Politik

"Fire and Fury" Das passende Buch für diesen Präsidenten

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Sein Ruf im liberalen Teil der USA ist ohnehin ruiniert. Wirklichen Schaden dürfte das Buch Trump daher nicht zufügen.

(Foto: dpa)

Mit "Feuer und Wut" habe Donald Trump auf eine Wahlniederlage reagieren wollen, die dann doch nicht kam, schreibt der Autor eines gleichnamigen Buches. Feuer und Wut ist auch Trumps Reaktion auf das Buch. Dabei nutzt es ihm sogar.

Weltweit sorgt ein Buch für Aufsehen, in dem eigentlich nur steht, was viele Menschen seit Langem vermuten: dass Donald Trump ein Trottel ist. Gleichzeitig wird kaum ein Trump-Anhänger nach der Lektüre von "Fire and Fury" seine Haltung zu diesem Präsidenten ändern. Was soll also die Aufregung?

Dafür gibt es zwei Gründe. Das bekannte Bild von Trump bestätigt der Autor, Michael Wolff, mit ausführlichen Anekdoten und Zitaten. Demnach ist Trump wie ein schlecht erzogenes Kind, psychisch instabil, süchtig nach Lob, selbstverliebt, ungebildet, konzentrationsunfähig - eine Witzfigur. Das allein würde schon reichen, um dem Buch Erfolg zu garantieren, und es hat auch die Debatte über Trumps geistigen Zustand neu angefacht. Am Samstag sah Trump sich veranlasst, sich selbst "ein sehr stabiles Genie" zu nennen.

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Michael Wolff tourt derzeit durch die Talkshows im US-Fernsehen.

(Foto: AP)

Doch Wolff hat nicht nur mediale Aufregung erzeugt, das Buch hatte bereits politische Konsequenzen: Wolff ist verantwortlich dafür, dass Trump mit Steve Bannon gebrochen hat, seinem einstigen Vordenker, Wahlkampfleiter und Chefstrategen. Wolff meint sogar, Trump werde über dieses Buch stolpern. "Ich glaube, eine der interessanten Auswirkungen des Buches bislang ist ein sehr deutlicher 'der Kaiser hat keine Kleider'-Effekt", sagte er dem britischen Radiosender BBC 4. Diese Einsicht werde letztlich "diese Präsidentschaft beenden".

Was steht drin?

336 Seiten hat das Buch, für die E-Book-Ausgabe gibt Amazon die typische Lesedauer mit gut sieben Stunden an - viel Platz für Geschichten. Bannon etwa wird von Wolff mit der Einschätzung zitiert, das berühmte Treffen mit der russischen Rechtsanwältin Natalia Weselnizkaja im New Yorker Trump Tower im Juni 2016 sei "Landesverrat" gewesen. Teilgenommen hatten bekanntlich Trumps Sohn Donald Trump Junior, sein Schwiegersohn Jared Kushner sowie Paul Manafort, Bannons Vorgänger als Wahlkampfchef. Sie hielten Weselnizkaja für eine Vertreterin des russischen Staats und erhofften sich von ihr kompromittierende Informationen über Hillary Clinton.

Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass Trump von dem Treffen wusste. Bannon sagte Wolff zufolge allerdings, die Wahrscheinlichkeit sei "null", dass Don Junior nicht mit seinen Gästen hoch zum Büro seines Vaters im 26. Stock des Trump Tower gelaufen sei. Über das Treffen selbst sagte Bannon: "Selbst wenn man denkt, dass dies nicht Landesverrat ist oder unpatriotisch oder dämliche Scheiße, und ich glaube, es ist alles davon, hätte man sofort das FBI rufen müssen."

Ein weiteres Beispiel: Dem Buch zufolge ist Trump geradezu besessen davon, ein gutes Verhältnis zu dem rechtskonservativen Medienmogul Rupert Murdoch zu haben. Dem 86-Jährigen gehört unter anderem der Nachrichtensender Fox News, Trumps Lieblingssender. "Trump gab ständig damit an, dass Murdoch ihn immer anrief; Murdoch seinerseits beschwerte sich andauernd, dass er Trump am Telefon nicht loswurde", schreibt Wolff.

