Panorama

Vollbremsung, Finsternis, BlutZug-Katastrophe von Córdoba: Passagiere schildern dramatische Minuten

19.01.2026, 13:49 Uhr
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Warum der Hochgeschwindigkeitszug auf seinem Weg nach Málaga entgleiste, ist bisher völlig ungeklärt. (Foto: picture alliance/dpa/Guardia Civil via AP)

Dutzende Menschen sterben, als ein Hochgeschwindigkeitszug im spanischen Adamuz entgleist und mit einem weiteren Zug kollidiert. Überlebende Passagiere beschreiben Todesangst und eine teils chaotische Rettungsaktion.

Spanische Medien schreiben bereits von der "schwersten Zugtragödie in Spanien seit 2013". Mindestens 39 Todesopfer forderte das Zugunglück von Adamuz in der Region Córdoba in Andalusien bereits - rund 75 Menschen wurden verletzt, 15 von ihnen schwer. Befürchtet wird, dass die Opferzahl weiter steigt. Insgesamt rund 500 Passagiere sollen sich in den Unglückszügen aufgehalten haben. Während Freunde und Familie noch immer um ihre reisenden Angehörigen bangen, kämpfen überlebende Passagiere mit dem Schock über das Erlebte.

"Wir haben mehrere Tote auf den Gleisen liegen sehen, aber auch Menschen mit schweren Verletzungen", sagte ein Zeuge den spanischen Medien. "Kinder, schwangere Frauen, ältere Menschen, es ist alles dabei", beschrieb ein anderer Reisender im spanischen Fernsehen mit Tränen in den Augen. In der Zeitung "El Mundo" schreibt ein Reporter von "verzweifelten Gesichtern" der Überlebenden, die mit einem Bus in eine Notunterkunft gebracht wurden.

Die Sekunden des Geschehens schildern Überlebende in ersten Fernseh- und Zeitungsberichten vor allem als eine Mischung aus Panik, Unwissenheit und Fluchtinstinkt. "Es war wie in einem Horrorfilm", fasst es etwa die Passagierin Mariá Jiménez im spanischen Fernsehsender RTVE zusammen. Eine weitere Frau erinnert sich: "Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft, es gab Schreie, weinende Kinder, Blut. Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren."

"Wie ein Erdbeben"

Die Zeugen waren Passagiere jener zwei Züge, die am Sonntagabend miteinander kollidierten. Spanischen Medien zufolge begann das Unglück um 19.39 Uhr, als ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug auf dem Weg von Málaga nach Madrid im Ort Adamuz entgleiste. Die entgleisten Waggons gerieten auf das Nachbargleis und prallten mit einem entgegenkommenden Zug der staatlichen Bahn zusammen. Durch den Aufprall wurden auch die beiden vorderen Wagen des zweiten Zuges von den Gleisen geschleudert - sie stürzten eine vier Meter hohe Böschung hinunter.

Auf die Sekunden des Unglücks angesprochen, ist es zunächst die Vollbremsung kurz vor der Kollision, an die sich viele Überlebende erinnern. "Wir spürten eine starke Bremsung und innerhalb von Sekundenbruchteilen eine weitere, die so stark war, dass der Zug entgleiste", berichtete ein Passagier im spanischen Fernsehen. "Wir sind im Iryo-Zug von Córdoba nach Madrid. Ungefähr zehn Minuten nach der Abfahrt fing der Zug heftig an zu rütteln und entgleiste ab Waggon 6 rückwärts", schrieb eine weitere Zeugin zu einem Foto des Unglücksortes in den sozialen Medien. Der Journalist Salvador Jiménez sprach gegenüber RTVE von einer "sehr plötzlichen Bewegung", die sich anfühlte "wie ein Erdbeben".

Die Erschütterung war enorm. Zeugen berichten von Sitzen, die aus der Verankerung gerissen wurden und samt Passagieren in die Luft geschleudert wurden. Mehrere Passagiere seien "durch das Dach des Zuges geflogen", sagte eine Zeugin der Zeitung "El Mundo" und fügte hinzu: "Ich dachte, ich würde sterben."

Zugpersonal reagierte blitzschnell

Was folgte, war den Augenzeugen zufolge Stillstand - und plötzliche Dunkelheit, die die Panik der Passagiere in den Trümmern befeuerte. "Das Licht ging aus, und ich wusste nicht, was geschehen war", sagte eine Zeugin laut "El Pais". Sie habe versucht, ihren Sohn zu greifen, was ihr aufgrund der Dunkelheit nicht gelungen sei. "Erst als alles wieder anging und ich ihn sah und hörte, fühlte ich mich wirklich lebendig."

