Politik

Wie tickt der Mann? "Trump hat durchaus Werte: rohe Gewalt"

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(Foto: REUTERS)

Drei Monate lang beschäftigt sich der Psychologe Dan McAdams mit Donald Trump. Er sucht nach Eigenschaften, die ihn menschlich machen, er sucht den echten Trump. Sein Fazit: "Ich habe nach etwas gesucht, das nicht da war."

Mitten im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1964 erschien in der Zeitschrift "Fact" ein Artikel über den republikanischen Kandidaten Barry Goldwater. Gleich auf der Titelseite stand der Satz, für den das Magazin ziemlichen Ärger bekommen sollte. "1189 Psychiater sagen, Goldwater ist psychologisch nicht in der Lage, Präsident zu sein!"

Ralph Ginzburg, einer der Herausgeber von "Fact", hatte für seinen Artikel über Goldwater eine Umfrage unter amerikanischen Psychiatern durchgeführt. Zwei Drittel von denen, die eine Antwort gaben, wählten jene, die es auf die Titelseite schaffte. Der Artikel hatte zwei Folgen: Ginzburg und seine Zeitschrift mussten Goldwater 75.000 Dollar Schadenersatz zahlen. Und die Vereinigung amerikanischer Psychiater erließ die "Goldwater-Regel". Sie besagt, kurz gefasst, dass Ferndiagnosen von Personen des öffentlichen Lebens nicht in Ordnung sind.

Diese Regel ist der Grund, warum es keine professionelle Antwort auf die Frage gibt, ob Donald Trump wahnsinnig ist – denn natürlich ist völlig richtig, dass psychiatrische Diagnosen aus der Distanz unmöglich sind. Dennoch gibt es viele Amerikaner, die sich genau dies fragen. "Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass er einfach nur verrückt ist", schrieb ein Kommentator in der "Washington Post".

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"Keine Gnade für Hillary" - Trump-Fans haben ein klares Feindbild.

(Foto: REUTERS)

Man kann sich dem geistigen Zustand von Donald Trump aber auch nähern, ohne eine Diagnose abzugeben. Der Psychologie-Professor Dan P. McAdams hat dies drei Monate lang getan. Heraus kam ein Artikel, der im Juni in der Zeitschrift "The Atlantic" erschien. "Es ist eine Art psychologischer Kommentar, aber keine Diagnose", sagt McAdams im Gespräch mit n-tv.de. Den Unterschied könnte man so formulieren: Die Frage, ob Trump verrückt ist, kann und will McAdams nicht beantworten. Aber er kann erklären, wie Trump tickt.

"Als ich das Stück geschrieben habe, fiel mir auf, dass er häufig als Schauspieler beschrieben wird", sagt McAdams über Trump. "Viele Leute, die mit ihm sprechen, haben das Gefühl, dass er eine Rolle spielt. Die große Frage ist: Ist er ein anderer Mensch, wenn er abends nach Hause geht?" In seinem Artikel deutet McAdams die Antwort nur an. "Es schien mir, als sei nicht viel hinter der Rolle", sagt er bei einem Treffen an seiner Universität in Evanston, einem Vorort von Chicago. Jetzt hat er Antworten, die ihm im Frühjahr noch fehlten: "Seither ist mir klar geworden, wie wenig Trump seine Impulse unter Kontrolle hat."

"Ich habe nach etwas gesucht, das nicht da war"

Wie viele Beobachter hatte McAdams erwartet, dass Trump nach den Vorwahlen auf einen gemäßigteren Kurs einschwenkt, denn im eigentlichen Wahlkampf geht es nicht mehr darum, sich durch besonders radikale Positionen von parteiinternen Rivalen abzugrenzen, sondern durchschnittliche Wähler von sich zu überzeugen. Trump hat das nicht gemacht. McAdams sagt, dass er das nicht konnte. Dafür gebe es zwei Gründe: "Er ist ein sehr impulsiver Mensch, der sich nicht gut im Griff hat, wenn man Kommentare über ihn macht. Wenn er sich angegriffen fühlt, schlägt er zurück, er kann nicht anders." Der zweite Grund sei eine Philosophie, die ihm sein Vater beigebracht habe: "Wenn du geschlagen wirst, dann schlag zurück." Folgt man McAdams, dann kann man Trump auf diese Botschaft reduzieren.

