Zehn Euro machen die Welt besserWie Andrea Bury marokkanischen Mädchen eine Ausbildung ermöglicht

Andrea Bury hat eine Leidenschaft, aus der viele weitere Leidenschaften gewachsen sind. Dass sie damit Mädchen in Marokko hilft und die Welt etwas schöner und besser macht, sind nur zwei Nebeneffekte, wie ntv.de im Gespräch erfährt.
Andrea Bury hat von 2007 bis 2009 in Marrakesch gelebt und ein altes Haus in der Medina, also in der Altstadt, mit traditionellen Kunsthandwerkern renoviert und zu einem Boutique Hotel umgebaut. Sie betreibt das Riad Anayela seit 15 Jahren mit Leidenschaft. Oft hat sie sich aber gefragt, wo die Frauen in Marokko eigentlich sind. Bury hat sich auf die Suche gemacht und sie kennengelernt, stellte Fragen, las viele Bücher. Und dann ist sie "einfach eingetaucht". Kultur und Gastfreundschaft haben sie inspiriert, etwas zurückgeben zu wollen. "Helfen" will sie übrigens nicht, "ich mag dieses Wort nicht. Es ist eher so etwas wie 'anstupsen' oder 'Möglichkeiten schaffen'. Es fehlen manchmal ja nur ein paar Zugänge."
ntv.de: Sie lieben Marokko und sind oft dort, aber nicht in den Ferien, sondern um zu arbeiten. Was machen Sie in Marrakesch genau?
Andrea Bury: Wir haben mehrere Unterprojekte meiner ABURY Foundation, einer gemeinnützigen GmbH in Marrakesch, in der es ursprünglich nur um handgefertigte Taschen und Accessoires aus Marokko ging, die Frauen Arbeit verschaffen. Wir waren jetzt aber dort, um das neue Semester der ABURY Hospitality Academy einzuleiten. Die Mädchen kamen nach ihren ersten vier Monaten und nach dem ersten Praktikum zurück in die Academy.
Worum geht es da?
Die Mädchen absolvieren ein neunmonatiges Ausbildungsprogramm im Hospitality Bereich. Dies schließt Theorie wie zum Beispiel fachbezogenes Englisch, Soft Skills und IT ein. Also, wie man einen Lebenslauf schreibt und Excel und Word anwendet. Und natürlich die hotelbezogenen Themen Housekeeping im ersten Semester und Food & Beverages im zweiten Semester. Nach drei Monaten Theorie erfolgt ein erstes Praktikum für einen Monat in einem unserer Partnerhotels vor Ort in Marrakesch, und dann starten sie in das zweite Semester. In F & B und Service lernen sie zum Beispiel: Wie decke ich einen Tisch? Wie geht es in einer Großküche zu, wie schneide ich richtig, all die Dinge, die man in einer Profiküche wissen muss. Und Ende März gehen sie dann noch mal für zwei Monate in ein Hotel ins Praktikum, immer in Marrakesch. Danach kommen sie wieder in die Academy, machen die Prüfungen und bekommen, hoffentlich, ihr Zertifikat (lacht).
Alles marokkanische Mädchen?
Ja, es sind 14 Mädchen in unserem ersten Kurs, die alle aus der Gegend um Marrakesch kommen. Manche fahren allerdings jeden Morgen bis zu zwei Stunden, um in die Academy zu kommen. Auch unsere Direktorin ist eine Marokkanerin, Ende 20, sie hat fünf Jahre in einer anderen NGO gearbeitet, im Atlasgebirge. Dort hat sie Trainings zur Stärkung der Frauen auf dem Land durchgeführt. Auch durch ihre Kontakte haben wir bereits im ersten Jahr 76 Bewerbungen aus Marrakesch und Umgebung bekommen.
Warum Marokko?
