Panorama

Epidemiologe Timo Ulrichs "Wir müssen uns von der 35 verabschieden"

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Timo Ulrichs spricht sich dafür aus, Geimpften ihre Rechte zurückzugeben.

(Foto: ntv)

Eine Sieben-Tage-Inzidenz von 35 ist in den kommenden Tagen und Wochen unrealistisch, sie muss laut dem Epidemiologen Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule auch nicht unbedingt erreicht werden: "Es ist auch bei höheren Neuinfizierten-Zahlen möglich, wieder Dinge zuzulassen", sagt er ntv.

ntv: Wir sehen einen täglichen Anstieg an Neuinfizierten-Zahlen, der R-Wert liegt über 1, und auch die Sieben-Tage-Inzidenz steht bei über 60. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Timo Ulrichs: Wir haben einen Trend mit einem leichten Anstieg. Die Zahl 35 liegt jetzt wieder in weiter Ferne. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen, wie wir mit dieser Situation umgehen. Wir werden uns jetzt von der 35 verabschieden und auch nach Lockerungen eine mehr oder weniger stabile Lage um die 60 ins Auge fassen müssen. Helfen wird die zunehmende Durchimpfung der älteren Bevölkerung.

Was erwarten Sie sich vom Bund-Länder-Treffen in der kommenden Woche?

Wir sehen in unseren Nachbarländern, dass es auch bei höheren Neuinfizierten-Zahlen durchaus möglich ist, wieder Dinge zuzulassen - zum Beispiel in den Schulen. Das machen etwa Österreich und Frankreich, und das funktioniert eigentlich ganz gut. Wir sollten es gut kombinieren mit Antigen-Schnelltests. Wenn positive Fälle auftauchen, müssen wir sofort die Konsequenzen und die Gruppe, in der das Virus aufgetreten ist, aus dem Verkehr ziehen.

Intensivmediziner sind aber gegen Lockerungen und wollen einen Lockdown bis April. Sie befürchten erneut einen zu starken Anstieg der Intensivbettenbelegung.

Dieses Risiko besteht natürlich. Aber wir haben weitere Faktoren, die wir da einkalkulieren müssen: Die Zahlen auf den Intensivstationen reagieren ja etwas zeitversetzt, daher werden wir auch in den kommenden Tagen und Wochen noch einen weiteren Rückgang sehen. Es kann sein, dass das dann auch nicht wieder stärker steigt, weil die Gruppen, die das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs haben, mehr und mehr geimpft sein werden.

Doch noch sind bei Weitem nicht alle Risikogruppen geimpft. Ist es für Lockerungen da nicht noch zu früh?

Wenn wir jetzt zu stark lockern und tatsächlich ein größerer Infektionsdruck entsteht, sind noch ungeimpfte Menschen aus den Risikogruppen gefährdet. Deswegen muss vorsichtig gelockert werden und eben auch nur Schritt für Schritt.

Die EU hat sich auf einen Impfpass geeinigt. Das könnte mehr Reisefreiheiten bringen. Was halten Sie als Epidemiologe davon, Geimpfte mit mehr Rechten auszustatten?

Man kann auch andersherum fragen: Warum sollten Geimpfte ihre Grundrechte nicht wieder zurückbekommen? Sie stellen keine größere Gefahr mehr dar für den Rest der Bevölkerung - das zeigen auch Daten aus Schottland und Israel. Die Impfung verhindert in hohem Maße die Infektion und damit die Weitergabe des Virus.

Das führt aber doch zu einem riesengroßen Streit. Jene, die im Sommer noch nicht geimpft worden sind, werden doch dann aufbegehren?

Den Älteren, die während der gesamten Pandemie auch das höchste Risiko hatten, sollte man es gönnen, dass sie dann reisen können. Die anderen müssen noch warten, das ist leider so.

Quelle: ntv.de, jog

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