Panorama

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Wir sind Jazz!

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Musikuntermalung zu dieser Kolumne: The Hot Sardines:-Bei mir bist du schön.

(Foto: Peter Littger)

Es ist höchste Zeit für ein Loblied auf Improvisation und Spontaneität. Denn sie sind im Moment unsere größte Stärke - deshalb wäre es schön, wenn es auch über Corona hinaus so bleibt.

Es verblüfft mich immer wieder, was wir Menschen uns einfallen lassen, um die Einsamkeit zu überwinden. Die Gegenwart liefert die schönsten Beispiele. Als wären wir auf einmal alle Teilnehmer eines globalen Impro-Festivals für Lebenskunst, zwingt sie uns hier und da, neue Wege zu gehen. Auf diese Weise lassen sich nicht nur Engpässe überwinden, sondern auch eine Form von Glück erlangen, das der gesamten Do-it-yourself Branche Sinn verleiht - und letztendlich auch dem Jazz! Dieses Glück tritt ein, wenn etwa im Supermarkt die Kartoffelchips vergriffen sind und man rasch lernt, sie daheim im Ofen herzustellen - sofern es noch Kartoffeln gibt.

Ich kenne eine Reihe Menschen, die an dieser ungewöhnlichen Zeit und an den diversen Life Hacks, die sie mit sich bringt, ihre Freude haben - mich und meine neue Partnerin in unserer Berliner Corona-Pop-Up-WG eingeschlossen. Am Wochenende haben wir uns deshalb zum ersten Mal weiter rausgetraut als zum nächstgelegenen Supermarkt.

Wir waren auf der Suche nach spontanen Erlebnissen jenseits des Spaziergangs. Zuerst machten wir einen ausgedehnte Bummel durch eine Apotheke, das einzige geöffnete Geschäft auf dem Kurfürstendamm. Den Höhepunkt des Ausflugs bildeten die Fleischspieße und eine Currywurst bei "Ku'damm 195". Dieser legendäre Stehimbiss der Extraklasse ist jetzt - ohne einen einzigen Stehtisch, aber mit Pommes extra - zur einer großen artistischen Herausforderung geworden.

Als wir später wieder zu Hause waren, haben wir uns gegenseitig die Haare geschnitten. Mit dem Ergebnis können wir uns in einer Weise sehen lassen, dass wir nun vorsichtig über ein neues Angebot im Segment Nachbarschaftshilfe nachdenken, selbst wenn wir damit gegen alle Regeln der Friseurinnung verstoßen würden.

Unsere Hausgemeinschaft macht vom Erdgeschoss bis in die vierte Etage längst reichlich Gebrauch von lokalen Liefer- und Abholdiensten. Wenn ich alleine an die flotten Angebote denke, mit denen Restaurant in unserer Nähe versuchen, auf die Krise zu reagieren. Das "Donath & Roch" am Victoria-Luise-Platz ist neuerdings als "Delikatessentheke" bis 24 Uhr geöffnet. "Flying Fish", mein Lieblingsladen für Sushi, liefert ab sofort gratis. Und das Restaurant "Sissi" lockt mit einem "Schnitzel-Notfalldienst" - der auf Anfrage auch als "Gulasch-Notfalldienst" genutzt werden kann.

Apropos Notfall: Während nächtliche Lieferanten für Bierfässer, Kondome oder Schmerztabletten in Berlin keine Neuigkeiten darstellen, improvisieren nun auch andere Dienstleistungen diskrete Home Delivery Services. Obwohl die meisten Angebote hier nicht einzeln Erwähnung finden dürfen, sei so viel gesagt: Deutschland gilt unter normalen Bedingungen als Paradies für bis zu einer Million Freier am Tag und in der Nacht. Angebots- wie nachfrageseitig ist der Druck also sehr groß. Und der Ideenreichtum ist es auch. Wer in Berlin danach sucht, soll sogar Angebote für exklusive Wochen in gemeinsamer Quarantäne finden. Günstig ist das selbstverständlich nicht.

Eine interessante neue Idee, die nicht geheim ist, bildet der "Cocktail to go". Eine aktuelle Liste aller Getränke mixenden Lieferanten liefert das Magazin "Mixology" unter diesem Link. Einerseits soll das Angebot den Bars der Stadt helfen, zu überleben. Andererseits macht es deutlich, dass sich gegenwärtig wenig bis keine illegalen Bars bilden, sogenannte "Flüsterbars" oder "Speakeasy Bars", die es vor 100 Jahren oder auch in der Zeit nach dem Mauerfall vor 30 Jahren noch häufig in Berlin gab.

So sehr einen die gebotene Improvisation an den Jazz und an alles andere erinnert, was Spontaneität schön und süchtig machen kann, so wenig Lust scheinen selbst die vergnügungssüchtigsten Nachschwärmer im Moment auf verbotene Versammlungen und verruchte Überraschungen zu haben. Zwar ist es kaum vorstellbar, dass diese Disziplin an einem Ort wie Berlin lange bestehen bleibt. Aber noch leben wir tatsächlich in einer Zeit, in der Handschläge, Umarmungen und Zungenküsse vermieden werden und selbst die Standards der Netzwerkgesellschaft wie "wir müssen uns wiedersehen" oder "lass uns mal auf einen Kaffee treffen" völlig bedeutungsleer sind.

Unterdessen können - und dürfen - die Menschen nur noch auf Wochenmärkten und an Kiosken ihr Bedürfnis nach menschlicher Nähe und nach einem Imbiss im Beisein anderer stillen. Die Massen, die sich wie früher über den nahe gelegenen Winterfeldtmarkt schieben, kommen mir unheimlich vor. Andererseits freue ich mich insgeheim über die Renaissance der "Büdchen" - so nennen wir in meiner Heimatstadt Köln den Kiosk oder die Trinkhalle. Wer hätte gedacht, dass diese alten Institutionen so schnell wieder an Bedeutung gewinnen? Egal, wo sie stehen oder auch plötzlich entstehen, zum Beispiel auf den Parkplätzen von Baumärkten und Gartencentern - sie sind kleine Treffpunkte für alle Menschen, egal welcher sozialen Schicht. Damit symbolisieren sie auch das Besondere an dieser großen Krise: Die Klassenunterschiede verschwinden im Angesicht der Schwierigkeiten, die wir alle haben. Wie schön wäre es, wenn es so bleiben könnte!

Und wie viel schöner wäre es, wenn wir auch über die Krise hinaus einfallsreich und spontan bleiben. Aus den USA wird von einem neuen Trend berichtet, der sich auf den Straßen abspielt und die Generationen zusammenführt, ohne dass sie sich zu nahe kommen. Was in normalen Zeiten jeden Hochzeitskonvoi in den Schatten fahren würde, ist innerhalb weniger Wochen zu einer spontanen Geste geworden, um zumeist älteren Angehörigen und Freunden zum Geburtstag zu gratulieren. Die Gratulanten bilden einen Autokorso, in dem sie wild hupen und sich aus den Fenstern und Schiebedächern strecken.

Dasselbe stelle ich mir in unserer Nachbarschaft vor: Ältere Jubilare, die gräflich von ihren Balkonen oder hinter ihren Fenstern winken - und die sich mit Sicherheit bis an ihr Lebensende an ihren ganz persönlichen Autokorso erinnern werden. Bei diesem Gedanken könnte ich mich glatt aufs Alter freuen!

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: The Hot Sardines - Bei mir bist du schön

Quelle: ntv.de