Politik

TV-Duell im Fußballstadion Die Ukraine dreht durch

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Der Präsident wird angezapft: Poroschenko beim Blutabnehmen im Olympiastadion.

(Foto: REUTERS)

Vor einem TV-Duell im Kiewer Olimpijskyj-Stadion unterziehen sich Präsident Poroschenko und sein Herausforderer Selenski Alkohol- und Drogentests. Es ist ein weiterer Höhepunkt im absurden Präsidentschaftswahlkampf.

Eigentlich sind rund 200 Journalisten in der Mixed-Zone nichts Neues für das Kiewer Olympiastadion. Schließlich hat hier sowohl das Finale der Fußball-EM 2012 als auch das Endspiel der Champions League im letzten Jahr stattgefunden. Auch schaut der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sowieso stets in der wichtigsten Arena des Landes vorbei. Doch sein Besuch am Freitagmorgen war anders. Etwas ungläubig wirkten die Journalisten, als der 53-Jährige die Ärzte begrüßte und wenige Sekunden später das kleine Medizinlabor des Olimpijskyj betrat. Auf einem großen Bildschirm war dann zu beobachten, wie die Mitarbeiter von vier Kliniken, darunter zwei staatliche und zwei private, dem Präsidenten Blut-, Haar- und Urinproben abnahmen. "Der ukrainische Präsident darf weder alkohol- noch drogensüchtig sein", sagte Poroschenko nach den Tests vor der Presse. "Das ist eine Frage der nationalen Sicherheit." Zehn Minuten später kamen die ersten Testergebnisse des Präsidenten: Selbstverständlich negativ.

Damit hat der ohnehin absurde Präsidentschaftswahlkampf in der Ukraine einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Sonntag hatte der Komiker Wolodymyr Selenski den ersten Wahlgang überraschend souverän für sich entschieden. Selenski, der bereits in der beliebten Satire-Serie "Diener des Volkes" den ukrainischen Präsidenten spielt, bekam 30,24 Prozent der Stimmen, während Poroschenko mit 15,95 Prozent weit abgeschlagen lag. Vor fünf Jahren hatte er noch mit fast 55 Prozent gleich in der ersten Runde gewonnen.

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Auch Selenski ließ sich auf Alkohol und Drogen testen. Sein Ergebnis soll in drei Tagen vorliegen.

(Foto: REUTERS)

Schon am Wahlabend forderte Poroschenko seinen Herausforderer, der außerhalb seiner Tätigkeit als Schauspieler eher selten öffentlich auftritt, zu einem TV-Duell auf. Selenski erklärte sich am Mittwochabend in einem gut geschnittenen Video dazu bereit, stellte allerdings Bedingungen: Das Duell soll im Olimpijskyj-Stadion mit Zuschauern und Journalisten stattfinden, die beiden Kandidaten sollen vorher Alkohol- und Drogentests durchführen lassen - und Poroschenko soll sich bei Selenski entschuldigen, etwa für den Vorwurf, der Komiker sei lediglich eine Marionette des mächtigen Oligarchen und Präsidentengegners Ihor Kolomojskyj, in dessen Sender die meisten Produkte von Selenski und seiner Schauspieltruppe laufen.

Poroschenko würde gern drei Duelle veranstalten

Der Präsident stimmte nicht nur der Austragung des TV-Duells im Fußballstadion zu, sondern auch dem Medizincheck. Die auf den ersten Blick erstaunliche Prozedur, deren Sinn für viele unverständlich ist, hat einen politischen Hintergrund: Die Anhänger des Amtsinhabers verbreiteten nach dem ersten Wahlgang in sozialen Medien die These, Selenski sei drogensüchtig und nehme Kokain. Als Beweis sollte das Video der Pressekonferenz des 41-Jährigen am Wahlabend dienen, auf der er sich angeblich unnatürlich benahm. Zugleich werfen vor allem russische Medien Poroschenko seit Jahren angeblichen Alkoholismus vor - auch dafür gibt es jedoch keinerlei ernsthafte Beweise.

Seinen Medizincheck erledigte Selenski übrigens eine Stunde vor Poroschenko in einer privaten Klinik. Das staatliche Olympiastadion war dem Komiker nicht unabhängig genug, wie sein Wahlkampfteam erklärte.

"Ich bin sehr zufrieden, dass Selenski am TV-Duell teilnimmt. Schade, dass er heute nicht hier war, das Duell soll aber unbedingt stattfinden", meinte Poroschenko im Olimpijskyj. Dass der 53-Jährige sowohl mit der Zusage für das Duell im Stadion als auch mit dem Medizincheck bei der Show des professionellen Unterhalters mitspielt, dürfte zeigen, wie verzweifelt man zurzeit im Präsidententeam ist. Dafür gibt es gute Gründe. Selenski erzielte am Sonntag nicht nur ein gutes Gesamtergebnis, er lag auch in zwanzig Regierungsbezirken vorn, während Poroschenko lediglich in zwei gewann. Auch darf Selenski mit mehr Wählerstimmen rechnen, die im ersten Wahlgang an andere Kandidaten gingen.

Poroschenko hat mit seiner nationalorientierten Politik nur im Westen des Landes Erfolg. Er gilt aber als guter Redner und würde gern sogar drei TV-Duelle zu unterschiedlichen Themenfeldern austragen lassen. Doch ob er von der aktuellen Debatte rund um das TV-Duell profitiert, ist mehr als fraglich. Klar ist etwas anderes: Die Ukraine dreht im Moment wegen des TV-Duells etwas durch. Es ist das Thema Nummer eins auf den Straßen. Viele fragen sich bereits, wie man denn an Tickets fürs Olimpijskyj kommt. Auf einigen ukrainischen Internet-Plattformen wurden bereits gefälschte Karten verkauft, obwohl bisher nicht mal das Datum bekannt ist - und auch, ob Zuschauer ins Stadion dürfen, steht noch in den Sternen.

"Ich würde gerne hingehen. Zwar interessiere ich mich nicht für die Politik, doch es geht hier um etwas Einmaliges", sagt etwa der 21-jährige Jura-Student Dmytro, als er am frühen Morgen am Olimpijskyj vorbeikommt. Die 26-jährige Switlana, die im kleinen Kaffeehaus in der Nähe arbeitet, ist weniger begeistert, würde das TV-Duell aber dennoch anschauen: "Es ist natürlich Zirkus, keine Politik. Das mag ich nicht. Verpassen will ich es trotzdem nicht." Und so fiebert die Ukraine einer einzigartigen Entscheidung entgegen. Bis zur Stichwahl am 21. April dürfte es noch einige Überraschungen geben.

Quelle: n-tv.de

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