Politik

Gegenwehr für türkische Armee Damaskus schickt Truppen nach Nordsyrien

Die syrische Armee holt zum Gegenschlag aus: Um der türkischen Militäroffensive etwas entgegenzusetzen, schickt Damaskus eigene Truppen in das nordsyrische Grenzgebiet. Die USA kündigen indes den Abzug weiterer Soldaten an. Und Russland?

Als Reaktion auf den türkischen Einmarsch in Nordsyrien schickt die Regierung in Damaskus eigene Truppen in die Region. Der Schritt folgt auf eine Vereinbarung der Regierung von Präsident Baschar al-Assad mit den Kurdenmilizen, gegen die Ankara am Mittwoch eine Militäroffensive begonnen hatte. Die Abmachung ist ein Hinweis auf die zunehmend verzweifelte Lage der Kurden, die mit dem Abzug der US-Truppen dort ihren wichtigsten Verbündeten verloren haben.

imago94046453h.jpg

Das türkische Militär bombardiert Orte nahe der syrischen Grenze.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die syrische Armee werde im Norden der "türkischen Aggression auf syrischem Boden entgegentreten", berichtete die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, ohne Details zu nennen. Laut einem Bericht des libanesischen TV-Senders Al-Mayadeen sollen die Truppen bereits ab Montagmorgen zur türkischen Grenze entsandt werden. Dort läuft die türkische Militäroffensive gegen die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die von der Kurdenmiliz YPG angeführt werden.

Die kurdische Autonomieverwaltung in der Region beschrieb die Vereinbarung mit Damaskus als Ergebnis einer zunehmend ausweglosen Lage. "In den vergangenen fünf Tagen sind die abscheulichsten Verbrechen gegen unbewaffnete Zivilisten begangen worden", hieß es in einer Mitteilung. "Wir mussten mit der syrischen Regierung verhandeln, die die Aufgabe hat, die Landesgrenzen und die syrische Souveränität zu schützen." Die Regierungstruppen müssten die SDF nun dabei unterstützen, die von der türkischen Armee und von deren verbündeten Milizen eingenommenen Gebiete zu befreien.

Bislang waren syrische Regierungstruppen in bestimmten kurdischen Gebieten stationiert, um eine türkische Offensive zu verhindern. Ein Kurdenvertreter, der anonym bleiben wollte, berichtete derweil von "Verhandlungen" zwischen der Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion und der syrischen Regierung.

Wenige Stunden zuvor hatte US-Präsident Donald Trump den Rückzug weiterer US-Soldaten aus Nordsyrien angeordnet. Es bestehe die Gefahr, dass die USA zwischen zwei sich gegenüberstehenden Armeen gerieten, die in Nordsyrien vorrückten, sagte US-Verteidigungsminister Mark T. Esper dem US-Sender CBS. Das sei eine "sehr unhaltbare" Situation. Esper habe deshalb mit Trump gesprochen, der angeordnet habe, dass mit einem Rückzug von Kräften aus Nordsyrien begonnen werde. Die US-Regierung wolle sicherstellen, dass keine US-Soldaten verletzt oder getötet würden, sagte Esper. Man spreche von weniger als 1000 Soldaten, die aus Nordostsyrien abgezogen werden sollen, sagte Esper Fox News. Es gebe keinen Zeitplan. Der Abzug solle auf "sichere, überlegte" Weise passieren.

Androhung harter Sanktionen gegen die Türkei

Aus dem unmittelbaren Gebiet der türkischen Offensive hatten die USA vergangene Woche rund 50 Soldaten abgezogen. Die Entscheidung wurde von Kritikern als grünes Licht für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für den Einsatz gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien gewertet. Trump hatte für die Entscheidung scharfe Kritik auch aus seinen eigenen Reihen kassiert.

Die USA dringen gleichzeitig auf einen Abbruch der türkischen Offensive und drohen der Regierung in Ankara harte Sanktionen an. "Wenn wir müssen, können wir die türkische Wirtschaft stilllegen", warnte US-Finanzminister Steven Mnuchin bereits am Freitag. Mnuchin sagte, er hoffe nicht, dass die "sehr harten" Sanktionen eingesetzt werden müssten. Die EU fordert ebenfalls ein Ende des Militäreinsatzes. Frankreich drohte mit EU-Sanktionen. Am Montag wollen die EU-Außenminister bei ihrem Treffen über die Militäroffensive beraten.

Die Kurdenmiliz YPG kontrolliert auf syrischer Seite der Grenze mit ihren Verbündeten ein großes Gebiet. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Die YPG-Milizen waren im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein enger Verbündeter der USA. Im vergangenen Dezember hatte Trump angekündigt, alle 2000 US-Soldaten aus Syrien abzuziehen - mit der Begründung, der IS sei dort bezwungen. Einige Hundert Soldaten sollten aber schließlich als "Friedenssicherungstruppe" bleiben.

Hunderte IS-Unterstützer aus kurdischer Haft ausgebrochen

Bei den Kämpfen zwischen türkischen Truppen und Kurdenmilizen in Nordsyrien sind dort fast 800 Familienangehörige von Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus einem Lager ausgebrochen. Bei den rund 780 IS-Unterstützern handle es sich um Ausländer verschiedener Herkunft, teilten die kurdische Autonomiebehörde und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Sie seien nach einem Beschuss durch Milizen, die mit der türkischen Armee verbündet sind, aus dem Lager Ain Issa ausgebrochen. Der britische "Guardian" berichtete, es handle sich um etwa 250 Frauen und 700 Kinder.

Der Ausbruch aus dem Lager bestätigt die Befürchtung der Staatengemeinschaft, dass die Tausenden inhaftierten IS-Kämpfer und ihre Angehörigen die türkische Offensive nutzen, um aus kurdischer Haft zu fliehen. International besteht die Sorge, dass der Einsatz gegen die YPG den Kampf gegen die IS-Miliz schwächt und der Extremistengruppe erlaubt, sich neu zu formieren.

Quelle: n-tv.de, bad/ibu/AFP/dpa/rts

Mehr zum Thema