Panorama

Star und Hassfigur Vor 30 Jahren starb Rudi Dutschke

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Rudi Dutschke bei einer Wahlkampfkundgebung der Bremer Grünen Liste 1979.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als Rudi Dutschkes Tod bekannt wurde, war für viele das Weihnachtsfest vorbei. Sein Tod am Heiligabend 1979 schockierte Linke und Studenten, außerparlamentarische Opposition und erstarkende Ökologiebewegung. Dutschke war die Ikone dieser Szene. Seit dem Anschlag auf sein Leben, elf Jahre zuvor, war er lange aus der Öffentlichkeit verschwunden. Doch Ende der 70er Jahre schien er zurückzukehren auf die politische Bühne der Bundesrepublik, von der er jahrelang nicht fortzudenken war.

Dutschkes Ausstrahlung, seine Redekunst und die unerbittliche Haltung im Kampf für seine Ziele waren die Eigenschaften, die ihn in der noch jungen Bundesrepublik für die einen zum Star, für die anderen zur Hassfigur machten. Niemand verkörperte wie er das Aufbegehren der Jugend gegen die Nachkriegsgesellschaft, die es sich in Wirtschaftswunder und Westanbindung bequem gemacht hatte. Weder NS-Zeit, noch Krieg, weder deutsche Teilung, noch soziale Ungleichheit wurden diskutiert. Die Deutschen waren froh, da zu sein, wo sie waren, doch für Dutschke war das nicht genug.

An Ämtern nie interessiert

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Rudi Dutschkes Witwe Gretchen steht mit ihrer Tochter während der Beisetzung am Sarg. Der Studentenführer und Ideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wurde am 3. Januar 1980 auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem beigesetzt.

(Foto: dpa)

1940 im brandenburgischen Schönefeld geboren, wuchs er in Armut auf. Seine Mutter, eine gläubige Protestantin, zog die vier Söhne lange allein groß, weil der Vater sich in Kriegsgefangenschaft befand. Dutschke folgte seiner Mutter in die Kirche und verbrachte seine Freizeit auf dem Sportplatz, wo er im Hochsprung glänzte. Sein Berufswunsch war es, Sportreporter zu werden, doch weil er den sogenannten freiwilligen Dienst in der Kasernierten Volkspolizei verweigerte, blieb ihm ein Studium verwehrt. Dutschke ging nach West-Berlin, wo er sich an der Freien Universität einschrieb, allerdings nicht für Sport, sondern für Soziologie, denn Journalistik sei "ein Studienfach ohne Boden", wie er einem Freund 1961 schrieb.

Im Café am Steinplatz unweit vom Bahnhof Zoologischer Garten saß er mit Studenten aus dem Osten und studierte linke Theoretiker. Schon bald wollte Dutschke mehr Menschen, als nur seine Kommilitonen überzeugen. Er trat dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei, dem einstigen Studentenverband der SPD, von dem sich die Partei 1961 lossagte. Hier fand Dutschke ein organisatorisches Zuhause, doch an Ämtern und Verbandsarbeit war er nie interessiert.

Ein Leben für die Idee

Dutschke lebte für die große Idee. Sein Ziel war die Befreiung des Individuums aus den Zwängen "von Ökonomie, von Politik, von Öffentlichkeit", die totale Revolution, zum Zweck eines gerechten und glücklichen Lebens, wie er 1965 schrieb. Der Weg dahin führte über den Sozialismus, eine Avantgarde sollte das Volk führen. In seinem Verhältnis zur Gewalt blieb Dutschke unklar. Er äußerte sich widersprüchlich, den Terrorismus der Rote Armee Fraktion  lehnte er ab, nutzte aber die Eskalation als Element des Protests.

Die Antwort von Politik und Medien auf den Herausforderer war scharf. Die "Bild"-Zeitung nannte ihn "Staatsfeind Nr. 1". Das war am Tag, als auf ihn geschossen wurde, am 11. April 1968. Der 23-jährige Hilfsarbeiter Josef Bachmann lauerte dem Studentenführer am Kurfürstendamm auf und schoss dreimal auf den 28-Jährigen. Schwer verletzt überlebte Dutschke. Erst nach langer Konvaleszenz wurde er wieder aktiv. 1979, im Jahr seines Todes, schloss er sich den Bremer Grünen an, doch am Heiligabend holten ihn die Spätfolgen der Verletzung ein. Bei einem epileptischen Anfall ertrank er zu Hause im Bad.

Der Attentäter war zuvor zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden und nahm sich in der Haft das Leben. Bachmann galt als Einzeltäter - eine Einschätzung, die in den vergangenen Wochen in Zweifel gezogen wurde. Laut einem "Spiegel"-Bericht von Anfang Dezember war er Mitglied einer Neonazi-Gruppe in seiner Heimatstadt Peine, was, falls es wahr ist, Dutschkes Tod 30 Jahre später in ein verändertes Licht rücken würde.

Quelle: ntv.de, Mechthild Henneke, AFP

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