Politik

Gauck besucht Soldaten "Bundeswehr verdient Zutrauen"

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Gauck besucht die Bundeswehr in Hamburg.

(Foto: dpa)

Wehrbeauftragte und Soldaten erhalten Rückendeckung von Präsident Gauck: Die Bundeswehr und ihre Einsätze müssten gesellschaftlich mehr gewürdigt werden, fordert der ehemalige Pfarrer. Schließlich sei sie eine Armee des Volkes im besten Sinne. Zugleich kritisiert er die "Ignoranz" vieler Bürger, eine Tendenz zum "Nicht-Wissen-Wollen".

Bundespräsident hat die deutschen Soldaten und ihre Einsätze zum Erhalt des Friedens ausdrücklich gewürdigt. Bei seinem Antrittsbesuch bei der Bundeswehr in Hamburg lobte er, dass es gelungen sei "nach den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur und nach den Gräueln des Krieges, in diesem Land eine solche Armee zu schaffen: eine Armee des Volkes, im besten, eigentlichen Sinne, kein Staate im Staate, keine Parteienarmee, sondern eine Parlamentsarmee".

Die Deutschen rief er zu größerer Offenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr auf und bemängelte zugleich eine gewisse Ignoranz der Bürger gegenüber den Streitkräfte. Er stelle in der Bevölkerung auch eine Tendenz zum "Nicht-Wissen-Wollen" fest, kritisierte Gauck bei einem Besuch der Führungsakademie der Bundewehr.

Es sei zwar menschlich, nicht mit Leid und Terror behelligt werden zu wollen. "Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen", sagte Gauck. Aber "'ohne uns' als purer Reflex kann keine Haltung sein, wenn wir unsere Geschichte ernstnehmen", mahnte der Präsident.

Gewalt bleibt immer ein Übel

Die Abscheu gegen Gewalt sei zwar verständlich, und Gewalt werde immer ein Übel bleiben. "Aber sie kann - solange wir in der Welt leben, in der wir leben (...) - notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden", betonte Gauck. Gerade Deutschland wisse, dass Frieden, und die Achtung der Menschenrechte vielfach nicht von allein entstünden. "Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben, sie entbehrt auch ihres Wertes und ihrer Würde ohne diesen Begriff", sagte der Präsident. Dies sei für Soldaten selbstverständlich, nicht aber in der Gesellschaft.

"Freiheit und Wohlergehen sehen viele als Bringschuld der Demokratie und des Staates", kritisierte Gauck. "Manche verwechseln Freiheit mit Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Hedonismus." Eine funktionierende Demokratie erfordere aber auch Einsatz, Aufmerksamkeit, Mut "und eben manchmal auch das Äußerste, was ein Mensch geben kann: das Leben, das eigene Leben".

Im Gegenzug habe die Truppe einen Anspruch darauf, dass die Gesellschaft sich bewusst mache, was den und vor welche Aufgaben sie in Zukunft gestellt würden. "All das darf nicht allein in Führungsstäben und auch nicht allein im Parlament debattiert werden", forderte Gauck. "Es muss da debattiert werden, wo unsere Streitkräfte ihren Ort haben: In der Mitte unserer Gesellschaft." Derzeit aber sei die Bundeswehr im öffentlichen Bewusstsein nicht sehr präsent, und über ihre Einsätze werde nicht ausreichend in der Gesellschaft diskutiert.

Gauck, der in der DDR als Bürgerrechtler aktiv war, sprach auch sehr persönlich von seinen ersten Erfahrungen mit Soldaten in Deutschland. Soldaten und Militär seien in den ersten fünf Jahrzehnten seines Lebens allgegenwärtig gewesen. "Es sind keine guten Gefühle, die bei mir hochkommen, wenn ich mich erinnere an die Aufmärsche, an die Militarisierung der Schulen, an die Erziehung zum Hass, an die Ablehnung eines Zivildienstes durch Partei und Staat, an die militärische 'Absicherung' einer unmenschlichen Grenze - nicht gegen einen Aggressor, sondern gegen das eigene Volk."

Diese Bundeswehr sei dagegen keine Begrenzung der Freiheit, sondern eine Stütze unserer Freiheit, betonte Gauck. Die Bundeswehr habe sich von unseligen militärischen Traditionen gelöst und sei heute fest verankert in einer lebendigen Demokratie. "Sie hat unser Zutrauen verdient", erklärte Gauck.

Quelle: ntv.de, ghö/rts