Panorama

Von wegen unberührbar Wie Indien seine Ärmsten quält

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Obwohl die Dalits etwa 17 Prozent der indischen Bevölkerung ausmachen, werden ihre Stimmen nicht gehört.

(Foto: REUTERS)

Man nennt sie abwertend die "Unberührbaren": Dalit stehen in Indiens Kastensystem ganz unten. Sie hungern und leben ohne Strom. Weil ihre Rechte kaum etwas gelten, werden die, die eigentlich niemand anfassen mag, oft Opfer brutaler Vergewaltigungen.

Vor einer Woche fanden Dorfbewohner in Indien zwei Mädchen in einem Mangobaum. Aufgehängt an den bunten Tüchern, mit denen die beiden 14- und 16-Jährigen normalerweise ihren Kopf und ihre Schultern bedecken, von mehreren Männern vergewaltigt und gequält. Seitdem landeten ranghohe Politiker auf dem angrenzenden Minze-Feld, das kurzerhand zum Helikopterlandeplatz wurde.

"Sie alle starrten auf den Baum. Was glaubten sie, in dem Baum zu finden?", regt sich Ranjana Kumari vom Zentrum für Sozialstudien auf. Kaum Zeit gehabt hätten sie dagegen für die Familien der beiden Mädchen, die in dem Dorf in Uttar Pradesh in einfachen Hütten leben. Wo sie noch funzelige Kerosinlampen verwenden, weil in den Leitungen fast nie Strom ist. Wo laut lokalen Medien nur 100 der 3500 Häuser Toiletten haben.

Gleichberechtigung nur auf dem Papier

Die Familien der Opfer sind Dalits, die früher als "Unberührbare" diffamiert wurden, und bis heute gerade in Nordindien täglich Diskriminierungen ausgesetzt sind. Sie machen etwa 17 Prozent der Bevölkerung aus, und stehen ganz am unteren Ende von Indiens Kastenwesen, das - vor allem auf dem Land - nach wie vor das Leben bestimmt. Jüngst zeigte eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass Dalit-Kinder oft ihr eigenes Essgeschirr für die Schulspeisung mitbringen müssen, damit sie nicht von den gleichen Tellern wie andere Kinder essen.

"Ich bin so wütend, so getroffen, und so aufgebracht", sagt Kumari. Seit Jahrzehnten kämpften Aktivisten wie sie für die Rechte der Schwachen in Indien. "Doch obwohl wir eine Gleichheit in der Verfassung haben, und sogar spezielle Schutzrechte für untere Kasten, bleiben sie ein besonders häufiges Ziel von Angriffen." Die Macht haben meist andere.

In Uttar Pradesh sind die führenden Politiker Mitglieder der höher stehenden Kaste der Yadav, die Polizisten in dem Dorf sind Yadav, und wohl auch die Vergewaltiger. Der Regierungschef des Bundesstaates verstand die Aufregung der lokalen Journalisten auch überhaupt nicht. "Fühlt ihr euch etwa nicht sicher?", fragte Akhilesh Yadav die Reporter - die meist auch zur Mittelschicht gehören. "Also warum seid ihr besorgt?"

Opfer kennen ihre Rechte nicht

Die Männer der höheren Kasten genössen meist Straflosigkeit, sagt Asha Kowtal, Generalsekretärin der Nationalen Kampagne für Menschenrechte für Dalits. Da die Menschen am unteren Ende des Kastensystems von den Ressourcen der höheren Kasten abhängig seien, hätten sie in der Logik der Höherkastigen auch keinen Zugang zu Polizei und Justiz verdient. "Sie denken, die Dalits hätten keine eigene Identität. Sie seien minderwertig und würden deswegen zwangsläufig ausgebeutet."

Dieses feudale Denken sei tief in der Kultur verankert, erklärt Meenakshi Ganguly von Human Rights Watch. Sie habe erlebt, wie auf Polizeistationen die Beschuldigten einer höheren Kaste einen Stuhl angeboten bekamen, während das Dalit-Opfer vor der Tür auf dem Boden sitzen musste. "Oft protestieren die Dalits gar nicht, weil sie nicht wissen, dass sie ein Recht auf Gleichbehandlung haben."

Ganguly vergleicht die Situation mit derjenigen der Sklaven im 19. Jahrhundert in den USA. "Die Kastenlosen sind völlig abhängig von den Landherren, von ihrem Essen, Wasser und Arbeit." Mancher Mächtige nutze deshalb die Situation aus und begehe sexuelle Gewaltverbrechen. Eines aber verstehe sie nicht bei den Tätern: "Diese Männer glauben an das Kastensystem, an die Unberührbarkeit - aber haben kein Problem, die Frauen bei der Vergewaltigung anzufassen."

Quelle: ntv.de, Doreen Fiedler, dpa