Trendwende fand längst stattDie Deutschen arbeiten schon mehr

Immer wieder wird gefordert, die Deutschen sollten mehr arbeiten. Aber es lohnt, sich die Geschichte etwas näher anzusehen: Die Trendwende, die heute gefordert wird, fand bereits in den 2000er Jahren statt.
Arbeiten die Deutschen zu wenig? Der Internationale Währungsfonds hat soeben empfohlen, dass die Deutschen in ihrem Leben länger arbeiten. Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche verlangt ebenfalls längere Arbeitszeiten, um aus dem Fachkräftemangel herauszukommen und die deutsche Wirtschaft wieder ins Wachsen zu bringen.
Die Deutschen arbeiten jedoch schon seit den 2000er Jahren immer mehr. Die Erwerbstätigkeit in Deutschland nimmt seit damals zu. Nicht nur die Frauenarbeit steigt an, wenn auch häufig in Teilzeitarbeit. Es ist viel weniger bekannt, dass auch die Erwerbstätigkeit der Männer stieg. Nicht nur die Erwerbstätigkeit der Alten zwischen 60 und 64 stieg spektakulär von einem Viertel auf über zwei Drittel. Auch die Jungen zwischen 20 und 25 Jahren arbeiteten mehr, obwohl man erwarten würde, dass sie immer häufiger in der Ausbildung sind.
Auch unter den Ausländern in Deutschland stieg die Erwerbstätigkeit seit den 2000er Jahren an. Seinerzeit endete die Epoche, in der die Erwerbstätigkeit der Deutschen, der Jungen wie der Alten, jahrzehntelang abgesunken war und die teilweise immer noch die Vorstellungen prägt. Mit der Erwerbstätigkeit stieg auch das Arbeitsvolumen in Deutschland, also die Zahl der Stunden, die die Deutschen im Jahr arbeiten. Zwar ging die Wochenarbeitszeit leicht zurück und ist in Deutschland niedrig im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Aber die Lebensarbeitszeit stieg.
Die geforderte Trendwende fand damit bereits in den 2000er Jahren statt, bei Frauen sogar schon in den 1980er Jahren. Dabei ist Deutschland keineswegs ein europäischer Sonderfall. In einer ganzen Reihe von anderen Ländern wie den skandinavischen Ländern, den Niederlanden, der Schweiz und Tschechien nahm die Erwerbstätigkeit ebenfalls zu.
Mit der Politik hatte diese Trendwende nicht viel zu tun. Die Hartz-IV-Gesetze vom 2005 sind ebenso wie die langsame Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters seit 2012 keine ausreichenden Erklärungen für diese massive Zunahme der Erwerbstätigkeit. Sie konnten es allein nicht bewirken, die Erwerbstätigkeit der Alten von einem Viertel auf fast zwei Drittel hochzubringen.
Von der Politik wurde Frauenarbeit in den letzten Jahrzehnten sogar eher behindert als gefördert. Entscheidend war vielmehr das Absinken der Arbeitslosigkeit und der Arbeitskräftemangel seit den 2000er Jahren, darüber hinaus auch die steigende Lebenserwartung und vor allem die neue Erwartung, dass man auch mit 60 oder 65 Jahren einige gesunde Lebensjahre vor sich hat, denen man Sinn geben möchte. Gute Arbeit gibt für viele Sinn.
Oft lohnt es sich, die Geschichte näher anzusehen. In diesem Fall die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts. Wer heute längerer Lebenszeit verlangt, ist deshalb kein einsamer Rufer in einer feindlichen Wüste, sondern drückt vielleicht unwissentlich einfach das aus, was sowieso schon seit zwei Jahrzehnten geschieht.
Der Autor: Prof. Dr. Hartmut Kaelble zählt zu den renommiertesten deutschen Sozialhistorikern. Bis 2008 lehrte er Sozialgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.