Panorama

"Sehr, sehr viele Ängste" Wie Corona Behinderten-Wohngruppen trifft

Was bedeutet das Coronavirus für Menschen mit Behinderungen? Bei einer Wohngruppe in Köln sind mehr als die Hälfte der Bewohner infiziert. "Da ist ganz viel Einsamkeit und Traurigkeit, und das müssen wir gerade zusammen aushalten", sagt deren Leiterin.

Ruth Muckle ist Leiterin einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung in Köln. Von ihren 24 Bewohnern wurden 14 positiv auf das Coronavirus getestet. Eine 49-jährige Bewohnerin starb an den Folgen der Covid-19-Infektion.

Die Pandemie hat das Leben in der Wohnstätte komplett verändert. Seitdem der erste positive Fall bestätigt wurde, dürfen die Bewohner ihre Zimmer nicht mehr verlassen. Zu groß die Gefahr, dass die Infizierten die Nichtinfizierten anstecken: Wegen ihrer geistigen Behinderung können sich nicht alle an die neuen Hygieneregeln halten.

Normalerweise ist der Alltag der Bewohner von Routinen geprägt, die ihnen Sicherheit geben: gemeinsame Essenszubereitung, Arbeit in der Werkstatt, regelmäßige Freizeitbeschäftigungen. Wer Gesellschaft will, kann sie jederzeit bekommen. Dass all das jetzt wegfällt, ist für viele kaum zu verstehen. "Da ist ganz viel Einsamkeit und Traurigkeit, und das müssen wir gerade zusammen aushalten", sagt Muckle.

Besonders das Kontaktverbot zu den Eltern, zu denen viele geistig behinderte Menschen ein sehr enges Verhältnis haben, führt zu herzzerreißenden Momenten. "Es gibt viele, die auch mal weinen und sagen: Ich möchte aber jetzt zu meiner Mama, die braucht mich!", so Muckle, "Wir sind dann in der Situation, dass wir denjenigen noch nicht mal in den Arm nehmen können, um ihn zu trösten."

Die meisten gehören zur Risikogruppe

Muckle und ihr Team versuchen den Bewohnern jeden Tag erneut zu erklären, dass eine Krankheit im Umlauf ist, gegen die es keine Arznei gibt und die sehr gefährlich werden kann. Die meisten in der Wohngruppe haben Vorerkrankungen und gehören damit zur Risikogruppe. Wie bedrohlich die Lage ist, wurde vielen erst bewusst, als eine Bewohnerin starb, nachdem sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Die Frau hatte Trisomie 21 - besser bekannt als Down-Syndrom. Sie war 49 Jahre alt. "Als das passiert ist, gab es sehr, sehr viele Ängste" sagt Muckle.

*Datenschutz

Vorher lebten viele mit dem Gedanken, ihre Eltern oder ein Arzt mit Medikamenten helfe ihnen, wenn sie krank werden. Diese Sicherheit war plötzlich weg. Dazu kam die Trauer um die Mitbewohnerin und Freundin, die sie nicht teilen konnten: Eine gemeinsame Trauerfeier fiel aus. Das Ansteckungsrisiko für die nicht Infizierten wäre zu hoch gewesen.

Bundesweit leben 230.000 Menschen mit geistiger Behinderung in Wohngruppen. Viele dieser Einrichtungen dürften von der Coronakrise ähnlich überrascht worden sein, wie die von Ruth Muckle. Als das Virus in ihrer Gruppe diagnostiziert wurde, gab es zehn FFP2-Masken für 12 Mitarbeiter und 24 Bewohner.

"Das war eine Katastrophe, und es hat eine Riesenanstrengung bedeutet für den gesamten Träger, das irgendwie zu organisieren, an Schutzmaterial zu kommen", sagt Ruth Muckle. Mitarbeiter und die Angehörigen der Bewohner kratzten auf privatem Wege alles an Schutzkleidung zusammen, was sich auftreiben ließ. Es dauerte Tage, bis ausreichend Masken, Kittel und Füßlinge vorhanden waren.

"Zu Beginn der Coronakrise in Deutschland sind Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen mal wieder in vielen Planungen vergessen worden", sagt Philipp Peters von der Lebenshilfe NRW, die die Einrichtung von Ruth Muckle betreibt. Erst seitdem die Verbände lautstark auf sich aufmerksam machten, stelle sich langsam eine Verbesserung ein, so Peters: "Wir hoffen nun endlich fest im Blickfeld von Politik und Behörden angekommen zu sein."

Das hofft auch Ruth Muckle. Denn nur so haben sie und ihr Team die Chance, die Menschen aus ihrer Wohngruppe vor dem Virus zu schützen.

Das komplette Interview mit Ruth Muckle sehen Sie im Video oben.

Quelle: ntv.de