Bei einem ihrer Telefonate soll Trump Murdoch erzählt haben, dass die Chefs der High-Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley gerade bei ihm gewesen seien. Sie seien von seinem Vorgänger Barack Obama enttäuscht gewesen, "zu viel Regulierung". Das sei seine Chance, ihnen zu helfen. "Donald", sagte Murdoch daraufhin, "acht Jahre lang hatten diese Typen Obama in der Tasche. Sie haben die Regierung praktisch geleitet. Sie brauchen deine Hilfe nicht." Trump wies darauf hin, dass diese Unternehmen auf ausländische Experten angewiesen seien. Worauf Murdoch erwiderte, es dürfte schwierig werden, eine liberale Haltung zu Arbeitsvisa mit seiner Einwanderungspolitik zu verbinden. "Wir finden einen Weg", sagte Trump dazu. Murdoch scheint nicht davon überzeugt gewesen zu sein. "Was für ein verfickter Idiot", sagte der Medienmogul Wolff zufolge, nachdem er aufgelegt hatte.

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Am Samstag traf Trump sich in Camp David mit Parteifreunden. Auch dabei (links neben dem Präsidenten): Gary Cohn.

(Foto: imago/UPI Photo)

Apropos "Idiot". Das Wort taucht in dem Buch neun Mal auf und bezieht sich meist auf Trump. Wolff zufolge haben US-Finanzminister Steve Mnuchin und der mittlerweile entlassene Stabschef Reince Priebus Trump so genannt. Der Chef des nationalen Wirtschaftsrats der USA, Gary Cohn, soll gesagt haben, Trump sei "dumm wie Scheiße". Trumps Sicherheitsberater H. R. McMaster soll seinen Chef als "Trottel" bezeichnet haben.

Weitere Stellen aus dem Buch können hier nur kurz abgehandelt werden:

  • Angeblich haben Ivanka Trump und Jared Kushner einen Deal, dass nicht er, sondern sie sich, wenn die Zeit gekommen ist, für die Präsidentschaft bewerben wird.
  • Auch Steve Bannon soll eine Kandidatur für 2020 erwägen. (Das hatte die Zeitschrift "Vanity Fair" bereits im Dezember berichtet.)
  • Trump und sein gesamtes Umfeld sollen von dem Wahlsieg überrascht gewesen sein. "Kurz nach acht Uhr an diesem Abend, als der unerwartete Trend - Trump könnte tatsächlich gewinnen - bestätigt schien, sagte Don Junior einem Freund, sein Vater, DJT, wie er ihn nannte, habe ausgesehen, als sei er einem Gespenst begegnet." Wolff zufolge kandidierte Trump nicht, um zu gewinnen, sondern um seinen Namen, seine "Marke", noch bekannter zu machen. Er bereitete die erwartete Niederlage vor, indem er über Wahlbetrug schwadronierte. "Donald Trump und seine winzige Gruppe von Wahlkampfkriegern waren bereit, mit Feuer und Wut zu verlieren", schreibt Wolff. "Sie waren nicht bereit zu gewinnen."
  • Wolff beschreibt, wie Trump sich einen Spaß daraus machte, die Frauen von Freunden zu verführen. Dies gehöre zu den Dingen, "die das Leben erst lebenswert machen", habe er immer gesagt. Dabei ging er folgendermaßen vor: Er lud die Freunde zu sich ins Büro ein und brachte sie dazu, schlecht über den Sex mit ihren Frauen zu sprechen oder sich auf einen Seitensprung mit "Mädchen, die gerade aus Los Angeles gekommen sind", einzulassen. Dabei sorgte er dafür, dass die Frauen über die Freisprechanlage des Telefons mithörten.
  • Ivanka Trump habe vor Freunden häufig darüber Witze gemacht, wie ihr Vater sich frisiert. Er habe ein kahles Haupt, auf dem es nach einer Transplantation nur eine Insel mit Haaren gebe. Das Haar werde in einem Kreis um den Kopf gelegt, treffe sich in der Mitte und werde von dort nach hinten gekämmt. Stets habe Ivanka auch darauf hingewiesen, woher die Haarfarbe komme. Es gebe da dieses Färbemittel "Just for Men". Je länger es einwirke, umso dunkler werde das Haar. Die orange-blonde Farbe sei der Ungeduld ihres Vaters geschuldet.
  • Ein Mitarbeiter im Wahlkampfteam, Sam Nunberg, wurde zu Beginn des Wahlkampfes losgeschickt, um dem Kandidaten die US-Verfassung zu erklären. "Ich bin bis zum vierten Zusatzartikel gekommen, bis seine Finger an seiner Lippe zogen und seine Augen nach hinten rollten", sagte Nunberg Wolff zufolge. Auch Nunberg gehört in die Liste der Leute, die Trump in diesem Buch "Idiot" nennen (was er nicht bestreitet).

