Panorama

Kälte blieb am Polarkreis Zweitwärmster Winter seit 1881 geht zu Ende

In den dicken Daunenjacken war es zu heiß und Schnee haben wohl die wenigsten gesehen: Der Winter fällt in diesem Jahr weitgehend aus. Mit dem Frühlingsbeginn zieht ntv-Meteorologe Björn Alexander Bilanz: Die vermeintlich kalte Jahreszeit landet ganz weit oben in der Liste der wärmsten Winter.

ntv.de: Am 1. März ist meteorologischer Frühlingsbeginn und damit wird jetzt beim Wetter eine Bilanz des Winters gezogen. Wie ist der Winter 2019/2020 einzuordnen?

Björn Alexander: Wenig verwunderlich ist, dass wir am Ende dieses Winters unter den wärmsten Wintern seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 landen werden. Für den Winter 2006/2007 mit plus 4,1 Grad über dem langjährigen Mittelwert wird es nicht reichen. Doch mit fast 4 Grad sind wir am Ende auch nicht allzu knapp dahinter und somit wird es schlussendlich der zweitwärmste Winter der Wettergeschichte.

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Der Frühling beginnt meteorologisch. Doch auch der Winter fühlte sich oft schon so an wie Frühling.

(Foto: dpa)

Wie ist es beim Februar? Wo landet der am Ende?

Ebenfalls unter den vorderen Plätzen. Der Februar 1990 ist hier das Maß der Dinge mit fast 5,5 Grad positiver Abweichung. Da kommen wir definitiv nicht mehr hin. Aber am Ende liegt der Februar 2020 mit knapp 5 Grad Temperaturüberschuss direkt auf einem der nachfolgenden Plätze. Das gilt ebenso für den Regen.

War es so nass im Februar?

So viel Niederschlag hat am Ende kaum ein Februar gebracht. Momentan liegen wir bei gut 230 Prozent des ansonsten üblichen Niederschlags, was wiederum einen Platz in der Top drei seit Aufzeichnungsbeginn bedeutet. Und das war in diesem Fall tatsächlich auch enorm wichtig.

Warum?

Weil besonders der Januar in einigen Landesteilen viel zu trocken verlief. Wäre der Februar ebenfalls so trocken geworden, dann wäre es eine Katastrophe für die Vegetation im Frühjahr geworden. Selbst nach den durchschnittlichen 110 Litern pro Quadratmeter im deutschlandweiten Durchschnitt gibt es noch einige Regionen, in denen die Böden in einer Tiefe von ein bis zwei Metern nach wie vor viel zu trocken sind.

Wo?

Das gilt insbesondere in Teilen der Osthälfte, für Sachsen-Anhalt, Sachsen und Ostbayern. Besser sieht es hingegen im Oberboden aus. Beim für die Pflanzen verfügbaren Wasser ist es nämlich zurzeit überall entspannt.

Abgesehen von Temperatur und Regen: Was hat den Winter geprägt?

Ungewöhnlich war sicherlich die Vorgeschichte zum Winter. Gerade im Mittelmeerraum gab es bereits im September einige Unwetterlagen durch Tiefdruckgebiete, die wiederholt weit und schon recht früh in den Süden vorangekommen sind. Damit einher gingen im Alpenraum im November die heftigsten Schneefälle seit Jahrzehnten so früh in der Saison. Gleichzeitig erreichten uns immer wieder Meldungen aus Venedig über starke Hochwasserereignisse. Angesichts dieser frühen Kaltluft- und Tiefdruckvorstöße zeichnete sich damit eigentlich ein eher kalter Verlauf des Winters ab. Zumal die Wettermodelle häufig eine Stratosphären-Erwärmung berechneten. Dem folgt oft auch eine Schwächung des Polarwirbels, der maßgeblich für den Winterverlauf auf der Nordhalbkugel verantwortlich ist. Das waren also eigentlich alles Anzeichen für einen kühlen Winter.

Doch das kam nicht so?

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So dick anziehen musste sich ntv-Meteorologe Björn Alexander diesen Winter nur bei seinem Aufenthalt auf Island.

Nein. Der Polarwirbel schloss sich nämlich ziemlich ab und rotierte sehr kompakt hoch im Norden. Es fehlte das Mäandrieren und damit der Vorstoß kalter Luftmassen Richtung Süden. Das merkten nicht nur wir. Auch in den USA gab es nur verhältnismäßig wenige Winterlagen. Gleichzeitig vermeldeten die Wetterstationen auf Grönland oder Alaska neue Minusrekorde.

