Politik

Willkür in der Türkei Das Warten auf die Pressekarten

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ZDF-Korrespondent Jörg Brase (r.) und "Tagesspiegel"-Reporter Thomas Seibert geben kurz vor ihrer Ausreise aus der Türkei eine Pressekonferenz.

(Foto: dpa)

Wenn die Türkei ausländischen Journalisten die Akkreditierung nicht erneuert, wird in der Regel kein Grund genannt. Man kann also nur spekulieren. Sicher ist: Das Misstrauen gegenüber westlichen Medien hat Tradition.

Einmal im Jahr werden ausländische Journalisten in der Türkei von den türkischen Behörden auf den Prüfstand gestellt. Einmal im Jahr heißt es dann: Warten. Darauf, dass die Pressekarte bewilligt wird. Wenn es sich zu lange hinzieht, dann wird aus Ungeduld Unbehagen. Denn ohne Pressekarte müssen ausländische Journalisten die Koffer packen. Gibt es eine schriftliche Ablehnung, dann haben sie dafür lediglich zehn Tage Zeit. So einen Rausschmiss wünscht sich keiner. Einmal im Jahr wird klar, welche Macht eine so bürokratische Institution wie das Presseamt ausüben kann.

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Kavita Sharma berichtet für RTL und n-tv aus Istanbul.

Denn dass es bei der Bewilligung der Pressekarten nicht nur um eine reine Formsache geht, ist spätestens klar, seitdem deutsche Korrespondenten die Türkei verlassen mussten, ohne dass ein Grund angegeben wurde. Faruk Eren von der türkischen Journalisten-Gewerkschaft sagt, die Vergabe oder der Entzug von Pressekarten sei ein politisch motiviertes Auswahlverfahren geworden, durch das unliebsame in- und ausländische Journalisten ausgesiebt werden.

Viele Beobachter schreiben diesen harten Kurs einer neuen Garde im Presseamt zu. Der jetzige Chef ist Fahrettin Altun, in Deutschland geboren. Aber Altun schaut nicht nur auf Deutschland - letztes Jahr griff er in einem Artikel westliche Medien insgesamt für eine Berichterstattung an, die aus seiner Sicht tendenziös ist, sich "falscher", Erdogan-feindlicher Informationsquellen bediene und so ein verzerrtes Bild der Türkei wiedergebe.

Bei den Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stößt diese Anschuldigung auf offene Ohren. Spricht man mit ihnen, schlägt einem oft großes Misstrauen entgegen. Die ausländische Presse würde sowieso nicht "positiv" berichten, heißt es dann. Viele im Erdogan-Lager glauben, ausländische Medien wollen die Türkei ohnehin nur "schlecht machen" und "das Land destabilisieren". Dieses Misstrauen hat Tradition in der Türkei.

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Wahlkampf in Istanbul: Ende März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt.

(Foto: REUTERS)

Trotz allem gab es im Fall von ZDF-Korrespondent Jörg Brase eine überraschende Kehrtwende. Am Dienstag teilte Brase mit, er habe seine Pressekarte nun doch bekommen. Ein Grund wurde ihm wiederum nicht genannt. Man kann also nur spekulieren. Im März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Die Wirtschaft schwächelt. Gerade Erdogans Stammwähler und die seiner Partei leiden unter den hohen Lebensmittelpreisen. Denn sie kommen aus den eher armen Schichten. Ein Konflikt mit dem wichtigsten Handelspartner Deutschland könnte das noch schlimmer machen.

Auch die Touristen werden durch politische Spannungen verschreckt: Laut einer aktuellen Umfrage sagen 80 Prozent der Deutschen, ein Türkei-Urlaub komme für sie nicht in Frage. Nachdem man sich in Antalya und Alanya eigentlich auf ein Rekord-Jahr gefreut hatte, droht ein böses Erwachen.

Vielleicht ist Ankaras Einknicken bei Brase ein erstes Anzeichen dafür, dass man eine größere Eskalation am Ende doch nicht riskieren will. Es ist also möglich, dass auch Thomas Seibert vom "Tagesspiegel" und Halil Gülbeyaz vom NDR ihre Arbeitserlaubnis am Ende doch noch erhalten - vorausgesetzt, der politische Druck bleibt erhalten. Fest steht: Der Graben zwischen Deutschland und der Türkei ist größer geworden. Und er bleibt groß. Die Türkei bleibt unberechenbar.

Für dieses Jahr haben die meisten deutschen Kollegen ihre Pressekarte bekommen. "Mindestens 30 internationale Journalisten aber warten noch in einem inakzeptablen Klima der Unsicherheit auf ihre Akkreditierung", erklärt der Verein für Ausländische Medien (FMA) in der Türkei. Es ist also noch lange nicht entschieden, ob der Konflikt nicht noch weiter befeuert wird. Und schon im nächsten Jahr beginnt das Spiel um die Pressekarten wieder von neuem.

Quelle: n-tv.de

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