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Gefechte im Jemen "Deutscher Zickzackkurs ist nicht nachvollziehbar"

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(Foto: picture alliance/dpa)

Mit dem Rückzug der Vereinigten Arabischen Emirate tritt der Jemen-Krieg in eine neue Phase ein. Die Bundesregierung könne in dem Konflikt an Einfluss gewinnen, sagt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons. Wenn sie die Waffenlieferungen einstellen würde.

Mit dem Rückzug der Vereinigten Arabischen Emirate tritt der Jemen-Krieg in eine neue Phase ein. Die Bundesregierung könne in dem Konflikt an Einfluss gewinnen, sagt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Wenn sie die Waffenlieferungen einstellen würde.

n-tv.de: Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ziehen sich aus dem Jemenkrieg zurück. Warum?

Sebastian Sons: Das hat vor allem strategische Gründe. Die offizielle Begründung der VAE lautet, mit dem Stockholm-Abkommen sei eine diplomatische Lösung auf den Weg gebracht worden. Eine massive Präsenz im Jemen sei also nicht mehr erforderlich. Die VAE setzen wieder stärker auf lokale Kräfte, die sie mit Waffen und Geld ausgestattet haben, und reduzieren deswegen ihre eigenen Truppen.

Die Emirate ziehen ab, zwischen Regierung und Separatisten kommt es zum offenen Bruch: Riad steht zunehmend allein da. Lässt sich dieser Konflikt für die Saudis noch gewinnen?

Aus saudischer Perspektive ist das Verhalten der Emiratis von Nachteil, weil Saudi-Arabien in der Vergangenheit ohnehin schon viele Verbündete verloren hat und die VAE im Jemen ihr wichtigster Partner waren. Im Jemen zeigt sich, dass die VAE ihre eigene Strategie verfolgen. Der große Unterschied zwischen beiden Ländern ist, dass Saudi-Arabien im Jemen Krieg führen muss, weil sie davon ausgehen, dass mit den Huthi-Rebellen eine Gefahr für die eigene Stabilität droht, während die VAE einen Krieg führen, den sie führen wollen. Dementsprechend kann Saudi-Arabien unabhängiger handeln.

Mit den Emiraten zieht sich der wichtigste regionale Partner Saudi-Arabiens aus dem Jemen zurück. Der Rückhalt für das militärische Abenteuer des  saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salmans bröckelt. Warum hat die VAE ihren mächtigen Verbündeten sitzen gelassen?

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Sebastian Sons arbeitet als politischer Analyst beim Forschungsinstitut Carpo und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. 2016 erschien sein Sachbuch "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien - Ein problematischer Verbündeter".

Das Verhalten der VAE zeigt, dass Partnerschaften und Allianzen ihre Grenzen haben – trotz enger persönlicher Beziehungen zwischen dem saudischen Kronprinzen Muhammed bin Salman und seinem emiratischen Amtskollegen Muhammed bin Zayid. Die VAE haben ihre eigenen Ziele weitgehend erreicht, die eigene Position im Süden des Jemens wurde ausgebaut. Für Saudi-Arabien sieht es ganz anders aus. Sie kämpfen im Norden weiterhin gegen die Huthis und haben dort relativ wenige Erfolge erzielt.

In Jemens Hafenstadt Aden haben Separatisten wichtige Punkte besetzt. Das erschwert die Wiedervereinigung des Landes. Saudi-Arabien sieht sich nun zwei Fronten quasi alleine gegenüber: den südjemenitischen Separatisten und den Huthi-Rebellen. Wie können die Saudis das Vakuum füllen, welches die Emiratis hinterlassen haben?

Das wird sehr schwer werden, da es eine Arbeitsteilung zwischen VAE und Saudi-Arabien gab. Die Saudis haben sich auf den Norden des Landes konzentriert, währen die VAE im Süden des Landes aktiv waren. Die VAE haben in ihren Kampfgebieten auch Partner gehabt, die für die Saudis nicht in Frage kommen. Von daher hat Saudi-Arabien im Süden des Landes massiv an Einfluss verloren. Sollte es tatsächlich ein Vakuum geben, besteht die Gefahr, das dschihadistische Gruppierungen wie al-Qaida und der Islamische Staat diese Lücke füllen.

