Politik

Chef womöglich gestorben Al-Kaida-Führung massiv geschwächt

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Aiman al-Sawahiri rückte nach dem Tod Osama bin Ladens 2011 an die Spitze der Terrororganisation.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zunächst wird bekannt, dass der Stellvertreter der Terrororganisation Al-Kaida getötet wurde. Nun vermuten Experten, dass auch Anführer Aiman al-Sawahiri nicht mehr lebt. Längst ist das Netzwerk nicht mehr so einflussreich wie zu Zeiten der Anschläge vom 11. September 2001. Und es dürfte weiter an Stärke verlieren.

Die Führung des Terrornetzwerks Al-Kaida, das die Welt mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA in Angst und Schrecken versetzte, ist massiv geschwächt. Erst vor wenigen Tagen wurde der Tod des Al-Kaida-Vizes Mohammed al-Masri bekannt, der in Teheran vom israelischen Geheimdienst getötet worden sein soll. Darüber hinaus gibt es ernstzunehmende Anzeichen, dass auch Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri an einer Krankheit gestorben ist. Das wirft Fragen nach Strategie und Stärke der Terrororganisation auf.

Vor rund einer Woche hatte die "New York Times" berichtet, dass der Vize-Chef der einst weltumspannenden Organisation bereits Anfang August von zwei israelischen Geheimagenten auf Betreiben der USA in Teheran erschossen worden sei. Bei dem Einsatz sei auch al-Masris Tochter Miriam getötet worden, die Witwe von Hamsa bin Laden, einem Sohn von Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden. Zwei Bewaffnete auf einem Motorrad sollen fünf Schüsse auf die beiden abgefeuert haben. Der Iran wies dies als "erfundene" Geschichte zurück.

Zudem haben Experten glaubwürdige Hinweise, dass auch die Nummer Eins des Al-Kaida-Netzwerks tot ist. Al-Sawahiri rückte nach dem Tod von Bin Laden 2011 an die Spitze der Organisation. Der Leiter der US-Denkfabrik Center for Global Policy, Hassan Hassan, versicherte kürzlich, al-Sawahiri sei vor rund einem Monat zuhause an einer Krankheit gestorben. "Die Information geht in bestimmten Kreisen herum. Mir ist das Problem solcher Behauptungen bewusst, aber ich habe sie bei Al-Kaida-nahen Kreisen (Hurras al-Din) erhärtet", schrieb er auf Twitter mit Blick auf eine syrische Dschihadisten-Gruppe.

Tod nicht bestätigt

Al-Kaida hat den Tod al-Sawahiris nicht bestätigt. Die Leiterin des auf islamistische Webseiten spezialisierten US-Instituts Site verwies aber darauf, dass es typisch für Al-Kaida sei, den Tod eines Anführers nicht zeitnah zu bestätigen. Der mutmaßlich natürliche Tod al-Sawahiris durch eine Herzkrankheit macht eine Bestätigung umso schwieriger. Noch dazu, weil der aus Ägypten stammende, wenig charismatische Nachfolger von Osama bin Laden, der lange im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet wurde, schon mehrfach für tot erklärt worden war. "Geheimdienste gehen davon aus, dass er sehr krank ist", sagte Barak Mendelsohn, Professor am Haverford College in den USA. Wenn er bisher noch nicht gestorben sei, "dann wird dies bald passieren".

Das wirft Fragen nach der Stärke des Terrornetzwerks auf, das vor 20 Jahren noch eine weltweite Bedrohung war. Al-Sawahiri galt als erfahrener Dschihadist und Ideologe der Gruppe. Ihm fehlte aber die Fähigkeit des charismatischen Bin Laden, weltweit radikale Anhänger zu mobilisieren. Dem Terrornetzwerk machten zunehmend konkurrierende Dschihadisten-Gruppen zu schaffen. In Syrien und im Irak wurde Al-Kaida durch die Miliz Islamischer Staat (IS) in den Hintergrund gedrängt.

Keine wirkliche Kontrolle über Ableger

So ist Al-Kaida heute nicht mehr mit dem Netzwerk vergleichbar, das die Anschläge vom 11. September 2001 plante. Zwar existieren weltweit zahlreiche Ableger, die den Namen der Gruppe tragen - etwa in der afrikanischen Sahel-Region, in Pakistan, Somalia oder Ägypten. Die Führung habe jedoch keine wirkliche Kontrolle mehr über ihre Ableger, sagt Mendelsohn.

Experten sehen nun Saif al-Adel als aussichtsreichsten Kandidaten, um an die Spitze von Al-Kaida aufzurücken. Der ehemalige Oberstleutnant der ägyptischen Spezialkräfte, der in den 1980er Jahren zu einer ägyptischen Dschihadistengruppe übergelaufen war, ging nach seiner Verhaftung und späteren Freilassung nach Afghanistan und schloss sich dort Al-Kaida an. 2018 soll er sich im Iran aufgehalten haben.

Der US-Denkfabrik Counter Extremism Project (CEP) zufolge spielte er eine "entscheidende Rolle" beim Aufbau der Kapazitäten von Al-Kaida, etwa als Ausbilder der Luftpiraten vom 11. September 2001. Dennoch sind sich die Experten unsicher, ob er die Führung der Terrororganisation übernehmen wird. Mendelsohn zufolge wäre al-Adel "der nächste in der Hierarchie". Unklar sei jedoch, inwiefern er als einer der letzten Vertreter der "alten Garde" und nach Jahren im Untergrund noch ausreichend Kontakte zur neuen Al-Kaida-Generation habe.

Quelle: ntv.de, chf/AFP