Politik

Russen geben Stadt auf Befreite Ukrainer bejubeln Soldaten im Zentrum von Cherson

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Schon bevor die ukrainischen Soldaten das Zentrum von Cherson erreichten, hatten Aktivisten dort ukrainische und europäische Fahnen gehisst.

(Foto: t.me/jurnko)

Am Morgen verkündet das russische Verteidigungsministerium den Abschluss des Abzugs aus Cherson, nur Stunden später ziehen ukrainische Truppen in die befreite Stadt ein. Der Kreml will den Vorgang nicht kommentieren - die "Spezialoperation" werde fortgesetzt.

Ukrainische Truppen haben das Zentrum des südukrainischen Cherson erreicht. In sozialen Medien kursieren Bilder, die ukrainische Soldaten beim Einzug in die Stadt zeigen. Auf Telegram posten Anwohner Videos mit Menschen, die mit ukrainischen Fahnen die Befreiung feiern. Vor der Regionalverwaltung hissten Bürger Flaggen der Ukraine und der Europäischen Union. Später wurden ukrainische Soldaten dort bejubelt.

Die ukrainische Regierung hatte sich in den letzten Tagen skeptisch gezeigt, ob Russland Cherson wirklich kampflos aufgibt. Es gab zudem Berichte über russische Soldaten in Zivil, die in der Stadt zurückgeblieben seien, um die ukrainische Armee in einen Häuserkampf zu verwickeln. Der Regionalrat von Cherson rief am Freitag zur Vorsicht auf. Verdächtige Gegenstände und verlassene Fahrzeuge der Russen sollten nicht berührt, von den Russen genutzte Gebäude nicht betreten werden. Befürchtet wird, dass die abgezogenen Besatzer Sprengfallen hinterlassen haben. In der Region Cherson wurden vier Zivilisten verletzt, darunter zwei Kinder, als ihr Fahrzeug über eine Mine fuhr.

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Morgen mit, der "Transfer" der Soldaten vom rechten Dnipro-Ufer sei abgeschlossen. Weder Soldaten noch Waffen seien zurückgelassen worden, Verluste habe es nicht gegeben, sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow. Wahrscheinlich ist das nicht: Der Abzug fand Berichten zufolge unter ukrainischem Beschuss statt.

Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte vor Journalisten, der Abzug bedeute nicht, dass Russland das Territorium aufgebe. Moskau hatte Cherson und drei weitere ukrainische Regionen im September illegal annektiert. Russlands Präsident Wladimir Putin will mit dem Abzug offenbar so wenig wie möglich in Verbindung gebracht werde: Fragen dazu wollte Peskow nicht beantworten, dafür sei das Verteidigungsministerium zuständig.

Brücke über den Dnipro zerstört

Am Morgen stürzte eine Brücke in Cherson über dem Fluss Dnipro ein, wie unter anderem der ukrainische Sender Suspilne berichtet. Ob die Antoniwka-Brücke durch Beschuss zerstört oder gesprengt wurde, meldet der Sender nicht. Ein Armeesprecher sagte Suspilne lediglich: "Die Militäroperation dauert an und erfordert absolute Stille." Nach Informationen von Ukrinform wurde die Brücke vom russischen Militär gesprengt, offenbar nach dem Abzug.

Die Antoniwka-Brücke war bereits so stark beschädigt, dass sie von schweren Fahrzeugen nicht benutzt werden konnte. Die Zerstörung der Brücken über den an dieser Stelle mehrere Hundert Meter breiten Dnipro war Teil der ukrainischen Offensive im Süden. Damit wurden die russischen Besatzungstruppen in Cherson von ihren Nachschublinien abgeschnitten. Sollten die Russen die Brücke nun gesprengt haben, wäre die Absicht dahinter vermutlich, der ukrainischen Armee den Übergang über den Fluss zu erschweren.

"Nachts war es sehr laut, aber man konnte nicht sehen, was dort passierte", sagte eine Anwohnerin dem Sender Suspilne. "Wir hörten auch morgens Explosionen. Erst als sich der Nebel lichtete, sahen wir, dass ein Teil der Brücke eingestürzt war." Suspilne veröffentlichte zudem ein Foto, auf dem zu sehen ist, dass ein ganzes Stück der Brücke fehlt. Ein anderer Bewohner von Cherson berichtete ntv.de in einer Textnachricht am Morgen von heftigem Beschuss der ukrainischen Armee auf das südliche Ufer des Dnipro. "Es ist sehr laut. Die Ukrainer bombardieren das linke Ufer und/oder Fähren/Boote heftig."

Auf Twitter kursieren Bilder, die zeigen, dass auch eine von den Russen verlegte Ponton-Brücke neben der Antoniwka-Brücke beschädigt wurde. Ein weiteres Video zeigt russische Soldaten, die zu Fuß über den Ponton gehen.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte am Mittwoch den Rückzug aus Cherson angeordnet. Die Russen stellen den Abzug aus der Stadt als "Umgruppierung der Kräfte" dar, tatsächlich handelt es sich offenkundig um eine schwere militärische Niederlage. Von Cherson aus wollte Putin eigentlich den gesamten Süden der Ukraine erobern, bis zur wichtigen Hafenstadt Odessa. Aus Sicht der russischen Propaganda ist das Gebiet "Neurussland", die Ukraine wäre, wenn der Plan erfolgreich gewesen wäre, komplett vom Meer abgeschnitten worden.

Die Stadt Mykolajiw wurde in der Nacht von der russischen Armee beschossen. Dabei wurde nach ukrainischen Angaben ein Wohnhaus zerstört, mehrere Menschen kamen dabei ums Leben. Mykolajiw liegt zwischen Cherson und Odessa.

Quelle: ntv.de

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