Politik

 TV-Duell gegen Joe Biden Der Respekt vor Raubtier Trump ist groß

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Donald Trump und Joe Biden treffen erstmals direkt aufeinander.

(Foto: dpa)

Ein ungefilterter Test der US-Präsidentschaftskandidaten soll das erste TV-Duell sein. Der Einfluss der Debatten auf die Wahlen ist unklar. Aber entlarven könnte sie trotzdem Einiges.

Manche erzählen Donald Trumps Präsidentschaft schon jetzt sehr verkürzt: Impeachment, Corona, Supreme Court Richter, womöglich noch seine Steuerdokumente, der nächste bitte. Aber so einfach ist seine Geschichte nicht und so einfach wird sie auch nicht enden. Dafür dürfte Trump unter anderem in Cleveland sorgen, wenn er dort in der Nacht zum Mittwoch im ersten TV-Duell auf seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden trifft. Es wird auch nicht so sehr um Inhalte gehen, sondern darum, ob Biden tatsächlich halten kann, was er verspricht: eine verlässliche Alternative zu Trump zu sein.

Die Möglichkeiten Trumps, seine Chancen auf einen Wahlsieg zu vergrößern, werden weniger und die Zeit knapper. Das erste TV-Duell beginnt um 3 Uhr nachts deutscher Zeit (ntv überträgt live), dauert eineinhalb Stunden und dürfte wichtige Erkenntnisse für die restlichen US-Wahlkampfwochen bringen. Geht Trump anders vor als sonst? Gehen ihm angesichts der Krise womöglich die Argumente aus? Welche Figur gibt Biden ab? Hält der Demokrat stand, oder verhaspelt er sich ohne Teleprompter zu sehr und wirkt als zu schwach oder gar "sleepy", wie Trump ihn immer wieder verhöhnt? Schon in den Debatten unter den demokratischen Bewerbern hatte Biden nicht immer die beste Figur gemacht.

Diese Auseinandersetzungen sind Fernsehgroßereignisse, an die wohl sonst nur der Super Bowl herankommt. Beide haben die Faszination gemeinsam, dass ihr Ausgang nur bedingt berechenbar ist. Bei vergangenen Wahlkämpfen zogen die ersten Debatten die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Diesmal erwarten TV-Sender national etwa 100 Millionen Zuschauer, 2016 waren es 84 Millionen. Fast drei Viertel aller registrierten Wähler sagen, sie wollten beim Duell der beiden Kandidaten einschalten. Insgesamt drei dieser Shows soll es geben, je mit dem federführenden Journalisten eines anderen Senders.

Die US-Präsidentschaftsdebatten

Es gibt drei Duelle von Donald Trump gegen Joe Biden und eine der Vizekandidaten Mike Pence und Kamala Harris. Alle beginnen um 3 Uhr morgens deutscher Zeit und sollen 90 Minuten dauern.

  • 30. September in Cleveland, Ohio (Moderator: Chris Wallace, Fox News)
  • 8. Oktober in Salt Lake City, Utah (Moderatorin: Susan Page, USA Today)
  • 16. Oktober in Miami, Florida (Moderator: Steve Scully, C-Span)
  • 23. Oktober in Nashville, Tennessee (Moderatorin: Kristen Welker, NBC News)

Die Wahl findet am 3. November statt.

Wird das die Wahl beeinflussen? Glaubt man den Meinungsforschern, nur sehr bedingt: In der gleichen Umfrage der Monmouth Universität geben nur drei Prozent der Wähler an, die Debatte werde sehr wahrscheinlich ihre Entscheidung für den 3. November beeinflussen. Zehn Prozent sagen, es besteht zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit dazu. In einer anderen Umfrage sagten 44 Prozent der Wähler, ihnen sei die Debatte schlicht schnurz. Dies passt zu anderen Statistiken, wonach nur sehr wenige von ihnen wirkliche Wechselwähler sind. Die meisten US-Amerikaner fühlen sich einer der beiden Parteien verbunden.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Nach den Fragen des Moderators haben die beiden Kandidaten je zwei Minuten Zeit, sich zu äußern. "Nach den Standards des Nachrichtenfernsehens eine tolstoi'sche Zeitspanne", schreibt die "New York Times" dazu. Chris Wallace von Fox News wird das erste Duell leiten: "Mein Job ist es, so unsichtbar wie möglich zu sein", sagte der Moderator des konservativen Senders. Vor vier Jahren war Wallace für seine Debattenführung zwischen Trump und Hillary Clinton von allen Seiten gelobt worden. Die Duelle sollen laut US-Sendern ein "ungefilterter Test" sein für die Schlagfertigkeit, Stabilität und Fähigkeit, die Wählerschaft zu überzeugen.

