Politik

Testen, testen, testen Das vertrauliche Strategiepapier der Experten

Eine Mitarbeiterin bereitet Proben von Menschen mit Covid-19 Verdacht in einem Labor vor. Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild

Eine Mitarbeiterin bereitet Proben von Menschen mit Covid-19-Verdacht in einem Labor vor.

(Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild)

Deutlich mehr Tests - das ist das Credo von Experten im Innenministerium. In einem vertraulichen Papier fordern sie Medienberichten zufolge die Regierung auf, auf das Szenario "Schnelle Kontrolle" hinzuarbeiten. So soll Schlimmstes verhindert werden.

Die Bundesregierung erwägt, das Coronavirus mithilfe massiv ausgeweiteter Tests einzudämmen. Dies berichten die "Süddeutsche Zeitung", NDR und ARD, denen ein vertrauliches Strategiepapier aus dem Innenministerium mit dem Titel "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen" vorliegt. Dabei orientiert sich die Regierung offenbar an Südkorea, das als ein "eindrucksvolles" Vorbild bezeichnet wird. Das Land hat mit Massentests und der Isolierung von Erkrankten die Ausbreitung des Erregers stark verlangsamt, ohne das öffentliche Leben komplett lahmzulegen.

Wie die SZ schreibt, ist den Experten des Innenministeriums zufolge die größtmögliche Erhöhung der Testkapazitäten in Deutschland "überfällig". Die Regierung müsse auf ein Szenario namens "Schnelle Kontrolle" hinarbeiten, damit es nicht zu schlimmeren Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft komme. Dafür sei die wichtigste Maßnahme gegen das Virus "das Testen und Isolieren der infizierten Personen". "Sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen" sollten getestet werden.

Dem Bericht zufolge hoffen die Fachleute, dass die Testkapazität in Deutschland "sehr schnell" hochgefahren werden könne. Welche Art von Tests dabei eingesetzt werden sollen, werde allerdings nicht erwähnt. Zurzeit sind laut Gesundheitsminister Spahn wöchentlich 300.000 bis 500.000 Coronavirus-Tests möglich.

Tests in "Drive-in-Stationen"

Für breit angelegte Tests fordert das Strategiepapier innovative Lösungen. Zum Schutz des medizinischen Personals sollten die Bürger den notwendigen Rachenabstrich selbst erledigen, etwa in "Drive-in"- oder Telefonzellen-Teststationen. Längerfristig sollten computergestützte Lösungen und das Location Tracking von Mobiltelefonen zum Einsatz kommen, um die Suche nach Kontakten von positiv getesteten Personen zu erleichtern. Wer positiv getestet sei, müsse zu Hause oder in einer Quarantäne-Anlage isoliert werden.

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Wenn diese Verfahren einmal eingespielt seien, "können sie relativ kostengünstig über mehrere Jahre hinaus die wahrscheinlich immer wieder aufflackernden kleinen Ausbrüche sofort eindämmen", heißt es in dem Papier weiter. Außerdem fordern die Experten dem Bericht zufolge eine deutliche Erhöhung der Krankenhausbetten, zehntausend ließen sich voraussichtlich noch in Hotels und Messehallen einrichten.

Laut den Experten müssten die Deutschen erkennen, dass auch sie in eine dramatische Lage geraten könnten, wenn etwa überfüllte Krankenhäuser schwerkranke Angehörige abwiesen. Sie plädieren daher für eine "deutschlandweite und transparente Aufklärungs- und Mobilisierungskampagne". Dabei gehen, wie die SZ schreibt, die Autoren des Innenministeriums-Papiers von deutlich höheren Todesraten und Schwerkranken aus als das Robert-Koch-Institut (RKI). Während das RKI annehme, dass hier 0,56 Prozent der Infizierten am Coronavirus sterben würden, rechne das Innenministerium mit 1,2 Prozent. Entsprechend dramatischer seien auch die Szenarien.

Den Fachleuten des Innenministeriums sei es wichtig, alle Deutschen auf das Ziel einzuschwören, ein Worst-Case-Szenario zu vermeiden - mit einem monatelang unkontrollierten Ausbreiten der Krankheit, vielen Toten und massiven Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft. "Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren, ist das Verschweigen des Worst Case keine Option", heißt es. "Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen." Im schlimmsten Fall gehen die Fachleute davon aus, dass 80 Prozent der Patienten, die eigentlich auf die Intensivstation müssten, von den Krankenhäusern abgewiesen würden.

"Hammer und Tanz"

Das positivste Szenario dagegen, das die Experten aus dem Innenministerium anstreben, trägt offenbar den Namen "Hammer and Dance". Danach soll das Virus zunächst mit Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen eingedämmt werden und die Fallzahlen innerhalb von sechs Wochen deutlich zurückgehen.

Nach dieser Phase des Holzhammers könnte dann die Tanzphase beginnen: Kindergärten und Schulen würden wieder öffnen, die Infektion würde dann durch intensives Testen, Nachverfolgung von Kontakten und Isolation kontrolliert, das Leben kehre dann "weitgehend zurück zur Normalität". Dabei ließe sich der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts auf etwa vier Prozent begrenzen. Dafür sei aber ein umfangreiches Testprogramm nötig, damit die Krise nicht in Wellen immer wiederkehre oder ein schnelles Eindämmen misslinge.

Die Studie, die Innenminister Horst Seehofer am 18. März bei seiner Grundsatzabteilung in Auftrag gab, entstand mithilfe des Robert-Koch-Instituts und weiterer Fachleute auch von ausländischen Universitäten. Inzwischen liegt das Papier auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Spahn vor.

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Deutlich mehr zu testen, ist offenbar auch das Ziel von Bund und Ländern, wie die "Bild"-Zeitung schreibt. Sie beruft sich dabei auf ein Beschlussprotokoll einer Telefonkonferenz zwischen Kanzleramtsminister Helge Braun und den Chefs der Staatskanzleien der Länder vom Mittwoch. Darin heiße es: "Bund und Länder stimmen darin überein, die Kapazitäten zur Testung auf das neue Coronavirus deutlich zu erhöhen." Die jüngsten internationalen und heimischen Erfahrungen zeigten, dass die schnelle Verfügbarkeit von Tests wesentlich für die Eindämmung und schnelle Behandlung der Kranken sei. Die Ausweitung der Kapazitäten solle laut Beschluss durch eine "Hochdurchsatz-Methode" aus der Pharma-Forschung oder durch die Nutzung von Laboren aus der Tiermedizin erreicht werden.

Quelle: ntv.de, ghö