Politik

Fragen und Antworten Fiasko oder Falle: Was hinter Russlands Cherson-Rückzug steckt

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Im Sommer hieß es in Cherson noch "Russen und Ukrainer sind ein Volk". Jetzt kündigen die ersten an, die Stadt zu verlassen.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Seit Wochen deutet vieles auf einen bevorstehenden Abzug russischer Truppen aus Cherson an. Nun gibt Moskau offiziell bekannt, die Stadt aufzugeben. Doch was steckt dahinter: Russlands weitere Niederlage oder eine ausgeklügelte Falle? ntv.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Rückzug der Kreml-Truppen.

Wie kam es dazu, dass Russland seine Truppen abziehen muss?

Cherson ist die einzige ukrainische Gebietshauptstadt, die die russischen Truppen seit Beginn der Invasion erobern konnten. Es ist zugleich eine der wenigen Großstädte, die die Russen seit dem 24. Februar eingenommen haben. Während das noch größere Mariupol am Asowschen Meer sowie die kleineren Zwillingsstädte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk in der Region Luhansk bei den Kämpfen fast vollständig zerstört wurden, ist Cherson die einzige Stadt, die intakt erobert wurde. Bereits in den ersten Tagen des Krieges erreichten die Invasionstruppen von der Krim aus die unvorbereitete Hafenstadt und nahmen sie fast ohne Kampf ein.

Doch bereits im März gerieten die Angreifer im Süden der Ukraine in Schwierigkeiten. Angesichts des heftigen Widerstands der Ukrainer gelang es den Russen nicht, von Cherson aus weiter Richtung Mykolajiw und Odessa vorzustoßen.

Die gesamte Versorgung der russischen Armee erfolgte in diesem Gebiet über wenige Brücken, die sich alle in oder in der Nähe von Cherson befinden. Seit dem Sommer, nachdem Kiew die HIMARS-Langstreckenraketensysteme aus den USA erhalten hatte, wurden die Brücken zum Hauptziel der ukrainischen Angriffe, was die Versorgung der russischen Truppen verschlechterte. In den vergangenen Monaten erfolgte die Versorgung der Armee und der Bevölkerung - vor dem Krieg zählte Cherson rund 300.000 Einwohner - ausschließlich mit Fähren und Booten.

Auf lange Sicht schien die Lage der russischen Armee in Cherson also aussichtslos: Nördlich der Stadt verläuft die Frontlinie. Diese können die Russen nicht durchbrechen, weil die Versorgung fehlt - wegen des mehrere Hunderter Meter breiten Flusses im Süden der Stadt. Die Ukrainer haben die Russen in die Enge getrieben.

Was verliert Russland mit dem Rückzug?

Wenn Russland seine Truppen vom westlichen Ufer des Dnipro zurückzieht, kann es nicht mehr die Städte Mykolajiw und Odessa angreifen. Zudem würde die gesamte Oblast Mykolajiw zurück unter ukrainische Kontrolle gelangen. Zurzeit kontrolliert Russland rund vier Prozent der Region - etwa 1000 Quadratkilometer. Die Ukraine würde zudem rund 23 Prozent der Oblast Cherson kontrollieren, die aus Moskaus Sicht seit der Annexion Ende September zu Russland gehört. Der Großteil der Region liegt jedoch am linken Ufer des Dnipro, nördlich der Krim.

Sollten die Ukrainer Cherson befreien, würden wichtige Stützpunkte der Russen nördlich der Krim und sogar die Stadt Armjansk auf der annektierten Halbinsel in der Reichweite der HIMARS-Raketen liegen.

Was bringt die Zurückeroberung von Cherson der Ukraine politisch?

Nach dem Scheitern des Vormarschs auf Kiew und dem Rückzug bei Charkiw gilt dies als weitere militärische Niederlage Russlands und ein großer symbolischer Erfolg für die Ukraine. Damit sendet die Ukraine ein wichtiges Signal dem Westen - es lohnt sich, das Land weiter zu unterstützen, bemerkt ntv-Korrespondent in Moskau, Rainer Munz.

Welche Vorteile bringt der Rückzug den Russen?

Russische Truppen, darunter Eliteeinheiten wie die Fallschirmjäger, die bisher in der Region Cherson stationiert waren, können nun woanders eingesetzt werden. Die Verlegung der Einheiten an andere Frontabschnitte kündigte der Oberbefehlshaber der "Spezialoperation" Sergej Surowikin am Mittwoch an, als er dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu den Rückzug aus Cherson vorschlug. In Frage kommen könnte in erster Linie die Region Donezk, wo die russischen Truppen seit Monaten um die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Bachmut kämpfen.

Wie reagiert man in Russland?