Wie werden also die beiden Konkurrenten miteinander umgehen? Trump hat einen Medieninstinkt, der ihn natürlich wirken lässt, was für ihn ein großer Vorteil sein kann. Zugleich ist der Präsident dafür bekannt, auch mit Halbwahrheiten oder Beschuldigungen um sich zu schmeißen, mit denen sich sein Gegenüber dann herumschlagen muss und manche abstoßend finden könnten. Der Moderator wird sich hüten, Faktenchecks zu betreiben, was ein Vorteil für Trump sein könnte.

Bei Trumps Auftritten gegen Clinton etwa sprach der simpel, seine Gegnerin warf wie eine Technokratin mit Zahlen um sich. Die US-Medien erklärten damals Clinton zur Gewinnerin der Debatten. Den Wahlsieg trug trotzdem Trump davon. Der Unternehmer hatte bei ausreichend Wählern einen Nerv getroffen, indem er seine Gegnerin als Repräsentantin des politischen Establishments in Washington darstellte, die Jahrzehnte lang die Interessen der US-Bürger mit schlechten Handelsabkommen, zu viel Einwanderung und das umstrittene Krankenversicherungssystem Obamacare mit Füßen getreten hätten.

Nicht ohne Grund hat Biden sich bislang so wenig wie möglich in die öffentlichen Debatten eingeschaltet und eher nur das Nötigste gesagt und getan. Nur keine Angriffsfläche bieten und vom politischen Versagen Trumps ablenken, ist offenbar die Devise.

Angreifen und um den Gegner schleichen

Trump diskutierte in den Duellen mit Clinton kaum über Ideen, sondern attackierte stattdessen fast pausenlos, bei einer Debatte sogar, ohne zu sprechen: Trump verließ seinen vorgegebenen Platz am Rednerpult und stellte sich wie ein Raubtier hinter seine Konkurrentin, während diese sprach. "Er atmete mir praktisch in den Nacken", erinnerte sich Clinton später an die Situation. Ihr sei es kalt den Rücken heruntergelaufen. Sie habe sich aber entschieden, Trump zu ignorieren.

Biden hat bislang mehrere Gesichter gezeigt. Er zeigte sich als respektvoller Debattierer, als er etwa 2008 als Barack Obamas Vizekandidat gegen Sarah Palin auf die Bühne ging. Er musste den Star der ultrakonservativen "Tea Party"-Strömung als zu unerfahren und ungeeignet diskreditieren, ohne überheblich zu wirken. Als er vier Jahre später mit Vizekandidat Paul Ryan diskutierte, zeigte sich Biden wesentlich aggressiver. Gegen Trump wird er versuchen, nicht zu sehr in die Defensive zu geraten. Die Angst unter Demokraten ist da, dass trotz aller Trainings dieses erste direkte Aufeinandertreffen mit Trump zum Desaster wird für ihren Kandidaten.

Was das dann am Ende für Auswirkungen haben wird, darüber kann man lange streiten. US-Medien sind nach ihrer traumatischen journalistischen Erfahrung von 2016 viel vorsichtiger geworden, was die Ankündigung eines voraussichtlichen Ergebnisses angeht. Die "New York Times" etwa zeigt in ihrer Tabelle über das Duell in besonders umkämpften und wichtigen Bundesstaaten drei Prozentangaben: Das Ergebnis 2016, die aktuellen Umfragewerte und wie sich diese Zahlen mit der gleichen Abweichung wie vor vier Jahren verändern würden. Sie könnten auch genauso schreiben: "Nichts genaues weiß man nicht". Aber nach dem ersten Duell doch ein bisschen mehr.

Quelle: ntv.de