Wie reagiert Trump?

Wütend. Sehr wütend. Und nicht gerade erwachsen. "Michael Wolff ist ein totaler Verlierer, der Geschichten erfunden hat, um sein wirklich langweiliges und unwahres Buch zu verkaufen", twitterte Trump und gab Bannon gleich einen Schimpfnamen. Wolff habe "den schlampigen Steve Bannon benutzt, der heulte, als er gefeuert wurde, und um seinen Job bettelte. Jetzt ist der schlampige Steve von fast jedem fallen gelassen worden wie ein Hund". Über seine privaten Anwälte versuchte Trump, die Auslieferung des Buches zu verhindern. Gelungen ist es ihnen nicht, im Gegenteil: Der Verlag zog den Erscheinungstermin um vier Tage vor.

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Da vertrauten sie einander noch: Steve Bannon und Donald Trump.

(Foto: REUTERS)

Die politisch bislang potenziell folgenschwerste Reaktion war Trumps Bruch mit Bannon. "Steve Bannon hat nichts mit mir oder meiner Präsidentschaft zu tun", lautete der erste Satz einer Erklärung, die das Weiße Haus am 3. Januar veröffentlichte. "Als er gefeuert wurde, verlor er nicht nur seinen Job, sondern auch seinen Verstand." Bannon, immerhin der Erfinder des Trumpismus und Chef der rechtspopulistischen Nachrichtenseite Breitbart, ist damit offiziell exkommuniziert.

Was sagt Bannon?

Er lobt Trump. "Der Präsident ist ein großartiger Mann", sagte Bannon in einer Radio-Sendung seiner Nachrichtenseite Breitbart, nachdem Trump ihm bescheinigt hatte, seinen Verstand verloren zu haben. "Ich unterstütze ihn jeden Tag." Was soll er auch sonst sagen? Die politische Nähe zu Trump ist Bannons Geschäftsmodell - Trumpismus ohne Trump funktioniert nun einmal nicht.

Wie kam Wolff an seine Informationen?

Kurz nach Trumps Amtsantritt habe er so etwas wie einen "semipermanenten Sitz auf einer Couch im West Wing" bezogen, schreibt Wolff in seinem Buch. Mehr als zweihundert Interviews habe er dort geführt.

Das Weiße Haus bestritt, dass Wolff so häufig anwesend war, doch Journalisten, die ihn gesehen hatten, bestätigen das. Wolff war zweifellos mehrfach im Weißen Haus - nicht mit einer Presse-Akkreditierung, sondern als Gast mit Termin. Nach Angaben von Trumps Sprecherin Sarah Sanders erhielt er den Zugang "in fast 95 Prozent der Fälle auf Nachfrage von Mr. Bannon". Das spiegelt sich auch im Buch wider: Bannon ist die mit Abstand am häufigsten zitierte Quelle für Wolff.

Im Wahlkampf hatte Wolff mehrere Stücke veröffentlicht, in denen er Trump lobt - möglicherweise, um Zugang zum Weißen Haus zu bekommen. "Ich habe auf jeden Fall alles gesagt, was nötig war, um die Story zu bekommen", sagte Wolff im Sender NBC auf die Frage, ob er sich den Weg ins Weiße Haus freigeschmeichelt habe. Bannon scheint ihn nicht als Journalisten gesehen zu haben, sondern als Verbündeten im Kampf gegen "Jarvanka", also den aus seiner Sicht zu liberalen Einfluss von Ivanka Trump und Jared Kushner. Auch Murdochs Einfluss auf Trump wollte Bannon offenkundig zurückdrängen, zusammen mit Roger Ailes, bis Juli 2016 Chef von Fox News. (Der mittlerweile verstorbene Ailes war von Murdoch gefeuert worden, nachdem mehrere Mitarbeiterinnen des Senders ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten.)