Die russische Propaganda bereitete das Volk seit Wochen auf den Rückzug vor. Die Präsidialverwaltung ließ unter den Mitarbeitern der Staatsmedien Handbücher verteilen, in denen erklärt wird, wie sie über die Situation berichten sollen. Im Staatsfernsehen wird der Rückzug nur am Rande erwähnt. Man spricht von einer "militärischen Notwendigkeit" und "Umgruppierung der Kräfte". In Kommentaren und Berichterstattung vergleichen die Propagandisten die Militärführung etwa mit dem Feldmarschall Michail Kutusow oder dem Zaren Peter I. Beide mussten sich mit ihren Armeen lange zurückziehen - der eine 1812 während des Russlandfeldzuges von Napoleon, der andere 1709 im Großen Nordischen Krieg, um Ende doch als Sieger dazustehen.

Die bekanntesten Kriegshardliner - Chef der Söldner-Gruppe Wagner, Jewgenij Prigoschin, und Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow - verteidigten den Truppenabzug. Der Kommandeur Surowikin habe eine "schwere, aber richtige Entscheidung zwischen sinnlosen Opfern für lautstarke Erklärungen und der Rettung unbezahlbarer Soldatenleben" getroffen, schrieb Kadyrow bei Telegram. "Das ist kein Schritt Richtung Sieg in diesem Krieg. Aber wichtig ist es, sich jetzt nicht zu quälen und paranoid zu werden, sondern Schlüsse zu ziehen und an den Fehlern zu arbeiten", erklärte Prigoschin.

Wie reagiert man in der Ukraine?

Die Nachricht über den russischen Rückzug wird in der Ukraine mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Führung in Kiew reagierte skeptisch auf die Ankündigung des Kreml. "Die Ukraine sieht keine Anzeichen dafür, dass Russland Cherson ohne Kampf aufgibt", twitterte der Berater des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak. "Die Ukraine befreit Territorien, indem sie sich auf Aufklärungsdaten und nicht auf inszenierte TV-Ansagen verlässt", so Podoljak weiter. "Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine 'Gesten des guten Willens'", warnte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Daher gehe die ukrainische Armee "sehr vorsichtig, ohne Emotionen, ohne unnötiges Risiko" vor.

Sind die Russen schon weg? Wie ist die Lage vor Ort?

Seit dem angekündigten russischen Truppenabzug sind ukrainische Truppen nach eigenen Angaben an zwei Abschnitten in Cherson und Mykolajiw etwa sieben Kilometer vorgerückt. Dabei seien etwa 264 Quadratkilometer und zwölf Ortschaften zurückerobert worden, teilte der Oberkommandierende der Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, bei Telegram mit. Am Vormittag wurden Bilder aus der Kleinstadt Snihuriwka im Gebiet Mykolajiw verbreitet.

Wie verläuft der Rückzug? Was hinterlassen die Besatzer?

Um die Rückeroberung von Cherson für die Ukraine zu erschweren, sollen russische Truppen nach Einschätzung britischer Geheimdienste Brücken zerstört und mutmaßlich auch Minen gelegt haben. Es sei zu erwarten, dass der angekündigte Rückzug sich über mehrere Tage hinziehen und von Artilleriefeuer zum Schutz der abziehenden Einheiten begleitet werde, hieß es am heutigen Donnerstag im täglichen Lagebericht des britischen Verteidigungsministeriums.

Könnte es sich um eine Falle handeln?

Einige Beobachter sehen im Rückzug der Russen tatsächliche eine Falle. Seit Wochen mehren sich Berichte, wonach russische Soldaten sich als Zivilisten verkleiden und in Privathäusern einquartieren würden. Die russischen Kämpfer scheinen demnach für Straßenkämpfe bereitzustehen.

Vor wenigen Tagen - jedoch noch vor der Rückzugsankündigung - sagte die Pressesprecherin des Südkommandos der ukrainischen Armee, Natalija Humenjuk, im Fernsehen, die Besatzer würden versuchen, den Eindruck zu erwecken, als seien sie weg, um ukrainische Kräfte in bestimmte Siedlungen der Region zu locken. Dort sollen dann harte Straßenkämpfe provoziert werden.

Was würden die Straßenkämpfe in Cherson bringen?

Sie würden die Rückeroberung weiter erschweren, und ukrainische Einheiten an einem Ort binden, damit sie an anderen Frontabschnitten nicht eingesetzt werden können. Um einen Häuserkampf in einer Großstadt zu gewinnen, bedarf es nach Einschätzung des deutschen Brigadegenerals Christian Freuding einer acht bis zehnfacher Überlegenheit der angreifenden Kräfte - in diesem Fall der Ukrainer.

Sollten die Russen den ukrainischen Streitkräften tatsächlich Straßenkämpfe aufzwingen, könnte dies zu hohen Verlusten auf der ukrainischen Seite führen. Doch die Regierung in Kiew gibt Entwarnung: "Wir kennen und antizipieren die Entwicklungen, die die Russen uns aufzwingen wollen, und erstellen unseren eigenen strategischen Plan", sagte Armeesprecherin Humenjuk Anfang November im Fernsehen.

Quelle: ntv.de

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