Wie passt das dazu?

Die Kaltluft konzentrierte sich auf die Regionen rund um den Polarkreis und nördlich davon. Und auch wenn damit in den sozialen Netzwerken immer wieder Rufe aufkamen, dass diese neuen Minusrekorde zeigen, dass es keinen Klimawandel geben könne: Die Realität sieht leider anders aus und hier gilt im Prinzip, was der Volksmund schon lange weiß: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer".

Einzelne Ereignisse spielen also kaum eine Rolle?

Nein beziehungsweise nur äußerst minimal. Bei der Einschätzung von Klimaveränderungen haben einzelne Messungen kaum eine Relevanz und sie beweisen auch nichts. Klima ist das durchschnittliche Wetter über 30 Jahre. Und auch von Trends bei der Klimaveränderung sprechen wir erst, wenn sich Veränderungen zumindest mal über ein paar Jahre hinziehen.

Gibt es sonst noch Auffälligkeiten des zu Ende gehenden Winters?

Auffällig war sicherlich auch der stürmische Atlantik, der immer wieder schwere Stürme produziert hat. Ausgehend von einem starken Jet-Stream, der wettersteuernden Strömung in einigen Kilometern Höhe, bildeten sich etliche Orkantiefs, die auch uns den einen oder anderen Ableger schickten. Der prominenteste war sicherlich "Sabine". Doch auch das letzte Tief "Bianca" sorgte am Donnerstag und in der Nacht zum Freitag im Süden Deutschlands und im Alpenraum für Orkanböen bis in tiefe Lagen.

Wie heftig war es denn?

Die stärksten Böen gab es auf den Bergen: auf dem Feldberg im Schwarzwald 165 Stundenkilometer, auf dem Nebelhorn 156 und auf dem Wallberg am Tegernsee 154. Doch auch in den tieferen Regionen hat es für Orkanböen gereicht. Beispielsweise in Altenstadt mit 126 Stundenkilometern, in München mit 124 oder in Chieming und in Stötten auf der Schwäbischen Alb mit jeweils 120.

Blicken wir auf das kommende Wetter: Wird auch unser Wochenende stürmisch?

Am Samstag weht der auf Süd drehende Wind sehr lebhaft und kann zum Teil mit Sturmböen einhergehen. Und auch am Sonntag wird es teilweise stürmisch. So heftig wie die Sturmtiefs zuvor wird das nun aufziehende Tief "Charlotte" aber nicht.

Welches Wetter erwartet uns dazu?

Am Samstag fällt bei vielen Wolken vormittags im Norden und Osten, nachmittags hauptsächlich in der Westhälfte Regen und im Bergland setzt bis in die Hochlagen Tauwetter ein.

Wie warm wird es denn?

Die Temperaturen steigen auf 10 bis 15, im Bergland sowie an der Ostsee auf 7 bis 10 Grad an. In der Nordwesthälfte weht hierzu erneut ein starker bis stürmischer Südwestwind, der auf den Bergen und auf den Nordseeinseln Sturmböen bringt.

Hat auch die Sonne Chancen?

Über die Mittagszeit gibt es auch mal etwas Sonne. Jedoch bleibt es nur an den Alpen weitgehend trocken. Am Sonntag sieht es dann aber gar nicht so schlecht in Sachen Sonnenschein aus - zumindest im Süden und Osten. Denn hier geht es freundlich bis sonnig und überwiegend trocken durch den Tag.

Und im übrigen Land?

Im Westen und Norden ziehen von den westlichen Mittelgebirgen bis zur Küste Regenschauer durch. Hierbei liegt die Schneefallgrenze bei etwa 600 bis 1000 Meter. Denn auf der Rückseite von "Charlotte" wird es etwas kühler bei 5 Grad am Erzgebirge und 13 Grad am südlichen Oberrhein. Hierzu weht ein starker, an der Nordsee auch stürmischer Wind.

Nächste Woche: Frühlingserwachen oder Märzwinter?

Eher so dazwischen. Es bleibt wechselhaft und die Temperaturen pendeln sich häufig zwischen 3 und 11 Grad ein. Wiederholt mit Regen, der im Bergland erneut in Schnee übergeht. Gerade für diejenigen, die in Richtung Osterferien und Schneelage schielen, sicherlich keine ganz schlechten Nachrichten, während der Frühling sich vorerst einmal gedulden muss.

Quelle: ntv.de