Marrakesch ist mein zweites Zuhause. Ich habe dort eine Zeit lang gelebt, und deswegen habe ich ein, ich sage mal, fast schon natürliches Bedürfnis, dort anzupacken. Wir sind eine Weltgemeinschaft - fast alles ist miteinander verbunden, und eine Handlung hat immer irgendwo anders eine Wirkung - auch wenn wir es selbst oft nicht sehen. Aber wir spüren ja jetzt alle die Auswirkungen der Globalisierung, der Migration. Für mich hat es sich ganz natürlich ergeben, an diesem Thema zu arbeiten, mit den Menschen und vor allem den Frauen. Wir wollen Bildungs-Plattformen vor Ort und damit Chancen schaffen. Unser Ziel ist, die Frauen so auszubilden, dass sie vor Ort arbeiten können und sich eine Lebensgrundlage schaffen. Denn ganz ehrlich: Die wenigsten wollen ihre Heimat verlassen, wenn es nicht sein muss.
Keiner flieht, wenn es keine Gründe gibt …
Ja, natürlich flieht man vor Kriegen, da können wir nicht viel machen. Oder vor Naturkatastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels, aber dagegen können wir schon etwas mehr unternehmen. Der dritte Ursache für Migration sind wirtschaftliche Gründe. Und an diesem Punkt können wir doch sehr pragmatisch und direkt eingreifen.
Marokko ist ein sicheres, ein faszinierendes Land. Wir Europäer sollten darauf achten, dass auch wir dort nicht den Anschluss verpassen, oder?
Ganz wichtiger Punkt, denn wo geschieht Innovation? Meistens dort, wo Menschen ein Bedürfnis haben, ein Problem zu lösen, die dann darüber nachdenken, wie komme ich aus der Situation heraus? Das ist genau das, was man in vielen Innovation-Hubs in Afrika sieht, gerade in Nigeria oder auch Kenia - da passiert sehr viel. Wir haben meist so ein Monobild von Afrika als Kontinent, dabei hat dieser Kontinent 54 Staaten und - genau wie in Europa - auch viele verschiedene Kulturen und Sprachen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Ihr Engagement hat also mit Ihrer Zeit in Marokko angefangen?
Genau - und was über die Jahre immer wichtiger wurde und stärker in den Fokus rückt, ist der Aspekt der Völkerverständigung, weil die Welt gerade immer weiter auseinanderdriftet. Wir brauchen dringend mehr Verständnis füreinander. Deswegen haben wir uns entschlossen, nicht nur Projekte in Marokko umzusetzen, sondern interkulturellen Austausch genereller fördern. Ich finde es auch schade, dass dieser Austausch und diese Verbindung in unseren Welten oftmals so verhärtet ist. Dass sehr viele Menschen oft nur noch schwarz-weiß sehen und gleich vieles von Anfang an in eine Schublade stecken. In der Meinungsbildung würde es nicht schaden, wieder ein bisschen weicher zu werden in der Kommunikation und in den Austausch zu gehen.
Sie haben sich, auch zu diesem Zweck, an der "ABURY Girls Gearing Up Academy" beteiligt.
Ja, das ist eine internationale Leadership Academy in Berlin für Mädchen im Teenageralter. Dort kommen Mädchen mit den verschiedensten religiösen, kulturellen, sprachlichen Hintergründen zusammen. Wir inspirieren sie durch Besuche bei Unternehmen, wo sie sich mit Managerinnen austauschen können, es gibt Mentoring-Nachmittage, Workshops, die ihr Selbstbewusstsein stärken, aber auch die Sicht auf die Welt hinterfragen. Es gibt einen Abend, wo jede Gruppe ihre Kultur vorstellt - mit Musik, Kostümen, Traditionen etc. Die Mädchen lernen auf neutralen Grund spielerisch die anderen Kulturen kennen, stärken ihr Selbstbewusstsein, und finden vielleicht heraus, was sie einmal werden wollen. Sie lernen von Frauen, die ihnen erzählen, wie sie wurden, was sie sind. Und natürlich sind auch immer viele deutsche Mädchen dabei.