"Er hat keine Geschichte, er ist wirklich ein Schauspieler, der durch sein Leben geht und die Rolle des harten Typen spielt, immer und immer wieder." Auf die Frage, ob es Werte in Trumps Leben gebe, sagt McAdams, die gebe es durchaus. Aber es seien Werte, die man normalerweise nicht so nennen würde. "Es sind die Werte von roher Gewalt."

Als er den Artikel fertiggestellt habe, sei er enttäuscht gewesen, weil er es nicht geschafft hatte, Trump menschlicher darzustellen, so McAdams. "Aber seitdem ist er noch viel schlimmer geworden. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich zu freundlich mit ihm umgegangen bin. Ich habe nach etwas gesucht, das nicht da war."

"Trump ist eine Gefahr für die Republik"

In seinem Artikel spricht McAdams nur abstrakt über die Gefahr, die von Politikern ausgeht, die auf Vorurteile gegen Minderheiten setzen, auf Aggressionen und Ausgrenzung. Mittlerweile sei Trumps gefährlicher Hang zum Autoritarismus jedoch deutlicher geworden. "Für mich ist er eine konkrete und unmittelbare Gefahr für die Republik. Er bedroht unsere Demokratie."

Was Trump gefährlich mache, sei "seine Fähigkeit, die Unterstützung von Millionen Amerikanern abzurufen, die starke fremdenfeindliche Tendenzen haben, die starke rassistische Tendenzen haben, die Amerika um einhundert Jahre zurückdrehen wollen, die einfach sehr, sehr wütend sind". Für diese Wut hat McAdams durchaus Verständnis. "Ich weiß, dass viele Leute in der New Economy abgehängt wurden, ich kann diese Frustration verstehen. Das macht mir auch keine Angst. Was mir Angst macht, ist die Fremdenfeindlichkeit, der Rassismus". Im Grunde, so McAdams, unterminiere Trump "den Glauben an das amerikanische Projekt".

Unterschwellig habe es solche Ansichten in Amerika wie in anderen Ländern auch immer gegeben, aber normalerweise würden sie unterdrückt. "Ku-Klux-Klan-Mitglieder und weiße Suprematisten feuern sich in der Regel nicht öffentlich an, sie agieren eher hinter den Kulissen. Aber jetzt fühlen sie sich bestätigt, für sie ist Trump ein Held, ein Retter."

Was sagt es über Amerika, dass ein solcher Mensch bei den Wählern so gut ankommt? McAdams zählt mehrere Gründe auf. Trump gebe Missständen eine Stimme, die beiseitegeschoben wurden. Einige Menschen würden in jedem Fall den Kandidaten ihrer Partei wählen. Viele republikanische Wähler sähen Hillary Clinton als Bedrohung. Und schließlich weise Trumps Erfolg darauf hin, dass es eine dunkle Seite der amerikanischen Psyche gebe. "Wir sind das Land der Freien, aber wir haben auch eine dunkle Geschichte. Unterdrückung, Sklaverei, Völkermord – das ist ein Teil unserer Gesellschaft und unserer Geschichte. Wir sprechen nicht gern darüber, und jetzt springt es uns ins Gesicht. Dies ist kein guter Moment."

Der Artikel von 1964 über Goldwaters psychische Eignung zum Präsidenten hatte übrigens kaum Einfluss auf das Wahlergebnis. Damals sahen die meisten Wähler Goldwater als Radikalen an, dem man das Weiße Haus nicht anvertrauen sollte. Am Ende erhielt er nur 38,5 Prozent der Stimmen, Amtsinhaber Lyndon B. Johnson wurde mit mehr als 61 Prozent bestätigt. So deutlich wird das Wahlergebnis in diesem Jahr nicht ausfallen.

McAdams glaubt, dass mit Trumps Kandidatur "die Büchse der Pandora" geöffnet wurde. "Was entfesselt wurde, ist die autoritäre Seite der amerikanischen Gesellschaft." Auch wenn Trump die Wahl verliert, werden seine Anhänger ja nicht weg sein. "Es wird Millionen von sehr unzufriedenen Menschen geben, die vielleicht gewalttätig werden. Politisch ist das eine beängstigende Situation."

Hier finden Sie das vollständige Interview mit Dan McAdams.

Quelle: ntv.de