Politik

Übung für den DrohnenangriffDer Tod nähert sich surrend, dann entscheiden Sekunden

25.04.2026, 11:41 Uhr
imageVon Kristina Thomas, Kyjiw
00:00 / 09:42
RUSSIA-APRIL-20-2026-An-FPV-drone-during-a-mission-by-a-Russian-Army-Group-Dnepr-force-in-the-Zaporozhye-sector-of-the-frontline-in-the-zone-of-the-special-military-operation-Credit-Image-Alexander-Polegenko-TASS-via-ZUMA-Press
Eine russische FPV-Angriffsdrohne mit einer Granate. Über die Kamera nehmen die Piloten die Perspektive der Drohne ein, deshalb First-Person-View (FPV). (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Russland setzt Drohnen immer öfter gegen Zivilisten und Journalisten ein. Wer aus der Ukraine berichtet, muss in einer größer werdenden Todeszone mit dieser Gefahr zurechtkommen. Ein eigenes Trainingscamp bereitet Reporter auf die fliegenden Mordmaschinen vor.

In einer heruntergekommenen Ruine plant unser Reporterteam die Flucht. Draußen steuern Kamikaze-Drohnen immer wieder das fensterlose Gebäude an. Wie kreischende Greifvögel stürzen sie aus dem Himmel herab, lauern wie Katzen im dichten Grün, während hoch oben Aufklärungsdrohnen jede unserer Bewegungen wahrnehmen.

Das Katz-und-Maus-Spiel ist Teil einer Simulation der sogenannten Todeszone. So heißt der Bereich, der sich 10 bis 20, an manchen Stellen 50 Kilometer von der Front entfernt ausbreitet. In diesem Bereich machen russische Drohnenpiloten Jagd auf Soldaten und Zivilisten, bei sogenannten Drohnen-Safaris. Auch Journalisten geraten dabei zunehmend ins Visier der russischen Invasoren: Allein im Oktober 2025 wurden drei Reporter durch Drohnen getötet - der französische Journalist Anthony Lallican in der Nähe von Druschkiwka sowie die Ukrainer Alyona Gramova und Yevhen Karmazin in Kramatorsk.

Um sich zu schützen, müssen Reporter die Kriegsberichterstattung neu lernen: Die ukrainische Organisation 2402 Foundation bietet die Risiko- und Sicherheitstrainings für Journalisten, Kriegsfotografen, freiwillige Helfer und Sicherheitsberater an. Das Konzept: Ukrainische Veteranen "jagen" die Reporterteams. Sie liefern ihnen eine Kostprobe der "Kill-Zone", so wie sie die Menschen nahe der Front tagtäglich erleben. Alles ist auf die realen Arbeitsbedingungen in der Ukraine zugeschnitten, wo sich die Todeszone mit jeder Drohnen-Innovation immer weiter ausweitet.

Grausame Mathematik des Überlebens

Das Trainingsareal am Rande von Kyjiw ähnelt mit seinen Ruinen der postapokalyptischen Topografie der Frontstädte. Einige Teilnehmer des Lehrgangs, bei dem ich dabei bin, sind mit Chuyka-Drohnendetektoren ausgestattet: Die fangen Signale der First-Person-View-(FPV-)Drohnen ab und piepen bei Gefahr. Auf einem kleinen Bildschirm sehen wir ihre Sicht auf uns. Wir erfahren, wo sie sich verstecken und sehen, wie sie uns von dort unentwegt beobachten.

Doch sobald man hinter Mauern Schutz sucht, ist das Signal blockiert. Dann bleiben nur noch Gehör und Instinkt, um den Ursprung des lauter werdenden Surrens zu orten. Sieht man am Ende des Gangs den Staub aufwirbeln, ist klar: Das Gebäude ist nicht Schutzraum, sondern Falle, jeder Raum eine Sackgasse. Zwar kündigen sie sich unüberhörbar an, doch im Wettlauf mit Drohnen hat man keine Chance. Hat eine Drohne einen Menschen erst einmal anvisiert, bleibt kaum Zeit, zu reagieren. Kampf, Flucht oder Erstarren - ohne Waffe gilt es, sich blitzschnell zu verstecken. Wir kauern unter Treppen, hinter Türen, in engen Verschlägen. Instinktiv hält man den Atem an. In seinem Versteck ist jeder auf sich allein gestellt.

