Politik

Trumps Herausforderer kann es Biden ist genau der richtige Mann

b5d3aad239785d1ee8c1bd64146a21ad.jpg

Bidens Rede kam auf den Punkt, sie glich einer Abrechnung mit Trump.

(Foto: AP)

Unter den US-Demokraten ist Trump so unbeliebt, ja verhasst, dass sie fast jeden wählen würden, der gegen ihn antritt. Aber in Joe Biden haben sie den richtigen Mann gekürt. Denn er steht für genau das, was die Vereinigten Staaten jetzt brauchen.

Wenn die Amerikaner am 3. November wählen, geht es nicht um dieses oder jene Gesetz, eine Steuerreform oder gar Krieg und Frieden. Es geht vor allem darum, ob der Mann im Weißen Haus noch vier weitere Jahre bekommt, um das Land zu ruinieren, in der Welt lächerlich zu machen und die Axt an die Demokratie selbst anzulegen. Donald Trump hat seit 2017 auf atemberaubende Weise gezeigt, wie inkompetent, wie gefährlich und wie planlos er ist - und nun naht der Tag der Abrechnung. Endlich soll jemand anders ins Weiße Haus einziehen. Egal wer. Oder?

Diese kleine Skizze amerikanischer Emotionen außerhalb der Make-America-Great-Again-Parallelwelt macht es Joe Biden nicht leicht. Sie dürfte ihm zwar aus dem Herzen sprechen - aber die massive Anti-Trump-Stimmung unter den Demokraten, aber auch unter manchen gemäßigten Unabhängigen und Republikanern lässt die Lage ein wenig so wirken, als ob im November der Kandidat gewinnt, der nicht Trump ist. Ist das also Bidens stärkste Eigenschaft, nicht Trump zu sein? Wer das glaubt, verkennt die Lage. Er ist viel mehr als das. Er ist genau der richtige Mann für diesen historischen Moment. Das hat er bei seiner Nominierungsrede beim Parteitag der Demokraten gezeigt.

Bidens Rede fand so großen Widerhall, dass selbst Kommentatoren beim Trump-freundlichen Sender Fox News sich ein Lob nicht verkneifen konnten. Da war etwa Moderator Chris Wallace, der Bidens zugestand, ein für alle mal damit aufgeräumt zu haben, der "Sleepy Joe" zu sein, wie Trump ihn tituliert. Und auch Laura Ingraham, eine der schärfsten Kritikerinnen der Demokraten, sagte ausgerechnet während eines Gesprächs mit Donald Trumps Jr., Biden habe eine gute Rede gehalten. Sein Auftritt war eben so gelungen, dass auch Fox News nicht daran vorbei kam.

Es geht um den Ton

Was Biden gesagt hat? In seiner Rede sammelte er gewissermaßen die Scherben auf, die Trump überall hinterlassen hat. Die Corona-Krise will er zuerst bekämpfen. "Sehen Sie sich um", rief er seine Landsleute auf: "In Kanada, in Europa, in Japan ist die Lage nicht so schlimm." Statt etwas zu tun, warte Trump noch immer auf ein Wunder. Er werde auf die Wissenschaft hören, versprach Biden und kündigte zahlreiche Maßnahmen an. Auch ein Infrastrukturprogramm werde er auflegen, Millionen neue Jobs schaffen, den systemischen Rassismus im Land bekämpfen und dafür sorgen, dass Kinderbetreuung bezahlbar wird. Ebenso wie die die Studiengebühren, die Studenten aufhäufen müssen, um einen begehrten College-Abschluss zu bekommen.

Es ging aber gar nicht so sehr darum, was er im Einzelnen ankündigte. Es ging viel mehr um die zugrunde liegende Botschaft Bidens, die er schon bei der Ankündigung seiner Kandidatur im vergangenen Jahr verbreitete. "Mir geht es um die Seele Amerikas", sagte er damals. Das mag in normalen Zeiten nach etwas übermäßig triefendem amerikanischen Pathos klingen - aber nach vier Jahren Trump sind solche Worte gerade groß genug. Der Mann, der Politik mit Beleidigungen, Lügen und Hass macht und seit dreieinhalb Jahren damit durchkommt, hat schon jetzt viel Schaden angerichtet. Ist der nun das Vorbild? Geht es nur darum, zu "gewinnen"? Ist jedes Mittel gerechtfertigt, solange man am Ende oben steht? Und: Soll das nun definieren, was es heißt, konservativ zu sein?

