Politik

Cambridge Analytica und Trump Blick in den Maschinenraum des Hasses

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Donald Trump bei seiner Amtseinführung am 20. Januar 2017.

AP

Steve Bannon will eine Waffe für seinen politischen Krieg. Der Milliardär Robert Mercer finanziert sie. Ein Wissenschaftler sammelt die Daten für Millionen Wählerprofile. Und Donald Trump zieht ins Weiße Haus ein.

Nach den Präsidentschaftswahlen in den USA rätselte alle Welt: Warum hatte ein skurriler alter Mann, der in New York jahrelang nur als Witzfigur wahrgenommen worden war, mit fremdenfeindlichen Parolen gewonnen? Ein Erklärungsmodell lautete: Big Data.

Schon im September 2016 hatte Alexander Nix, Chef der Firma Cambridge Analytica, öffentlich für sich in Anspruch genommen, die Wahl im November gewinnen zu können. Da arbeitete er bereits für Donald Trump. Der Sieg des Unternehmers schien dem Briten Recht zu geben. Die Frage kurz danach war deshalb: Welche Wirkung hatte die Arbeit der Firma wirklich? Ein langer, Aufsehen erregender Artikel in der Schweizer Zeitschrift "Das Magazin" hatte großen Einfluss nahegelegt - andere (wie dieser) folgten, die ihn relativierten. Waren Clintons schlechter Wahlkampf, die Stimmung im deindustrialisierten Rostgürtel der USA und Trumps Anklang bei wütenden weißen Wählern nicht viel wichtigere Faktoren?

Nix brüstete sich noch vor wenigen Monaten damit, Cambridge Analytica habe Trumps Wahlsieg möglich gemacht. Er habe Trump "häufig" getroffen, sagt Nix in einem Video, das Reporter des britischen Senders Channel 4 heimlich aufgenommen haben. Sein Unternehmen habe "den gesamten digitalen Wahlkampf und den TV-Wahlkampf" organisiert: "Unsere Daten waren die Grundlage der gesamten Strategie."

Der aktuelle Auslöser vieler kritischer Äußerungen über Cambridge Analytica ist die Methode, wie das Unternehmen überhaupt an die Daten gekommen war, die es in der US-Wahl verwendete. Christopher Wylie, ein früherer Mitarbeiter der Firma, sagte dem "Observer": "Wir werteten Facebook aus, um die Daten der Profile von Millionen Menschen zu ernten. Wir schufen Modelle, um auszuwerten, was wir über sie wussten und um auf ihre inneren Dämonen zu zielen. Das war die Grundlage, auf der die ganze Firma aufgebaut wurde."

Die Daten für die Modelle kamen Wylie zufolge von einer Firma des Wissenschaftlers Aleksandr Kogan, der an der Cambridge University arbeitete und mit einer App Daten von Facebook-Nutzern sammelte und auch von deren Freunden. Laut Facebook geschah dies auf illegale Weise. Rund 50 Millionen Nutzer sollen betroffen sein. Kogan widerspricht Facebook: Alles sei legal gewesen, sagt er. Kogan erstellte mit Hilfe der App-Daten ein psychologisches Profil aus persönlichen Angaben, Aussehen, Likes, Freundeskreis und dem Fünf-Faktoren-Modell ("Ocean"). Zugleich forschte Kogan an der Universität St. Petersburg mit Stipendien der russischen Regierung über soziale Medien.

"Heftige Manipulation"

Es ist diese psychologische Herangehensweise und die so gezielte, unregulierte Wahlwerbung, die viele erschreckt. Bundesjustizministerin Katharina Barley von der SPD sagte, solche Methoden könnten die Meinungsbildung verzerren und eine "Gefahr für die Demokratie werden, wenn keine klaren Regeln gelten". EU-Justizkommissarion Vera Jourová ging noch weiter und will "massive Auswirkungen" und "heftige Manipulation" von Meinungen erkannt haben, die sich in Wahlergebnissen spiegele. Worin bestünde diese Manipulation? Dass Meinungsbildung nun auch online stattfindet und nicht mehr nur in unvermittelter Kommunikation, im Fernsehen, im Radio? Dann müsste politische Internetwerbung als solche kenntlich gemacht, zurückverfolgbar und reguliert, und all dies von unabhängiger Stelle überwacht werden.

Bislang mutet politische und andere Online-Werbung wie Wildwest an. In den USA gibt es seit dem vergangenen Oktober eine Gesetzesinitiative, die das ändern soll. Der "Honest Ads Act" würde Internetplattformen dazu verpflichten offenzulegen, welche Werbung politisch ist und wer dafür bezahlt. Doch die Initiative hat keine Lobby oder besser gesagt: Die Lobby der Gegner ist im US-Kongress zu einflussreich. Mit Werbung verdienen Facebook, Google und Co. schließlich ihr Geld.

In einem Teil der momentanen Empörung über das sogenannte Microtargeting bestimmter Wählergruppen schwingt die Hoffnung mit, wie Sascha Lobo so richtig schreibt, die Menschen hätten nicht aus freien Stücken Trump an die Spitze der USA gewählt, sondern seien von Manipulatoren dazu gebracht worden. Dann wären sie bloß Opfer der bösen Datenmagier, die per Profilangaben von Facebook eine allmächtige Überzeugungsmaschine geschaffen hätten und im Wahlkampf dann rücksichtslos einsetzten.