Sobald der Chuyka-Detektor kein Signal ausmacht, heißt es schnell sein: Wir laufen der Reihe nach zum nächsten Gebäude. Auf einmal stürzt eine Drohne auf uns zu. Scheinbar aus dem Nichts, denn nicht alle Drohnen senden Signale, die sie verraten. Die erste Regel lautet nun: "Verteilt euch!" Wir laufen in unterschiedliche Richtungen, damit sie nur einen von uns erwischt - die grausame Mathematik des Überlebens in der neuen Welt des Drohnenkriegs. Die Strategie funktioniert: Die Drohne nimmt Kurs und es knallt über einem Reporter. Unser erster "Verletzter", nur 15 Minuten nach Beginn der Simulation.

Wäre das Ganze ein Videospiel, wie es manche Piloten beschreiben, hätten wir wohl das zweite Level erreicht - mit neuem Schwierigkeitsgrad: einen Verletzten evakuieren unter Drohnengefahr.

Journalisten im Visier

Die billigen russischen Kurzstreckendrohnen haben sich laut der UN-Menschenrechtskommission zu einer der tödlichsten Waffen in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten entwickelt. Sie übertreffen alle anderen Waffentypen hinsichtlich ziviler Opfer: Zwischen Juni und November 2025 wurden mindestens 307 Zivilisten durch Drohnen getötet und 1677 weitere verletzt.

Cars-move-along-the-road-that-is-being-covered-with-an-anti-drone-net-Kharkiv-region-February-2-2026-Large-protective-nets-are-being-erected-around-Kharkiv-and-along-key-logistics-routes-in-the-region-to-shield-transport-from-Russian-FPV-drone-attacks-As-part-of-systemic-security-measures-these-structures-intercept-UAVs-by-forming-protective-corridors-over-roads-in-the-front-line-region-Photo-by-Viacheslav-Madiievskyi-Ukrinform-ABACAPRESS
Mit Netzen versuchen die Ukrainer Straßen vor Drohnenangriffen zu sichern - wie hier im Februar in der Region Charkiw. (Foto: picture alliance / abaca)

Seit 2024 haben auch die Drohnenangriffe auf Medienschaffende stetig zugenommen. Drei Viertel der von Reporter ohne Grenzen (RSF) befragten Journalisten gaben an, während ihrer Berichterstattung bereits Ziel von Angriffen oder Bedrohungen durch Drohnen geworden zu sein. Dies geht aus einer Umfrage unter rund 70 ukrainischen und internationalen Journalisten im Herbst 2025 hervor. Dass sich Drohnenangriffe gezielt gegen Journalisten richten, daran besteht für viele von ihnen kein Zweifel.

Oleksandr Kolychev, der jenen Angriff überlebte, bei dem seine Kollegen Gramova und Karmazyn getötet wurden, sagt im Interview mit RSF: "Sie wollen nicht, dass wir ihre Taten ans Licht bringen, weil sie so diese Lücke mit ihren eigenen Informationen füllen können."

Das "Presse"-Zeichen wird zur Zielmarkierung

Um der neuen Bedrohungslage für Medienschaffende gerecht zu werden, hat RSF einen Leitfaden entwickelt, der die konventionellen Regeln für die Kriegsberichterstattung auf den Kopf stellt: Darin heißt es: "Obwohl die Genfer Konventionen Journalisten schützen, die klar gekennzeichnet sind, bieten sichtbare 'Presse'-Kennzeichnungen in Gebieten mit aktiven FPV-Angriffen keinen Schutz mehr. Im Gegenteil, sie ziehen die Aufmerksamkeit russischer Akteure auf sich und können sie zu einem vorrangigen Ziel machen."