Viereinhalb Jahre ist der Einstieg Saudi-Arabiens in den Bürgerkrieg im Jemen her. Das Ziel: die schiitischen Huthi-Rebellen im Land in die Knie zwingen, den vermeintlichen Einfluss des Erzfeindes Iran zurückdrängen und sich als mächtiger Spieler in der Region unter Beweis stellen. Haben die Saudis etwas davon erreichen können?

Saudi-Arabien wollte die Huthis aus der Hauptstadt Sanaa vertreiben, und die legitime Regierung unter Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi wiedereinsetzen, beides ist nicht erreicht worden. Die Huthis haben mit der Unterstützung des Iran sogar damit begonnen, fast täglich Raketenangriffe auf Saudi-Arabien zu starten. Der Krieg ist bei der saudischen Bevölkerung deswegen nicht mehr sonderlich populär, die Saudis haben einen sehr hohen finanziellen Preis gezahlt, der Krieg ist extrem teuer. Im Gegensatz zu den VAE haben die Saudis auch noch wirtschaftliche Probleme. Dann hat wegen der vielen toten Zivilisten auch noch die internationale Reputation gelitten. In Saudi-Arabien wird dieser Zermürbungskrieg auch ein "saudisches Vietnam" genannt. Deswegen wächst der Druck, eine politische Lösung finden zu müssen.

Im Jemen sind nach UN-Angaben 24 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Deutschland hat für das laufende Jahr Hilfszahlungen in Höhe von 120 Millionen Euro zugesagt. Gleichzeitig hat die Bundesregierung seit Jahresanfang Rüstungslieferungen für mehr als eine Milliarde Euro an die von Saudi-Arabien geführte Allianz im Jemen-Krieg genehmigt. Wie ist dieser politische Kurs zu verstehen?

Das ist ein Zickzackkurs, der nicht nachvollziehbar und nicht langfristig angelegt ist. In der Koalitionsvereinbarung wurde festgehalten, keine Waffen mehr an Parteien zu liefern, die im Jemen aktiv sind. Daran hält sich die Bundesregierung nicht. Die Waffenlieferungen sind nicht förderlich, um sich auf der Gegenseite Respekt zu verschaffen. In Saudi-Arabien hört man immer wieder, dass Waffenlieferungen aus Deutschland nicht zwingend notwendig seien, und man aus Berlin eine klare Aussage wolle. Wenn Berlin die Waffenlieferungen einstellen würde, würde es sein Gesicht wahren und an Einfluss gewinnen. Aber im Jemen findet ein Krieg statt, der kaum in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Demnach fehlt der internationale Aufschrei, der Druck auf die Akteure ausüben könnte. Die humanitäre Katastrophe hat historische Ausmaße. Aus realpolitischen Gründen besteht auch die Gefahr, dass irgendwann jemenitische Flüchtlinge nach Europa gelangen. Das ist ja der Aspekt, der die meisten Politiker im Westen umtreibt.

Seit Monaten bemühen sich die Vereinten Nationen um die Vermittlung eines Friedens. Die jüngste Entwicklung dürfte die die Gespräche erschweren. Nach mehr als 90.000 Toten, darunter mehr als 11.500 Zivilisten scheint ein Krieg entstanden, der sich nicht mehr gewinnen lässt. Oder gäbe es immer noch die Möglichkeit eines ernsthaften Friedensprozess?

Ich denke, den gibt es schon. Die Vereinten Nationen haben sich in diesem Fall verdient gemacht. Aber am Ende des Tages ist es eine Entscheidung der lokalen und regionalen Akteure, ob man kriegsmüde ist und Frieden will. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die verfeindeten Parteien im Jemen es immer wieder geschafft haben, einen Kompromiss zu finden, und dann zumindest einen brüchigen Frieden herzustellen.

Mit Sebastian Sons sprach Cigdem Akyol

Quelle: n-tv.de

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