Gleich zu Beginn seiner Rede sagte Biden: "Hier und jetzt gebe ich Ihnen mein Wort. Wenn Sie mir die Präsidentschaft anvertrauen, werde ich aus dem Besten in uns schöpfen, nicht aus dem Schlechtesten. Ich werde ein Verbündeter des Lichts sein, nicht der Dunkelheit." Später in der Rede erinnerte er an Trumps Kommentar zu einem Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville (Virginia), bei denen eine Gegendemonstrantin von einem Rechtsradikalen mit einem Auto überfahren wurde. Der Präsident sprach damals davon, dass auf beiden Seiten "sehr anständige Leute" gewesen seien. Trump stellte so Neonazis und Gegendemonstranten auf eine Stufe. Für Biden der entscheidende Anstoß, zu kandidieren.

Er kann die Gräben überwinden

Biden ist der richtige Mann für diese Wahl, weil er wie kaum ein Zweiter verkörpert, die Amerikaner wieder zusammenbringen zu wollen. Im Land tobt nicht erst seit Trump ein "Kulturkrieg" zwischen Liberalen und traditionellen Konservativen, die beide mehr und mehr in ihrer eigenen Blase leben, ihre eigenen Medien verfolgen und die andere Seite für völlig verrückt halten. Trump aber hat mit aller Kraft die Gräben zwischen den Lagern noch vertieft, weil er weiß, dass es ihm nutzt. Nur wenn er seine Basis aufpeitscht, wenn sie geschlossen für ihn stimmt, hat er eine Chance die Wahl zu gewinnen. Denn, das muss man den Amerikanern zu Gute halten, eine echte Mehrheit hatte Trump nie. Nur durch das antiquierte Wahlsystem, in dem jeder Bundesstaat einzeln gewonnen werden muss, konnte er überhaupt siegen. Dass ein Präsident für alle dazu sein hat? Hat Trump nie gekümmert.

Biden war in seinen Jahrzehnten im Senat dagegen der Mann, der über den "Mittelgang" hinausging, wie man in Washington sagt, jenes Ganges, der die Sitze von Demokraten und Republikanern im Senat teilt. Dort, wo sich jene treffen, die an Kompromissen interessiert sind. Von denen es immer weniger gibt, je mehr sich die Gruppen im Land voneinander entfernen. Biden ist einer, der mit den Republikanern reden will - und kann. Er war es, der für Präsident Barack Obama die Mehrheiten für seine historische Krankenversicherungsrefom "Affordable Care Act", besser bekannt als "Obamacare", organisierte. Nach dessen Ausbau jetzt die Mehrheit des Landes ruft.

Wenn die Amerikaner zurzeit eins nicht brauchen, ist es noch mehr Polarisierung und Entfremdung. Biden hat mit seinen Appellen an die Vernunft, den gesunden Menschenverstand, mit seinem "Wir können es besser!" die richtige Botschaft. Da macht es auch nichts, dass er der älteste Präsident aller Zeiten wäre - sein Alter vermittelt in dieser Frage eher Glaubwürdigkeit. Biden kennt die Zeit noch, als der US-Kongress noch nicht als kaputter, korrupter Haufen verschrien war.

Biden weiß, was Trauer bedeutet

Auch charakterlich ist Biden der richtige Mann. Trump zeichnete sich durch Skrupellosigkeit aus, sich in andere hineinzuversetzen scheint ihm völlig abzugehen. Einmal wurde er bei einem Gespräch gefilmt, wie er einen Spickzettel dabei hatte, auf dem stand "Ich fühle mit Ihnen". Biden ist das komplette Gegenteil dazu. Als er gerade als junger Mann Senator geworden war, verlor er seine damalige Frau und eine Tochter bei einem Autounfall. Vor wenigen Jahren starb sein Sohn Beau an Krebs. Biden weiß, was es heißt zu trauern. Angesichts von mehr als 170.000 Toten durch die Corona-Krise brauchen die Vereinigten Staaten jemanden, der den Schmerz versteht - und weiß, wie man da wieder heraus kommt.

Ja, auch andere Kandidaten hatten gute Programme, vielleicht sogar bessere. Aber Biden trifft mit seinem Wahlkampf den Ton. Es ist höchste Zeit für die Amerikaner, wieder gemeinsamen Boden unter die Füße zu bekommen, "common ground" zu finden. Der Spaltung und dem Hass der Trump-Zeit etwas Machtvolles entgegenzusetzen. Und das könnte niemand so gut wie Joe Biden.

Quelle: ntv.de