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Auch Steve Bannon ist seinen Job mittlerweile los: Im August 2017 wurde er als Chefstratege im Weißen Haus entlassen.

(Foto: REUTERS)

Vor Jahrzehnten schon fanden Medienwirkungsforscher heraus, dass sich Menschen ungern überzeugen lassen, sondern bevorzugt Inhalte konsumieren, die ihre bereits bestehenden Überzeugungen bestätigen. Die Nutzung von Big Data und des Internets könnte mächtiger sein. Johan Bollen etwa, Professor für Informatik an der University of Indiana, fand heraus, dass er anhand der Analyse von Tweets Börsenkurse vorhersagen kann. "Einige Untersuchungen zeigen, dass, wenn etwas häufig genug wiederholt wird, Menschen ungewollt anfangen, es zu glauben", sagte Bollan dem "Guardian" im vergangenen Jahr. Software erkenne Stimmungen, die dann beeinflusst werden könnten. "Das kann zu einer Propagandawaffe gemacht werden."

Waffe für Bannons Krieg

Im Herbst 2013, so erzählt es der Whistleblower Christopher Wylie der "New York Times", tauchte Breitbart-Chef Steve Bannon bei der SCL Group auf, der Mutterfirma von Cambridge Analytica. Alexander Nix richtete für Bannons Besuche eigens ein Büro nahe der britischen Universität ein und karrte Mitarbeiter aus London in die Räumlichkeiten, um den Eindruck zu erwecken, das Unternehmen habe einen akademischen Hintergrund und arbeite mit der renommierten Hochschule zusammen. Wylie zufolge war es Bannon, der den Namen der Firma vorschlug und später auch in deren Aufsichtsrat saß.

Um Bannon zu beeindrucken, behauptete Nix: Wir können die Ansichten der Menschen verändern. Und wenn wir sie steuern, können unsere Kunden die Politik verändern. Bannon begreift Politik als Krieg, wie er nach Trumps Wahl sagte. Er wollte eine digitale Waffe, um ihn effektiv führen können. Eine teure Waffe. Also arrangierte Bannon ein Treffen in New York. Anwesend waren auch Wylie, Nix und der konservative Hedgefond-Milliardär Robert Mercer, der Bannons ultrakonservative Agenda damals noch unterstützte. Cambridge Analytica überzeugte Mercer, der 15 Millionen US-Dollar in die Firma investierte - wegen des Versprechens, Werbung nach psychologischen Persönlichkeitsprofilen gezielt an Wählergruppen ausliefern zu können. Nix holte Champagner, köpfte die Flasche mit einem Säbel und feierte.

Die Firma hatte nun zwar Geld, aber ein existenzielles Problem: Sie brauchte bestimmte Angaben von Wählern aus den ganzen Vereinigten Staaten. Also traf sich Wylie mit Aleksandr Kogan in der Cambridge Universität, der daraufhin eine Firma gründete und eine App bei Facebook platzierte, um diese Daten liefern zu können. Laut Facebook stellten 270.000 Nutzer ihre Informationen für angeblich wissenschaftliche Zwecke bewusst zur Verfügung, als sie Kogans App "thisisyourdigitallife" herunterluden. Doch innerhalb von drei Monaten erhielt Cambridge Analytica von Kogan nicht nur die Details von 270.000 Facebook-Profilen, sondern von mindestens 50 Millionen. Es waren diese Daten, mit denen der Algorithmus von Trumps Wahlkampagne arbeitete.

Ob Webseiten, Blogs oder Videos - mit einem Team aus Psychologen, Wahlkampfexperten, Werbespezialisten und Designern erstellte die Firma auch Inhalte, um eine gewünschte Zielgruppe zu überzeugen. Hassbotschaften für Rassisten etwa, oder entmutigende Inhalte für potenzielle Clinton-Wähler, damit diese dann nicht zur Wahl gehen sollten; sie taten, was sie konnten, um die jeweiligen Wählergruppen in Mercers, Bannons und Trumps Sinne zu beeinflussen. Laut dem "Magazin"-Artikel sollen an einem Tag 175.000 Versionen derselben Botschaft auf Facebook verteilt worden sein, "um den Empfängern psychologisch optimal zu entsprechen".

Nicht von ungefähr kam von Milliardär Mercer das Geld für Trumps Kampagne gegen das "politische Establishment" und den "Sumpf" in Washington. Mercers Geld fließt auch in rechte Medienkanäle: in Breitbart News, in das Government Accountability Institute, das rechten Journalismus finanziert, und in das Media Research Center, dessen selbsterklärtes Ziel es ist, "die Propaganda der Linken zu neutralisieren: die Nachrichtenmedien".

Cambridge Analytica und sein Chef Alexander Nix hatten in diesem Mediengeflecht von Mercer und Bannon eine zentrale Rolle. Das Unternehmen definierte die Zielgruppen für die Meinungsblasen, die Breitbart und Co. mit ihren Inhalten füllten und noch undurchlässiger machten. Nach den Enthüllungen von Channel 4 wurde Nix am Dienstag suspendiert, aber er hat noch mindestens ein weiteres Standbein. Er sitzt auch im Aufsichtsrat von Emerdata, einer Firma für "Datenverarbeitung, Hosting und damit in Verbindung stehende Aktivitäten". Emerdatas Firmenadresse in London ist dieselbe wie die der SCL Group. Zu Nix in den Aufsichtsrat gesellten sich am 16. März offiziell Mercers Töchter Rebekah und Jennifer.

Quelle: n-tv.de

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