Den Berichten zufolge handelte das Zugpersonal prompt. Demnach erkundigten sich die Bahn-Mitarbeitenden zunächst, wer dringend Hilfe benötigt und ob es medizinisches Personal an Bord gebe. Anschließend baten sie darum, dass unverletzte Reisende ihren Platz einnehmen, bevor sie die Scheiben mit einem Nothammer einschlugen. Bilder in den sozialen Medien zeigen Menschen, die dem schräg liegenden Waggon aus den eingeschlagenen Fenstern entkommen.

Allerdings konnten sich nicht alle selbstständig in Sicherheit bringen. "Menschen riefen um Hilfe, und wir versuchten, sie herauszuholen, aber es war sehr schwierig", erinnert sich ein Augenzeuge an den Moment nach der Kollision. Der Zeuge beschreibt chaotische und dramatische Momente. So seien die ersten Einsatzkräfte der Guardia Civil nach rund einer Stunde am Unglücksort angekommen und "völlig überfordert" gewesen. Offizielle Angaben hierzu gibt es bisher nicht.

Verzweifelte Suche nach Angehörigen

Die Rettungsaktion der Einsatzkräfte dauerte bis in die Nacht. Die Evakuierung vieler eingeklemmter Passagiere sei sehr kompliziert, teilte die Feuerwehr mit. So seien Waggons teilweise "verdreht" gewesen, der Zugang zu "verhedderten Metallmassen" behindert.

Mittlerweile ist die Evakuierung den Behörden zufolge abgeschlossen. Allerdings haben noch nicht alle Angehörigen Sicherheit über das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde. In den sozialen Medien mehren sich Beiträge, in denen sie um Hilfe bei der Suche nach den Reisen bitten. "Ich habe immer noch nichts gehört", schreibt etwa ein junger Mann auf X über seinen Vater, der Passagier in einem der Unglückszüge war. "Meine Mutter, die in Córdoba ist, hat bereits in allen Krankenhäusern nachgefragt - vergeblich. Wir haben alle Telefonnummern angerufen, aber auch das hat nichts gebracht." Zu seinem Post fügt er einen Screenshot hinzu, der die Ortung des Handys seines Vaters am Unfallort zeigt. "Ich kenne den Standort meines Vaters, aber er hat sich seit dem Unfall nicht bewegt."

Viele teilen Fotos ihrer Angehörigen mit der Bitte an Zeugen, sich zu melden, falls sie sie gesehen haben. "Wir haben keine Neuigkeiten von ihr. Sie befand sich im Iryo-Zug in Wagen 8, Platz 13D", schreibt eine Nutzerin auf X über ihre Mutter. "Sie war genauso gekleidet wie auf dem ersten Foto. Jede Hilfe ist willkommen", schreibt ein weiterer verzweifelter Angehöriger.

Das Rätsel über die Ursache

Währenddessen zeigen Anwohnerinnen und Anwohner der Gegend enorme Hilfsbereitschaft. Videos in den sozialen Medien zeigen, wie sie warme Decken und Kleidung zur Notunterkunft für Überlebende und Angehörige bringen. "Die ganze Stadt hilft mit", heißt es auf X.

Aktuell geht es vor allem um die Versorgung der Verletzten und ihrer Angehörigen sowie die Beseitigung der Trümmer. Doch auch die Untersuchung des Unglücksortes hat begonnen. So stellt die Ursache des Unglücks die Behörden vor ein Rätsel: "Es ist ein außergewöhnlich seltsamer Unfall", sagte Verkehrsminister Óscar Puente am frühen Morgen. So passierte der Unfall auf gerader Strecke. Der Abschnitt sei zudem erst im Mai 2025 saniert worden, der Zug mit gerade einmal vier Jahren "relativ neu". Laut Hersteller wurde er erst am 15. Januar - vier Tage vor dem Unglück - gewartet.

"Derzeit können wir nicht einmal spekulieren, ob es am Rollmaterial oder an den Gleisen lag. Wir wissen es nicht", erklärte Puente. Eine unabhängige Untersuchungskommission soll nun die Ursachen klären. Damit ist schon jetzt abzusehen, dass die Katastrophe von Adamuz nicht nur Angehörige von Dutzenden Toten und etliche Überlebende lange begleiten wird. Auch die Behörden stellt sie vor große Herausforderungen.

Quelle: ntv.de, spl

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