Wer weiter von der Front berichtet, passt seine Arbeitsweise an: Einige Reporter meiden bestimmte Gebiete entlang der Front, andere verzichten auf die Kennzeichnung als Pressevertreter. Sie berichten nur, wenn Regen und Wind den Drohneneinsatz erschweren. Sie verwenden Drohnen-Warngeräte oder gar Systeme zur elektronischen Kriegsführung. Der Fotojournalist Louis Lemaire-Sicre war gerade erst in der Frontstadt Kramatorsk, wo täglich russische FPV-Drohnen über den Straßen kreisen. "Ohne dieses Wissen sollte man meiner Meinung nach gar nicht mehr aus diesen Gebieten berichten."

Vsevolod, ein junger Veteran, lässt keinen Zweifel daran, dass sich journalistische Arbeit in der Ukraine zunehmend an militärische Logiken anpassen muss. Als Drohnenpilot kennt er sowohl die Sicht von oben als auch die Gefahren in der Todeszone. Er erklärt den Journalisten auf dem Übungsplatz detailliert die Bedrohungsszenarien. Nicht nur die "Presse"-Kennzeichnung sollten Journalisten weglassen. Besser als ein großes gepanzertes Fahrzeug sei ein unauffälliges Auto, um nicht ins Visier zu geraten. Nicht alle Journalisten sind überzeugt.

Wenig Raum für Moral in der Todeszone

Besonders eindringlich warnt Vsevolod vor riskanten Routinen im Fahrzeug: Interviews während der Fahrt seien "vielleicht cool zu filmen, aber nicht gut für die eigene Sicherheit". Im Auto müsse jede Bewegung aufs Überleben ausgerichtet sein: Fenster öffnen, horchen, die Umgebung systematisch beobachten - "einer schaut nach vorn, einer nach hinten, ein Dritter nach links". Die Bedrohung hat Namen: "Euer größter Feind ist Knyaz Vandal Novoretsky", sagt er über ein russisches Drohnenmodell, das in großer Zahl produziert wird, eine Reichweite von rund 30 Kilometern hat und derzeit als besonders zuverlässig gilt - "teils sogar zuverlässiger als ukrainische Systeme". Auch Verwechslungen seien möglich, ukrainische Drohnenpiloten könnten Journalisten für russische Eindringlinge halten.

Soldiers-from-the-141st-Mechanised-Brigade-of-the-Ukrainian-Land-Forces-who-go-by-the-call-signs-of-Kazhan-Bat-R-and-Deputat-examine-a-car-destroyed-by-a-Russian-FPV-drone-on-the-front-line-roadside-March-19-2026
Ukrainische Soldaten betrachten im März 2026 ein von einer russischen FPV-Drohne zerstörtes Fahrzeug nahe der Front. (Foto: picture alliance / Photoshot)

Für den Angriffsfall empfiehlt Vsevolod: Fahrzeug anhalten und verteilen. Moralische Bedenken seien fehl am Platz. Es gehe darum, Risiken zu minimieren. Jeder Verwundete bindet Zeit und gefährdet alle. "In dieser Situation gilt: Unsere eigene Sicherheit kommt zuerst." Bleibt keine Zeit mehr, Deckung zu suchen, heißt es: Silhouette verkleinern, Angriffsfläche reduzieren. Geduckte oder liegende Positionen könnten die Wirkung von Splittern verringern. Details wie die Ausrichtung der Schuhe könnten im Ernstfall entscheidend sein.

Wenige Tage nach dem Training meldet sich Teilnehmer Adam, ein Sicherheitsberater der "New York Times": "Ihr werdet es nicht glauben, aber wir wurden gerade von einer mit einer Panzerabwehrgranate beladenen russischen Drohne verfolgt!" Gestochen scharfe Bilder vom eigenen Team hätten sie auf dem Monitor des Chuyka-Geräts bei ihrer Fahrt im Osten der Oblast Dnipropetrowsk gesehen. "Wir hielten beide Fahrzeuge, verteilten uns im Wald und gingen in Deckung." Dieses Mal flog die Drohne weiter.

Quelle: ntv.de

RusslandAngriff auf die UkraineDrohnenUkraine