Panorama

Vesuv ist das kleinste Problem Warum Neapel nur noch marode Kulisse ist

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Rauchsäulen steigen am 11. Juli am Vesuv in Italien an mehreren Stellen auf. Sie stammten aber nicht aus dem Krater des Vulkans, sondern aus Brandherden an seinen Flanken.

(Foto: dpa)

Jedes fünfte Gebäude in Neapel ist stark sanierungsbedürftig. Die Stadt und ihre Vororte sind so dicht besiedelt, dass bei Notevakuierungen das Militär einschreiten muss. Die Neapolitaner schimpfen über die Politiker und arrangieren sich.

Als vor einer Woche in Torre Annunziata, einem Vorort Neapels, ein mehrstöckiges Wohnhaus einstürzte und acht Menschenleben mit sich in den Tod riss, darunter zwei Kinder, erfasste wieder einmal Entsetzen und Bestürzung das ganze Land. Die Medien sprachen, wie so oft schon, von einer "angekündigten Tragödie", die Neapolitaner zeigten sich wie immer wütend gegenüber der Stadtverwaltung und die Staatsanwaltschaft kündigte Ermittlungen an.

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Beim letzten Hauseinsturz starben acht Menschen, darunter zwei Kinder.

(Foto: dpa)

Der Einzige, der nicht nach abgedroschenen Sätzen griff und die Schuld bei anderen suchte, war Pfarrer Ciro Cozzolino, der wenige Stunden nach dem Unglück seiner Gemeinde ins Gewissen redete. "Wir alle wissen, dass das nicht die erste und auch nicht die letzte Tragödie war. Denn solange wir selber nichts gegen die marode Bausubstanz unserer Stadt unternehmen, werden weitere folgen. Wir sind es, die dafür sorgen müssen, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt." Reagieren anstatt wegsehen oder gar mitpfuschen, das sei die Pflicht eines jeden.

"Wollen wir hoffen, dass die Worte von Don Ciro die Menschen hier wachrütteln" meint Anna Savarese, stellvertretende Vorsitzende der Umweltschutzorganisation Legambiente in Kampanien. Doch angesichts der Buschfeuer, die seit Tagen am Vesuv wüten, scheint sie nicht besonders hoffnungsvoll zu sein. Hinter den Bränden vermutet man nämlich private Hausbesitzer, die so versuchen, sich den gerichtlich angeordneten Abrissen ihrer ohne Baubewilligung errichteten Häuser zu widersetzen.

Überall "abusivismo"

Gepfuscht wird in der Baubranche, und besonders in Süditalien, schon immer. "Abusivismo", die ungenehmigte Bautätigkeit, gehört auch in Neapel zum Alltag. Das zieht außerdem eine Kette von weiteren Rechtswidrigkeiten mit sich wie Schwarzarbeit, billige, nicht normkonforme Baustoffe. Früher hatte auch die Camorra, die neapolitanische Mafia, großes Interesse an diesem Geschäft. "Doch seit der Wirtschaftskrise und dem mauen Immobilienmarkt konzentriert sie sich zunehmend auf lukrativere Bereiche", erklärt Savarese. Umso mehr profitieren unlautere Unternehmen und die Auftraggeber, die satte Rabatte bekommen. Wie tragfähig das Gebäude dann ist, scheint nur nebensächlich zu sein.

Und so kommt es, dass gerade Neapel, die Stadt, die mit ihrem atemberaubenden Panorama zu den kitschigsten Beschreibungen verleitet, laut Medienberichten nicht mehr als eine marode Kulisse ist. Jedes fünfte Haus gilt als sanierungsreif. Zahlen, meint Savarese, die eher auf Schätzungen beruhen, aber doch ziemlich richtig liegen. "Heute weist die Stadt die höchste Baudichte landesweit auf", fährt Savarese fort. Nur in Neapel beträgt sie etwas mehr als 8000 Einwohner pro Quadratkilometer, in manchen Vororten steigt sie bis zu 12.200 pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In München, Deutschlands am dichtesten besiedelter Stadt, beträgt sie 4400 pro Quadratkilometer. "Kann sich jemand vorstellen, was das bedeutet, wenn man in einer Notsituation die Menschen so schnell wie möglich evakuieren muss?", gibt sie zu bedenken.

Wobei es gar nicht erst zu einem Vulkanausbruch kommen muss, als problematisch erweist sich schon die jetzige zwei Kilometer breite Feuerfront. Um einige Gemeinden zu evakuieren, musste das Militär einrücken. "Auch die immer heftigeren, sintflutartigen Gewitter können jederzeit einen Erdrutsch verursachen. Und wie bringen wir dann die Menschen in Sicherheit? Es gibt nur wenige Fluchtwege, weil alles verbaut ist", erklärt Savarese. Besonders gefährdet seien die Vororte östlich von Neapel, die sogenannte rote Zone, am Fuße des Vesuvs. Doch gerade dort leben 700.000 Menschen. "Mentalität und Fatalismus spielen dabei eine Rolle, die Neapolitaner mögen es wenn die Familie eng beieinander bleibt, am liebsten Tür an Tür. Es wird schon nichts passieren, denkt man sich."

Hinzu kommt dann noch die stark gefährdete Bausubstanz, die zu Tragödien wie der in Torre Annunziata führt. Zwar würde die Politik immer wieder die Einführung eines "Gebäudeausweises" in Erwägung ziehen, sagt Savarese, doch bis heute blieb es beim Vorsatz. Denn in Wahrheit scheuen sich die Politiker davor, man will ja nicht die Wählerschaft verprellen. Aber gerade dieser Ausweis würde nicht nur das Röntgenbild eines jeden Gebäudes liefern, damit könnte man auch den "abusivismo" gezielt bekämpfen. "Wir brauchen einen Mentalitätswandel", meint Savarese. "Denn die politische Klasse ist letztendlich nur Ausdruck der Gesellschaft. Wir Italiener mögen zwar auf dem weltweit größten Kulturerbe sitzen, zivilisatorisch haben wir aber noch enormen Aufholbedarf."

Quelle: n-tv.de

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