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20 Jahre Columbine-Massaker Das Blutvergießen findet kein Ende

Schülerinnen der Columbine Highschool trauern am Tag nach dem Amoklauf.

Schülerinnen der Columbine Highschool trauern am Tag nach dem Amoklauf.

(Foto: AP)

Vor zwei Jahrzehnten ermorden zwei Schüler 13 Menschen an der Columbine High School in den USA. Das Massaker ist ein kollektiver Schock für das Land und Auftakt einer Eskalation der Waffengewalt.

"Ich sah, wie sie ein Mädchen erschossen haben, weil sie zu Gott betete."

"Du konntest sie lachen hören, während sie die Flure entlangrannten und Menschen erschossen."

Die obigen Zitate stammen von Schülern der Columbine High School in den USA, sie erschienen am 21. April 1999 in der "Denver Post" - am Tag nach dem damals tödlichsten Schulmassaker in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Die Attentäter sind zwei Schüler der High School; Teenager, die einer Außenseitergruppe namens Trench Coat Mafia angehörten, die gerne Hakenkreuze auf ihren Mänteln trugen und ihre Opfern anschrien, sie würden Rache für das Mobbing üben, das sie erfahren hätten. Nach vier Stunden Amoklauf sind zwölf Schüler und ein Lehrer tot, 24 weitere Menschen sind teilweise schwer verletzt. Die Täter töten sich selbst.

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Das Columbine-Massaker ist der erste Amoklauf an einer Schule in dieser Größenordnung in der US-Geschichte. Der letzte ist er nicht.

Zwar stand das Land nach dem blutigen Attentat unter Schock, doch in den USA wurden - anders als kürzlich in Neuseeland, wo nach dem Massaker in Christchurch umgehend neue Waffenverbote erlassen wurden - keine restriktiven landesweiten Gesetze gegen Waffenbesitz verabschiedet. Die Bluttaten an Schulen gingen weiter, es sind mehrere pro Jahr, nur einige machten Schlagzeilen: Virginia Tech, 2007, 32 Tote; Sandy Hook Elementary School, 2012, 27 Tote; Umpqua Community College, 2015, 9 Tote; Stoneman Douglas High School, 2018, 17 Tote; Santa Fe High School, 2018, 10 Tote.

Seit dem Massaker in Columbine sind mehr als 200 Menschen in den USA bei Amokläufen an Schulen ermordet worden. Hinzu kommen viele, viele weitere bei Massenschießereien an anderen Orten, wie bei dem Massaker in Las Vegas im Jahr 2017 (58 Tote) oder dem Amoklauf im Nachtclub Pulse in Oregon im Jahr 2016 (49 Tote).

US-Bürger wollen schärfere Waffengesetze - Waffenlobby ist stärker

Laut Statistiken der US-Regierung wurden allein 2017 14.542 Menschen in den Vereinigten Staaten erschossen. Laut Daten der UN sind es pro Jahr sechs Mal so viele Menschen wie in Kanada - und sechzehn Mal so viele wie in Deutschland. Warum handelt die Politik also nicht entschieden? Warum wird etwa der Privatbesitz von großkalibrigen Waffen nicht verboten? Die Antwort ist kompliziert, sie hat aber viel mit drei Buchstaben zu tun: NRA.

Die National Rifle Association ist ein mächtiger Lobbyverband in den USA. Von 1998 bis 2017 gab sie laut dem Faktenchecker "Politifact" über 203 Millionen US-Dollar für politische Kampagnen auf der Bundesebene aus - allein nahezu 60 Millionen davon im Wahljahr 2016.

Anders, als es oft dargestellt wird, "kauft" die NRA Politiker aber nicht direkt. Nur 1,7 Prozent der Ausgaben zwischen 1998 und 2017 entfielen auf direkte Spenden an nationale Abgeordnete. Der Lobbyverband schafft es vielmehr durch eigene Werbekampagnen und eine starke Medienpräsenz, ein politisches Umfeld im konservativen Teil der USA zu schaffen, in dem die Durchsetzung von strengeren Kontrollen beim Waffenkauf oder gar Verboten schwierig bis unmöglich ist.

"Die NRA hat es in den vergangenen 50 Jahren geschafft, viele US-Bürger zu überzeugen, dass der zweite Verfassungszusatz jede Art der Regulierung verbietet", sagt Jake Charles n-tv.de. Charles ist Direktor des Center for Firearms Law an der Duke University in North Carolina. "Diese Menschen glauben, dass Politiker, sollten sie Regulierungen verabschieden, irgendwann auch Waffen beschlagnahmen, die Bürger entwaffnen und die Tyrannei einführen werden."

Besonders republikanische Politiker, die sich dieser Pro-Waffen-Stimmung widersetzen, werden bei Wahlen abgestraft - und das trotz der deutlichen Mehrheit an US-Bürgern, die in Umfragen für schärfere Gesetze plädiert. "Der Grund, dass gründliche Wissenschaft über Waffengewalt sich oft nicht auf die Politik auswirkt, ist der gleiche wie bei gründlicher Wissenschaft zum Klimawandel: Parteilichkeit und politische Polarisierung", sagt Charles. Viele Politiker - zumeist sind es Republikaner - hätten sich von der NRA überzeugen lassen, dass es weniger Verbrechen geben würde, wenn nur mehr Bürger bewaffnet wären.

Frequenz der Massenschießereien in USA nimmt zu

Die Realität in den USA ist eine andere. Zwar haben die Fälle von Waffengewalt im Laufe des vergangenen Jahrhunderts abgenommen - in den vergangenen Jahren aber stieg die Zahl wieder.

Laut einer im April 2018 im Wissenschaftsmagazin "Journal of Child and Family Studies" erschienen Studie sind in den 18 Jahren seit der Jahrtausendwende mehr Menschen bei Amokläufen an Schulen gestorben als im gesamten Jahrhundert zuvor. Mit fast 15.000 Schusswaffenopfern und nahezu 350 Massenschießereien war 2017 das tödlichste Jahr seit zwei Jahrzehnten. 2018 war das Jahr mit der höchsten Opferzahl von Amokläufen an Schulen in den USA seit 1970.

Die Frequenz der Amokläufe in den USA nimmt also zu. Die Zahl der Opfer von Schießereien auch. Wahr ist: Waffengesetze allein können das Problem nicht vollends lösen - es bedarf auch Debatten über mentale Gesundheit, präventive Polizei- und Sozialarbeit sowie die Rolle traditioneller und sozialer Medien. Wahr ist aber auch: Keine Waffengesetze zu verabschieden wäre absolut fahrlässig. Das zeigt besonders eine 2016 veröffentlichte Vergleichsstudie der Columbia University und weiterer Einrichtungen. Die Studienautoren untersuchten knapp 130 in den vergangenen 60 Jahren erlassende Waffengesetze in zehn Ländern - darunter die USA, Großbritannien, Australien, Südafrika und Österreich. Sie konnten nachweisen, dass Gesetze, die das Recht auf den Privatbesitz von großkalibrigen Schusswaffen einschränkten, die Mordrate im jeweiligen Land verringerten.

Härtere Waffengesetze retten demnach Leben. Zum selben Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Medizinjournals "BMJ": US-Bundesstaaten, in denen es weniger Waffen in Privatbesitz und strengere Waffengesetze gibt, haben deutlich weniger Opfer von Waffengewalt zu beklagen.     

In den USA ist diese Erkenntnis auch 20 Jahre nach dem Columbine-Massaker nicht gereift. Der Amoklauf war zwar ein Wendepunkt in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch es war eine Wende zum Schlechten.

Quelle: n-tv.de

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