Wem nutzt das Buch, wem schadet es?

Zunächst nutzt es natürlich dem Autor und dem Verlag. Wolff gibt Interviews, ist schlagartig berühmt geworden, hat eine Menge Geld verdient. Bannon nutzt das Buch sicher nicht. In den Vorwahlen für die Kongresswahlen in diesem Herbst wollte er Kandidaten durchdrücken, die auf seiner politischen Linie liegen. Durch den Bruch mit Trump ist das Projekt wohl am Ende: Bannon hat die für ihn wichtige finanzielle Unterstützung durch die Milliardärsfamilie Mercer verloren. "Ich unterstütze Präsident Trump und das Programm, für das er gewählt wurde", erklärte Rebekah Mercer. Mit Bannon habe ihre Familie schon seit Monaten nichts mehr zu tun.

Wenn Bannon zu den Verlierern zählt, gehören seine Feinde zwangsläufig zu den Gewinnern. Trump dürfte sich jetzt weiter dem republikanischen Establishment annähern, dem er mit seiner Steuerreform und einem radikalen Antiregulierungskurs ohnehin schon einen großen Gefallen getan hat. In dem Statement, in dem er sich von Bannon lossagt, verweist Trump auf "die vielen großartigen Republikaner" im Kongress. "Wie ich lieben sie die Vereinigten Staaten von Amerika und helfen, unser Land zurückzuholen und aufzubauen, statt nur zu versuchen, alles niederzubrennen." Letzteres ist eine klare Anspielung auf Bannon, der dafür bekannt ist, zerstören zu wollen: die Republikaner, das System, einfach alles.

Wie sehr der republikanischen Führung dieses Statement gefallen hat, zeigt ein Gif, dass der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, danach auf Twitter veröffentlichte. Es zeigt McConnell, wie er immer breiter grinst.

Ironischerweise nutzen Wolffs Enthüllungen auch Trump. Er steht zwar als Trottel da, aber das kennt er ja schon. Im Windschatten der Aufregung um "Fire and Fury" setzt seine Regierung politische Maßnahmen durch, von denen die meisten Amerikaner kaum etwas mitbekommen dürften. (Bei der "Süddeutschen Zeitung" finden Sie einen Überblick über die Themen, von denen Trumps Streit mit Bannon ablenkt.)

Ist der Autor glaubwürdig?

Die einen sagen so, die anderen so. Trumps Sprecherin Sarah Sanders erklärte, das Buch sei voller Lügen. Zugleich schickten Trumps Anwälte Bannon eine Unterlassungsaufforderung. Darin wird von Trumps einstigem Mitarbeiter verlangt, "dass Sie es unterlassen, weitere vertrauliche Informationen zu verbreiten". Das ist dann doch irritierend: Wenn das Buch erlogen ist, kann Bannon kaum Geheimnisse verraten haben.

Wolff selbst schreibt in seinem Vorwort, viele der Berichte, die ihm zugetragen worden seien, widersprächen einander, viele seien auch "in Trumpischer Manier schlicht unwahr". Er habe sich manchmal dafür entschieden, dem Leser das Urteil über den Wahrheitsgehalt einer Geschichte zu überlassen. In anderen Fällen habe er sich für eine Version entschieden, die er auf Grund der Quellen für wahr gehalten habe. Tatsächlich jedoch suggeriert Wolffs Erzählstil, er sei stets dabei gewesen und habe jedes Gespräch mitgeschnitten. Zum Teil war dies wohl so: Der Nachrichtenseite Axios zufolge hat Wolff "Dutzende Stunden" von Aufnahmen. Das mag so sein. Aber in seinem Buch findet sich, wie ein Journalist der "New York Times" anmerkte, ein langer, wörtlicher Dialog zwischen Steve Bannon und Roger Ailes. Das wirkt dann schon ein bisschen nachgestellt. Aber warum auch nicht? Trump ist schließlich auch nicht gerade dafür bekannt, es mit der Wahrheit übertrieben genau zu nehmen. So gesehen ist Wolff der perfekte Chronist dieses postfaktischen Präsidenten.

"Fire and Fury" (auf Englisch) bei Audible herunterladen.

Quelle: n-tv.de

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