stark getroffen, obwohl man auf die Flutwelle vorbereitet war und die schon bestehenden Wasserbarrieren mit Ziegelsteinen auf 1,75 Meter erhöht hatte. Doch diese Vorkehrungen hielten der Windgeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde nicht halt, der Wind peitschte die Wellen bis zu 1,87 Meter hinauf und das Wasser drang in die Basilika. Die Schäden könnten verheerend sein, denn da es sich um Meereswasser handelt, kann man gar nicht so schnell handeln, wie sich das Salz in die Bausubstanz frisst. "Wissen Sie, was mich aber am meisten nervt?", fährt Luca fort. "Die Schlagzeilen: 'Die gedemütigte Stadt', 'SOS Venedig' und was weiß ich noch alles. Alle schreien auf und fragen sich erst jetzt wieder, was eigentlich aus dem 'Mose'-Projekt geworden ist."

"Mose" steht für "Modulo sperimentale elettromeccanico" und bezeichnet das experimentelle Sturmflutsperrwerk, mit dem das historische Zentrum Venedigs vor Hochwasser abgeschirmt werden soll. Der erste "Mose"-Baustein wurde 2003 gelegt, doch die Idee und das Projekt sind viel älter. Sie stammen aus dem Jahr 1966, als Venedig von einer noch dramatischeren Überflutung heimgesucht wurde. Damals erreichte das "Acqua alta" ganze 1,94 Meter. Die Stadtverwaltung und die Politik in Rom versprachen sofortige Gegenmaßnahmen, man dürfte auf keinen Fall noch mehr Zeit verlieren, hieß es.

Überlegungen und Debatten zogen sich dann aber 20 Jahre in die Länge. Und so wurde das "Mose"-Projekt erst 1986 bewilligt. Laut damaliger Bauplanung sollte es bis 1995 fertig sein. Dem war aber nicht so. Erst 17 Jahre später ging es wirklich los. Bürokratische Hürden, Umweltschützer, die das Projekt beanstandeten, und es noch immer tun, trugen zu den Verspätungen bei. Über den Namen war man sich stattdessen gleich einig, das Akronym klang verheißungsvoll: Immerhin soll ja der biblische Mose das Rote Meer geteilt haben, um seine Glaubensbrüder in Sicherheit zu bringen. Und das Lagunenprojekt soll der Bevölkerung und der Stadt Schutz bieten. Aber Nomen ist, anscheinend, nicht immer Omen.

Die einen werden reich, die andern schaufeln weiter

Bis jetzt wurden knapp 5,5 Milliarden Euro öffentlicher Gelder in das Projekt gesteckt. Weitere Millionen benötigt es, um - wie vor Kurzem erst verkündet - im Dezember 2021 fertig zu sein. Wenn alles planmäßig verläuft, soll "Mose" am 30. Juni 2022 in Funktion treten.

"Wer's glaubt, wird selig", bemerkt Luca sarkastisch: "Jeder hat sich hier sein Stück vom Kuchen abgeschnitten, während wir Venezianer weiter Schlamm und Gerümpel aus unseren Häusern schaufeln." In der Tat haben bei diesem Projekt viele ihren nicht immer legalen Profit gemacht. 2014 deckten die Ermittler einen Schmiergeldskandal auf. Schlüsselfigur dieser Geldschleudermaschine war Giovanni Mazzacurati, der Vorsitzende des mit dem "Mose"-Projekt betrauten Konsortiums. Von 2004 bis 2014 sollen nach damaligen Ermittlungen über 250 Millionen Euro geflossen sein. Mazzacurati starb im September in Kalifornien, ohne verurteilt worden zu sein.

"Hätten wir doch das Projekt den Holländern gegeben", sagt Luca zum Abschluss noch. "Der Bau wäre schon längst fertig. Und billiger wäre er uns auch gekommen". Stattdessen wird, wenn überhaupt, 2022 ein Flutschutzwehr in Funktion treten, das mittlerweile viele, nicht zuletzt infolge des Klimawandels, als überholt bezeichnen.

Quelle: ntv.de