Panorama

80 Jahre "Anonyme Alkoholiker" Wie zwei Süchtige sich selbst therapierten

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Als Bob Smith in der Casino-Stadt Atlantic City das Bedürfnis nach einem letzten Drink hatte, eilte Bill Wilson ihm zu Hilfe. Es blieb bei diesem letzten Drink - am 10. Juni 1935.

(Foto: dpa)

Als Bob Smith und Bill Wilson sich 1935 das erste Mal begegnen, verbindet sie ein gemeinsames Laster: der Alkohol. Sie schütten sich gegenseitig das Herz aus - so entsteht die erste Selbsthilfeorganisation für Suchtkranke.

Bob Smith und Bill Wilson hatten eigentlich wenig gemeinsam: Smith war Chirurg in der Stadt Akron im US-Bundesstaat Ohio, Wilson ein Börsenmakler aus New York. Doch die beiden Männer teilten ein Schicksal - die Sucht nach Alkohol. Ihr Aufeinandertreffen vor 80 Jahren führte zur Gründung der wohl bekanntesten Selbsthilfeorganisation für Suchtkranke, den Anonymen Alkoholikern.

Wilson hatte mit der Trinkerei seine Karriere zerstört. Mehrfach ließ er sich in einer Suchtklinik behandeln, wurde aber jedes Mal rückfällig, bekam Anzeichen von Delirium tremens. Ein früherer Trinkkumpan, der inzwischen dem Alkohol abgeschworen hatte, überzeugte ihn schließlich von der Teilnahme an Treffen einer christlichen Selbsthilfegruppe. Geholfen hat Wilson angeblich ein religiöses Erweckungserlebnis in der Klinik, wo er plötzlich ein helles Licht gesehen haben will. Ob Delirium oder Begegnung mit Gott - auf jeden Fall änderte dieser Moment sein Leben.

"Schonungslos bekannte ich mich zu meinen Sünden und war bereit, sie von diesem neu gewonnenen Freund mit Stumpf und Stiel von mir nehmen zu lassen. Seitdem habe ich keinen Alkohol mehr getrunken", schrieb Wilson später im sogenannten Blauen Buch, das Anonymen Alkoholikern heute als Standardwerk dient. Auf einer Geschäftsreise nach Ohio überkam ihn im Mai 1935 erneut der Zwang nach einem Drink. Statt sich in die Hotelbar zu setzen, wandte sich Wilson aber an eine Kirchengemeinde und lernte so Bob Smith kennen.

Ein letzter Drink, der Freund hilft

Auch Smith kämpfte mit seiner Alkoholabhängigkeit, der Chirurg drohte seinen Job und seine Familie zu verlieren. Eine Frau der Kirchengruppe brachte Smith und Wilson zusammen, die beiden Männer tauschten sich stundenlang über ihre Sucht aus. Dabei merkten sie, dass ihnen das offene Gespräch bei der Bewältigung ihrer Krankheit helfen könnte.

Einige Wochen später wurde Smith auf einer Tagung in der Casino-Stadt Atlantic City ein letztes Mal rückfällig. Wilson eilte seinem neuen Freund zur Hilfe, der am 10. Juni 1935 seinen letzten Schluck Alkohol trank - so heißt es in der offiziellen Geschichte der Anonymen Alkoholiker, die dieses Datum als Gründungstag der Organisation sehen.

Mit zwölf Schritten in ein neues Leben

Smith und Wilson riefen Selbsthilfegruppen in Akron und in New York ins Leben. Die Gemeinschaft entwickelte ein spirituell untermauertes Programm, das Alkoholikern in zwölf Schritten zu einem neuen Lebensstil verhelfen sollte. Ihre Geschichten und Ideen schrieben sie 1939 in dem Buch "Anonyme Alkoholiker" nieder, das in Deutschland wegen der Farbe des Einbandes als das Blaue Buch bekannt wurde.

Zeitungsberichte machten das Programm der Anonymen Alkoholiker überall in den USA bekannt. Anfang der 40er Jahre trafen sich bereits 8000 Mitglieder in 200 Gruppen, um miteinander über ihre Sucht zu reden. Auch im Ausland fasste die Selbsthilfeorganisation Fuß. Wilson reiste 1950 nach Europa, wo sich in mehreren Ländern Ableger gegründet hatten. In Deutschland hielten die Anonymen Alkoholiker 1953 ihre erste Versammlung auf Initiative von US-Soldaten in einem Münchener Hotel ab, in den 1960er Jahren entstanden Gruppen in einer Reihe von westdeutschen Städten.

Wilson starb 1971 im Alter von 75 Jahren. Smith war bereits 1950 einer Krebserkrankung erlegen, er wurde 71 Jahre alt. Sein Haus in Akron ist mittlerweile ein Museum, das an die Gründung der Anonymen Alkoholiker erinnert. Weltweit hat die Organisation heute nach eigenen Angaben gut zwei Millionen Mitglieder, die sich in mehr als 115.000 Gruppen in etwa 170 Ländern treffen. Die Bewegung inspirierte andere Selbsthilfeorganisationen wie die Narcotics Anonymous, in der Drogenabhängige über ihre Sucht sprechen.

Quelle: ntv.de, Gregor Waschinski, AFP

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