Politik

"Da müssen wir durch" Der Migrationsdruck auf Europa wächst

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In der Subsahara erwägt jeder Dritte abzuwandern.

(Foto: imago images / JOKER)

Der Druck nimmt zu. Immer mehr Menschen wollen ihre Heimat verlassen. Und ausgerechnet Entwicklungshilfe fördert diesen Exodus noch. Denn auch Migration muss man sich leisten können.

Rund 750 Millionen Menschen weltweit wollen lieber in einem anderen Land leben, rund 15 Prozent der Erwachsenen weltweit. Dies geht aus einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. Allerdings wird aus dem Wunsch nur selten Wirklichkeit. Laut der Studie "Europa als Ziel" plant von ihnen nur jeder Zehnte tatsächlich eine Migration, und nochmal deutlich weniger unternehmen dann auch konkrete Schritte. Dennoch ist unbestritten, was Reiner Klingholz, einer der Verfasser der Studie und Direktor des Berlin-Instituts, resümiert: "Immer mehr Menschen wandern immer mehr."

Klingholz räumt mit seinem Kollegen Adrian Carrasco Heiermann zugleich mit dem Mythos auf, dass vor allem die Ärmsten der Armen nach Europa drängen und dass Entwicklungshilfe den Druck abmildere. Gerade Armut verhindert laut den Forschern eine Migration über größere Distanzen. Denn wer kein Geld hat, wandert nicht weit. Vielmehr bleiben Arme eher in ihrer Region, wo sie selten bessere Perspektiven finden.

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(Foto: Natale, F., Migali, S. & Münz, R. (2018). Many more to come? Migration from and within Africa. European Commission, Joint Research Centre)

Die Schallgrenze liegt bei 2000 US-Dollar jährlichem Bruttoinlandsprodukts. Wie eine Studie von Weltbank, OECD und Internationalem Währungsfonds zeigt, geht es jenseits von 10.000 Dollar pro Kopf den Menschen dann wieder so gut, dass sie weniger aus wirtschaftlichen Gründen migrieren. Dies zeigt sich auch bei der Untersuchung von Migranten, die es aus der Subsahara-Region nach Europa zog. "Entgegen landläufiger Vorstellungen" hätten teils mehr als 50 Prozent zuvor einen Job in ihrer Heimat gehabt, heißt es in der Studie. Auch Migration muss man sich leisten können.

Eine große Rolle spielt bei der Entscheidung auszuwandern der Bildungsstand. Je besser jemand ausgebildet ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Auswanderung. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ihrer Heimatländer, so das Fazit der Studie, "sind Migranten im Durchschnitt höher qualifiziert".

Mehr Wohlstand, mehr Migration

Europa muss sich deshalb auch von dem "Irrglauben" verabschieden, dass die Bekämpfung von Armut vor Ort Migration kurzfristig verhindern könne. Schließlich befördert gerade mehr Wohlstand die Mobilität. Gleichwohl sieht Klingholz keine Alternative zur Entwicklungshilfe. Ansonsten kämen auf die EU "noch ganz andere Probleme zu", warnt er. "Da müssen wir durch", lautet seine Antwort auf das Dilemma.

Dabei weist er vor allem auf die Vorteile von Migration hin - für Europa und die Ursprungsländer: In Deutschland werden in den kommenden 15 Jahren etwa 5 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter sein. Ein guter Teil der fehlenden Arbeitskräfte muss dann von außerhalb Europas kommen, die Nachfrage nach Migration wird daher wachsen.

Auch für die Ursprungsländer hat Migration Vorteile: Viele Auswanderer kehren irgendwann in ihre Heimat zurück und überweisen beträchtliche Summen in ihre Heimatländer. Laut Daten der Weltbank übersteigen diese Zahlungen die internationalen Entwicklungsgelder um das Dreifache.

Doch die größte Bevölkerungswanderung steht möglicherweise noch bevor. Problematisch ist die Situation in der Subsahara, hier erwägt ein Drittel der Bevölkerung eine Abwanderung. Für viele ist Europa das Traumziel. Das demografische Wachstum ist so hoch wie nirgends sonst auf der Welt. Die Bevölkerung könnte sich in den nächsten 30 Jahren von 1,1 Milliarden auf rund 2,2 Milliarden verdoppeln. Sollte der Bildungsstand dann noch steigen und die Wirtschaft wachsen, erwarten die Forscher, dass auch deutlich mehr Migranten nach Europa drängen.

"Gefährliche Situation" im Nahen Osten und Nordafrika

Großer Druck auf Europa kommt heute vor allem aus der sogenannten Mena-Region. Diese umfasst die Staaten im Nahen Osten, Nordafrika und die Türkei und sie ist die am zweitstärksten wachsende Region der Welt. Es fehlt an Jobs, was gerade für diese Region "eine gefährliche Situation" ist, so Klingholz. Ein Viertel der Erwachsenen will inzwischen fort.

Internationale Migration

Internationale Migranten sind laut UN-Definition Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt für mindestens zwölf Monate in ein anderes Land verlegt haben und dort noch leben. 2017 gab es weltweit insgesamt 258 Millionen internationale Migranten, unter ihnen 68 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende.

Dabei spielen neben wirtschaftlichen Gründen vor allem auch die Angst vor Krieg und Terror eine große Rolle, sowie indirekt auch der Klimawandel und der drastische Wassermangel in der Region. Zwar findet der Großteil der Migration in der Region selbst statt, doch durch die Nähe bleibt Europa das wichtigste Ziel. 2017 lebten rund 9,5 Millionen Menschen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und der Türkei in Europa.

Genaue Zahlen, wie viele Migranten in den nächsten Jahren nach Europa kommen, können die Forscher allerdings nicht nennen. "Das wäre unredlich", sagt Klingholz. Zu viele Faktoren spielten hier eine Rolle, die sich nur schlecht vorhersagen ließen. Allerdings ist es für die Forscher unbestreitbar: Europa muss sich auf wachsende Zuwanderung einstellen, die es langfristig allerdings auch braucht. "Die europäische Politik muss sich und die Bevölkerung auf mehr Migration vorbereiten und sie muss Migration mit klaren Regeln in geordnete Bahnen lenken."

Quelle: n-tv.de