"Der lange Abschied"Wenn die geliebte Frau "verschwindet"

Etwa eine Million Menschen leiden an Alzheimer. Jeder hundertste Patient bekommt die Krankheit sehr früh. Yvonne Herber ist gerade Anfang 40, als sie die Diagnose erhält. Während sie sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzieht, hält Hans Herber an seinem Versprechen fest. Bis zum Tod ist er für sie da.
Etwa eine Million Menschen leiden an Alzheimer. Jeder hundertste Patient bekommt die Krankheit sehr früh. Yvonne Herber ist gerade Anfang 40, als sie die Diagnose erhält. Während sie sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzieht, hält Hans Herber an seinem Versprechen fest. Bis zum Tod ist er für sie da.
n-tv.de: Schon der Titel Ihres gerade erschienenen Buches "Der lange Abschied - Als meine Frau mit 40 an Alzheimer erkrankte" lässt einem den Atem stocken. Eine so junge Frau hat eine Krankheit, die man gemeinhin mit alten Menschen verbindet. Was fühlten Sie, als Sie zum ersten Mal von der Diagnose hörten?
Hans Herber: Die Diagnose 2010 versetzte uns fast in eine Art Schockzustand. Vor allem, weil wir bis zuletzt so gut wie gar nicht mit diesem Ergebnis gerechnet haben. Jeder dachte eher an Depressionen oder Burnout, aber nicht an Alzheimer. Meine Frau Yvonne brach sofort in Tränen aus. Ich selber konnte erst mal nicht so viel mit dieser Krankheit anfangen. Ab diesem Moment war nichts mehr wie zuvor. Nachdem wir uns dann über diese Krankheit informierten, wurde alles noch viel schlimmer. Es kamen große Ängste auf - vor dem, was uns erwartet. Nur die Hoffnung, dass es noch lange dauert und sich in dieser Zeit noch etwas aus medizinischer Sicht ergibt, lässt einen durchhalten. Leider ging alles rasend schnell und Yvonne begriff sehr wohl, dass ihr immer mehr verloren ging. Es muss für sie extrem schlimm gewesen sein - bis zu dem Zeitpunkt, als sie nur noch in ihrer eigenen Welt war.
Die Krankheit Ihrer Frau hat Sie radikal aus Ihrer Komfortzone gerissen. Wie haben Sie auf diese beängstigende Situation reagiert?
Man funktioniert einfach. Wenn man am Beginn dieser Krankheit wissen würde, was auf einen zukommt, würde man wahrscheinlich zusammenbrechen oder weglaufen. Das weiß man aber zum Glück nicht. Ich hätte mir nie vorstellen können, meine Frau mal zu wickeln und zu baden. Als wir dann an diesen Punkt waren, macht man es einfach, ohne darüber nachzudenken. Man passt sich immer wieder jeder Situation an.
Was war für Sie das Schlimmste?
Yvonne so leiden zu sehen und im Prinzip nichts dagegen machen zu können. Natürlich auch eine gewisse Angst vor dem, was kommen würde. Die Ungewissheit, welchen Verlauf die Krankheit nehmen würde und wie es endet.
Sie haben Ihrer Frau am Anfang ihrer Alzheimer-Leidenszeit versprochen, Sie nicht allein zu lassen. Haben Sie dieses Versprechen jemals bereut?
Das Versprechen habe ich nie bereut. Zu keiner Zeit, selbst in den schlimmsten Phasen nicht. Ich war mit Yvonne seit dem 28. März 1992 zusammen, wir haben so viel zusammen erlebt, egal ob gut oder schlecht. Sie ist die Mutter meines Sohnes Marc, den ich über alles liebe. Das war das Mindeste, was ich für sie machen konnte. Ich würde es genau wieder so leben, damit war ich mir immer absolut sicher.
Noch zu Lebzeiten Ihrer Frau lernten Sie Ihre jetzige Lebenspartnerin Sandra kennen. In Ihrem Buch schreiben Sie, ohne sie hätten Sie das alles nicht durchgestanden. Gab es auch Zeiten, in denen Sie sich schuldig gegenüber Ihrer kranken Frau gefühlt haben?
Die Liebe zu Sandra ist in dieser Zeit gewachsen, es war keine Sache von jetzt auf gleich. In mir war natürlich irgendwann auch der Wunsch nach einem kleinen Stück Normalität. Zeit, aufzutanken und für einen kleinen Moment nicht mit der Krankheit konfrontiert zu sein. Sandra tat mir gut. Die Art und Weise, wie sie mich unterstützt hat, war sehr wichtig für mich. Vor allem für Marc war es gut, dass Sandra mit ihren zwei Kindern bei uns war. Dadurch war wieder ein Stück Normalität in unserer Familie. Hätte ich diese Zeit nur mit Marc und seiner kranken Mutter verbracht, wäre das für ihn viel schlimmer gewesen. Außerdem hätte ich es ohne die Hilfe von meiner Schwester Gabi, meinem Schwager Hans-Jürgen und Sandra nicht gepackt. Man kann dies alles schwer erklären, manche Menschen können es vielleicht auch nicht verstehen. Aber für mich und Marc war es der einzige und richtige Weg. Und Yvonne hat Sandra sehr gemocht.
Sie haben Ihre Frau fünf Jahre lang gepflegt. Verändern sich Werte und Tugenden, wenn das Leben dermaßen aus den Fugen gerät?
Meine Lebenseinstellung hat sich mit Sicherheit geändert. Ich lebe heute viel bewusster als früher. Diese Krankheit hat mich geprägt. Es war wohl die schwerste Zeit in meinem Leben. Wichtig war für mich, das Yvonne bis zum Schluss bei uns bleiben konnte. Ich sagte ihr immer wieder, dass sie keine Angst haben soll, ich werde immer bei ihr sein. So war es bis zum Schluss, als sie uns ganz friedlich verlassen hat. Ich habe in dieser Zeit bestimmt Fehler gemacht. Später ist man immer ein Stück schlauer. Heute noch versuche ich manche Momente in meinem Kopf durchzuspielen. Doch ich glaube, es war der richtige Weg, den ich gegangen bin.
Welchen Rat geben Sie Menschen, die ebenfalls mit der Diagnose Alzheimer konfrontiert werden?
Ich kann nur den Rat geben, sich so gut wie möglich über die Krankheit zu informieren. Je mehr man darüber weiß, umso besser kann man den Betroffenen verstehen und mit ihm umgehen. Wenn man dann noch auf sich alleine gestellt ist, muss man schauen, das es genug Entlastung für einen selber gibt. Wenn die eigene Kraft nicht mehr vorhanden ist, kann man auch dem Betroffenen nicht mehr richtig helfen. Selbsthilfegruppen können sehr hilfreich sein. Wenn die Belastung im Endstadium zu groß wird, sollte man sich nicht schämen und den Betroffenen in eine geeignete Einrichtung geben. Nicht jeder hat solche Möglichkeiten, wie ich sie hatte. Es ist keinem damit geholfen, wenn man selber daran kaputtgeht. Diese Krankheit fordert auch den Betreuer bis auf die Schmerzgrenze der Belastbarkeit.
Mit Hans Herber sprach Diana Sierpinski
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