Panorama

Rettung von Kind in Schacht "Was in Totalán passiert, ist absolutes Chaos"

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Mit schwerem Gerät versuchen Bergungskräfte, den Jungen aus dem Inneren des Berges zu befreien.

REUTERS

Bereits seit einer Woche versuchen Rettungsmannschaften im südspanischen Totalán, einen zweijährigen Jungen aus dem Inneren eines Berges zu befreien. Das Kind ist in ein schmales Bohrloch gerutscht und wird in einer Tiefe von fast 75 Metern vermutet. Der Architekt und Bergungsexperte Jesus Flores Vila glaubt, das Kind hätte schon längst befreit werden können. Im Interview mit n-tv.de kritisiert er die spanische Bürokratie und Obrigkeitshörigkeit.

n-tv.de: Erst seit Samstagmittag laufen die Rettungsarbeiten so, wie sie Ihrer Meinung nach von Beginn an hätten laufen sollen. Wieso?

Jesus Flores Vila: Jetzt ist endlich der richtige Bohrer im Einsatz mit einer Länge von 80 Metern. Mit dem kann man an die Stelle vordringen, an der sich der kleine Julen vermutlich befindet. Den hätte man schon vor einer Woche anfordern und ranschaffen müssen. Stattdessen kam er erst am Freitag hier an.

Die Helfer haben anfangs versucht, einen horizontalen Tunnel zu bauen, der aber nicht realisierbar war. Danach haben sie versucht, mit einem 50 Meter langen Bohrkopf an Julen heranzukommen.

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Für die Bergungsarbeiten sind riesige Bohrer notwendig.

(Foto: dpa)

Richtig. Aber wenn man nur 50 Meter tief bohren kann, wie will man dann eine Stelle in über 70 Meter Tiefe erreichen? Diese Frage haben sich wohl auch die Verantwortlichen gestellt. Sie haben deshalb angefangen, eine Plattform in den Hang zu bauen, und zwar 30 Meter unterhalb des Eingangs vom Schacht. Dann hätte man nur noch 40 bis 50 Meter bohren müssen, um auf Julens Tiefe zu gelangen. Nur haben sich die Arbeiten an dieser Plattform tagelang hingezogen. Es musste erst mal das entsprechende Gerät angeschafft werden. Aber das hat sich so unfassbar verzögert, dass man sich doch entschieden hat, den 80 Meter langen Bohrkopf anzufordern. Leider wurde dabei viel Zeit vergeudet, nicht Stunden, sondern Tage.

Wie erklären Sie diese Fehlentscheidungen?

Das sind Leute am Werk, die keine Ahnung haben, was sie tun. Sie müssen sich das so vorstellen, dass sich die Vertreterin der Zentralregierung hier in Andalusien mit ihren Leuten die Frage stellt, wer für eine solche Aufgabe geeignet wäre. Dann kommt jemand auf die Idee, dass man mal an der örtlichen Ingenieursschule nachfragen könnte. Deren Chef wird dann kurzerhand zum Leiter der Rettungsaktion ernannt. Der Mann hat aber keine praktische Erfahrung bei dem, was er tut. Das ist eine politische Position, die er da ausfüllt. Die Verantwortlichen sind schlichtweg überfordert.

Wieso glauben Sie das?

Ich beurteile das aus fachlicher Perspektive. Ich habe 20 Jahre Erfahrung mit Grabungen und Bauvorhaben. Ich stamme aus der Gegend hier. Ich kenne mich aus mit dem Terrain, auf dem hier gearbeitet wird. Das ist unser tägliches Brot. Und ich sage Ihnen, was da in Totalán passiert, ist ein absolutes Chaos. Ich war persönlich an der Unglücksstelle und habe mit ranghohen Helfern gesprochen, die mir gesagt haben, dass sie sehen, dass die Dinge falsch laufen.

Weshalb schlägt dann niemand Alarm?

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Anwohner haben Banner aufgehängt, um Julen Kraft zu spenden.

(Foto: REUTERS)

Das ist eine gute Frage. Es liegt daran, wie die Menschen hier aufgewachsen sind. Es ist ein kulturelles Problem, dass nicht in Frage gestellt wird, was von den Vorgesetzten angeordnet wird. Selbst dann, wenn man der Meinung ist, dass es falsch ist. Problematisch sind auch die politischen Interessen. Da will keiner dem anderen die Plattform bieten, sich zu profilieren oder dem politischen Gegner Zugeständnisse machen.

Konnten Sie nicht auf Ihre Sicht der Dinge aufmerksam machen?

Ich habe von Beginn an meine Hilfe angeboten. Am Mittwoch dann habe ich über Twitter die Leitung der Aktion direkt angeschrieben und gesagt, dass ich zur Verfügung stehe. Ich habe keine Antwort bekommen.

Sie erhalten allerdings auch viel Gegenwind für Ihre Thesen.

Als ich am vergangenen Sonntag damit angefangen habe, über das Unglück aus meiner beruflichen Perspektive zu twittern und zu kommentieren, habe ich viele Menschen verärgert. "Wie kannst du es wagen?", haben viele gefragt. Von meinen Kritikern sind inzwischen die meisten umgeschwenkt und erkennen die Absurdität an. Wenn alles professionell abgelaufen wäre, dann hätte Julen eine realistische Chance gehabt, zu überleben. Ich sehe diese Chance jetzt nicht mehr und irgendjemand wird sich dafür verantworten müssen, wenn eine Obduktion ergeben sollte, dass er am Mittwoch noch gelebt hat.

Was sind die Beweggründe für Ihre scharfe Kritik?

Zweierlei. Ich bin selbst Vater von drei Kindern. Meine jüngste Tochter ist zwei Jahre alt, genauso wie Julen. Außerdem kann ich es nicht ertragen, dass die Welt auf uns schaut und den Eindruck gewinnt, wir sind nicht in der Lage, dieses Kind aus dem Berg zu holen. Spanien ist bekannt für sein Ingenieurwesen. Spanische Firmen bauen große Projekte in der ganzen Welt. Es darf nicht sein, dass Politik und Bürokratie uns daran hindern, diese Fähigkeiten zu nutzen. Das muss sich ändern und das kann es nur, wenn diese skandalöse Rettungsaktion öffentlich diskutiert wird.

Was denken Sie, wann Julen geborgen wird?

Die Bohrung geht jetzt gut voran. Die Bergbauspezialisten aus Asturien, die seit einer Woche darauf warten, die beiden Schächte per Hand zu verbinden, sind absolute Profis und werden höchstens zehn Stunden benötigen. Am Montagnachmittag sollte der Junge erreicht sein.

Glauben Sie, dass er noch lebt?

Der Vater in mir hofft es. Der Ingenieur in mir glaubt nicht daran.

Mit Jesus Flores Vila sprach Marcel Grzanna

Quelle: n-tv.de

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