Was haben Sie noch erreicht?
Viele der Mädchen bleiben auch nach der Academy mit uns in Kontakt, nehmen an digitalen Angeboten teil - wir erhalten regelmäßig dankbare Nachrichten von Eltern. Es ist schön zu sehen, wie viel Motivation und Inspiration die Mädchen aus dieser einen Woche mitnehmen und wie viel sie davon zurückgeben. Eine von vielen Geschichten ist die von Jamila aus Marokko: Nach der Academy fragte sie uns, ob sie einen Laptop bekommen könne, um programmieren zu lernen. Über unser Netzwerk haben wir einen organisiert. Sechs Monate später schickte sie mir ein Foto von sich auf einer Bühne - ausgezeichnet für ihre Programmierleistung im Bereich Cybersecurity. Solche Entwicklungen erleben wir immer wieder.
Und die Mentorinnen?
Viele bleiben langfristig im Austausch, einige Frauen haben Patenschaften übernommen und finanzieren Reisekosten und die nächste Campteilnahme für ein Mädchen. Im letzten Jahr waren wir unter anderem gemeinsam bei RTL, Microsoft und Google und haben dort erfolgreiche Managerinnen und ihre Lebenswege kennengelernt. Für viele Mädchen ist es dabei das erste Mal, dass sie im Mittelpunkt stehen und mit Frauen über Zukunft, Beruf und eigene Ideen sprechen können.
Suchen Sie die Mentorinnen persönlich aus?
Letztes Jahr haben wir den Mentorinnen-Nachmittag zum ersten Mal durchgeführt. Da haben wir alle persönlich ausgesucht und angesprochen. Wir wollen ein möglichst breites Spektrum an Berufen abbilden. Das hat gut funktioniert, deswegen werde ich es weiter so handhaben.
Was brauchen Sie außerdem, damit so ein Projekt existieren kann?
Natürlich brauchen wir Funding. Wir brauchen ein Team, das die ganzen Projekte auch umsetzt. Viele gehen ja davon aus, dass Non-Profit bedeutet, dass die Mitarbeiter umsonst arbeiten - aber das wäre wie die Pizza bestellen, ohne den Pizzabäcker bezahlen zu wollen. Wir freuen uns besonders über Unternehmenspartner, die Lust haben, Projekte langfristig mittragen. Da wir Gesellschafterinnen alle aus der Wirtschaft kommen, entwickeln wir immer Kooperationen, die den Unternehmen auch viel zurückgeben - Win-Win! Wir bekommen das Geld zusammen, ja, aber es ist jedes Mal ein wahnsinniger Aufwand (lacht). Es wäre einfach schön, Partner zu haben, die sich committen, die sagen, wir sind jetzt drei Jahre dabei. Wir brauchen übrigens immer helfende Hände. Wir haben einen schönen Freundeskreis, über 70 sind wir inzwischen, und ab zehn Euro im Monat kann man uns unterstützen.
Zehn Euro sind äußerst machbar …
(lacht) Stimmt. Und: Über den Freundeskreis können wir jeden Monat drei Lehrer in Marokko bezahlen für unsere Aktivitäten dort. So kann man auf relativ niedrigschwelligem Niveau wirklich etwas beitragen. Wir wollen als nächstes einen PopUp-Store in München eröffnen, damit wir unser Handwerk, zum Beispiel unsere Taschen, dort verkaufen können. Denn auch jede verkaufte Tasche hilft, unsere Projekte zu unterstützen.
Sie haben Kooperationen, zum Beispiel mit den Neni-Restaurants.
Ja, da gibt es einen wunderbaren Karotten-Salat, von dem zwei Euro an unsere Foundation gehen. Es sind wirklich oft die kleinen Dinge, die sehr viel bewirken können.
Mit Andrea Bury sprach Sabine Oelmann