Politik
"Ein bisschen Verrücktheit gehört zu Trumps Präsidentschaft dazu", sagt TV-Komiker Stephen Colbert.
"Ein bisschen Verrücktheit gehört zu Trumps Präsidentschaft dazu", sagt TV-Komiker Stephen Colbert.(Foto: imago/UPI Photo)
Sonntag, 03. Dezember 2017

Trumps Geisteszustand: Das D-Wort macht die Runde

Von Hubertus Volmer

Ein US-amerikanischer TV-Moderator sagt, im Umfeld von Donald Trump spreche man darüber, dass sich der Präsident in "einem frühen Stadium von Demenz" befinde. Viele Medien in den USA greifen den Satz auf.

Selbst in den so tief gespaltenen USA gibt es politische Tabus. Persönliche Attacken gegen den Präsidenten gehören dazu. Denn als Oberbefehlshaber und Staatsoberhaupt steht der Präsident über den Parteien. Aus dem politischen Alltagsstreit wird er herausgehalten.

Das hat sich geändert. Am Freitagabend begann der Komiker Stephen Colbert seine "Late Show" mit folgenden Worten: "Wir alle haben akzeptiert, dass ein bisschen Verrücktheit zu Trumps Präsidentschaft dazugehört - ungefähr so, wie man hinnimmt, dass ein kleines bisschen Rattenkot in Hotdogs dazugehört."

Video

In der vergangenen Woche jedoch, so Colbert unter dem Gelächter seines Publikums, sei es anders gewesen. Dann spielte er einen Ausschnitt aus einer morgendlichen TV-Show ein, in der Moderator Joe Scarborough erzählt, Weggefährten des Präsidenten hätten ihm während des Wahlkampfes gesagt, Trump befinde sich in "einem frühen Stadium von Demenz". Trump habe sich "vollständig von der Realität gelöst". Zahlreiche Medien in den USA hatten in der vergangenen Woche über diese Sätze berichtet.

"Es ist also okay, das D-Wort zu benutzen?", amüsiert sich Colbert nach dem eingespielten Video. "Ich dachte, wir würden alle lächeln und so tun, als sei er nur 'lebhaft' - wie Onkel Marty, als er anfing, Kleenex-Kartons als Schuhe zu benutzen."

Trump dementiert, wofür er sich schon entschuldigt hatte

Natürlich greifen vor allem die liberalen, Trump-kritischen Medien dieses Thema auf, und natürlich gibt es keine professionelle Diagnose eines Psychiaters; auch keine Ferndiagnosen, denn die widersprechen nicht nur dem Berufsethos von Psychiatern, sondern auch einer Regel ihres Berufsstandes in den USA. Das hindert Politiker und Publizisten nicht daran, über Trump zu spekulieren.

Anstoß für Scarboroughs Wutrede war ein Bericht in der "New York Times". Demach hat Trump in privaten Gesprächen erklärt, die Stimme auf dem Video, in dem er sich vulgär über Frauen äußert, gehöre gar nicht ihm. In dem Video aus dem Jahr 2005 ist Trump zu hören, aber zunächst nicht zu sehen. Er sagt darin unter anderem, wenn man ein "Star" sei, könne man Frauen zwischen die Beine fassen.

"Wir glauben nicht, dass das meine Stimme war", sagte Trump nach Angaben der "New York Times" im Januar zu einem Senator. Danach soll er diese Aussage mehrfach wiederholt haben. Bemerkenswert ist das, weil Trump sich im Oktober 2016, nachdem das Video bekannt wurde, ausdrücklich für seine Wortwahl entschuldigt hatte.

"Schwer psychisch krank"

Laut "Times" hat Trump auch erneut angezweifelt, dass die Geburtsurkunde seines Vorgängers Barack Obama echt ist. Diese Geschichte ist uralt. Trump wollte damit vor Jahren die Legitimität von Obamas Präsidentschaft in Zweifel ziehen. Im September 2016 rückte er dann von dieser Verschwörungstheorie ab. Mittlerweile scheint er seine Meinung wieder geändert zu haben.

Scarborough war nicht der einzige Journalist, der auf den Bericht der "New York Times" mit Entsetzen reagierte. "Es ist eine Sache, mit politischen Absichten ein Fantasieland zu erschaffen", schreibt der Kommentator Eugene Robinson in der "Washington Post", etwa, weil man an die Vorurteile von Wählern appellieren oder Anhängern einen Grund geben wolle, schlechtes Benehmen zu entschuldigen. Es sei jedoch eine völlig andere Sache, wenn Trump wirklich etwas glaube, von dem er bereits einmal wusste, dass es unwahr ist. Vielleicht habe der Präsident Angst, weil Sonderermittler Robert Mueller ihm immer näher komme. "Oder vielleicht verschlechtert sich sein Geisteszustand."

Auch der Publizist Tony Schwartz, der in den 1980er-Jahren für Trump das Buch "The Art of the Deal" geschrieben hatte, sagte im Sender MSNBC, der Präsident verliere den Bezug zur Realität. Im Vergleich zu der Zeit, als er noch mit Trump gearbeitet hatte, habe dieser heute einen eingeschränkten Wortschatz. "Dies ist ein Mann, der schwer psychisch krank ist."

"Hören Sie sich einfach mal den Präsidenten an"

Die "Washington Post" verweist in einem weiteren Artikel darauf, dass sich US-Präsidenten seit Ronald Reagan jährlich von Ärzten untersuchen ließen und den Befund dann veröffentlichten. Von Trump ist bislang nicht bekannt, dass er dergleichen plant. Die Medien würden die Frage nach Trumps gesundheitlichem und geistigem Zustand daher immer lauter stellen. Bereits im Sommer hatte eine demokratische Abgeordnete einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Trump zwingen sollte, sich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen.

Trump reagierte auf Scarborough, indem er ihm via Twitter schlechte Einschaltquoten und eine alte Verschwörungstheorie über ein "ungelöstes Rätsel" vorhielt (das weder ungelöst noch ein Rätsel ist). Nicht zuletzt mit solchen Tweets hat Trump selbst zum Ende des Tabus beigetragen, das unziemliche Attacken gegen den Präsidenten verbietet. Seine Fans jubeln ihm weiterhin zu - Trumps Kritiker dagegen haben jeden Respekt verloren.

Quelle: n-tv.de