"Staged" startet wieder durchDie Verschwörungsszene explodiert nach Schüssen bei Dinner mit Trump

Erneut gibt es bei einer Veranstaltung mit US-Präsident Trump Schüsse. Schon kurz darauf erscheinen in sozialen Netzwerken massenweise Beiträge mit wilden Behauptungen und Erzählungen. Vieles erinnert an 2024.
Kurz nach den Schüssen beim Washingtoner Presse-Dinner mit US-Präsident Donald Trump ist in sozialen Netzwerken ein aus vergangenen Großereignissen bekanntes Phänomen aufgetreten: Eine nicht enden wollende Welle aus Verschwörungserzählungen erreichte immer mehr Menschen weltweit. Befeuert wurde sie unter anderem durch Influencer.
Bis Sonntagmittag erschienen laut einer Auswertung von TweetBinder 300.000 Beiträge auf X, in denen das Wort "inszeniert" ("staged") auftauchte, wie die "New York Times" berichtete. Gemeint sind Gerüchte über einen von der Trump-Regierung gestellten Attentatsversuch. Einige Beiträge widersprachen jedoch auch solchen Annahmen.
Weitere Verschwörungserzählungen stellten einen angeblichen Israel-Bezug her oder unterstellten Trump-Sprecherin Karoline Leavitt, die Tat angekündigt zu haben. Sie hatte vor dem Dinner gesagt, in der Nacht würden im Raum "ein paar Schüsse abgefeuert". Gefragt wurde sie zuvor von einem Fox-News-Reporter, ob Trump bereit sei, bei der Veranstaltung loszupoltern. In den USA ist "to fire shots" eine gängige Metapher für rhetorische Angriffe gegen politische Gegner.
Publikum fehlt die Geduld
"Menschen formen die Realität nach dem um, was sie für wahr oder unwahr halten möchten", sagte Cliff Lampe, Professor und stellvertretender Dekan für akademische Angelegenheiten an der School of Information der University of Michigan, der "New York Times". "Sie suchen nicht nach guten Informationen, sondern nach bestätigenden Informationen."
Eine weitere Erklärung lieferte Amanda Crawford, außerordentliche Professorin an der University of Connecticut: "Die Wahrheit ans Licht zu bringen und Fakten sowie verlässliche Informationen zu ermitteln, braucht Zeit. Aber unser Publikum hat diese Geduld einfach nicht. Und so tauchen sofort Erzählungen auf, die darauf ausgerichtet sind, die Fragen zu beantworten, die die Menschen interessieren, und die oft auf den Vorurteilen derjenigen aufbauen, die sie verbreiten."
Schon beim Attentat auf den US-Präsidenten während der Präsidentschaftskandidatur 2024 flutete der Hashtag "inszeniert" die sozialen Medien, immer wieder auch im Zusammenhang mit KI-generierten Bildern. Thesen ohne jederlei Grundlage erreichten die Massen. Kein Abwarten, keine Prüfung der Informationen. Trotzdem fanden sich viele dankbare Empfänger.
ntv.de-Verifizierungsexperte Burak Kahraman sagte damals, dass jede Form von Person oder Gruppierung hinter der Verbreitung von Falschinformationen steckte. "Sowohl links, sowohl rechts, politisch engagiert, nicht politisch engagiert, einzelne Personen, oder auch prominente Gesichter mit verifizierten blauen Haken."
Das Geschäft mit Verschwörungserzählungen
Ein Problem sind zudem Influencer mit hoher Reichweite. Sie nutzen Informationslücken und verbreiten auf der Jagd nach Klicks und Likes Verschwörungsmythen - sogar wenn sie selbst nicht daran glauben. Ein Beispiel ist der X-Account von Mario Nawfal mit 3,4 Millionen Followern.
Der Influencer teilte mehrere Beiträge über eine mögliche Inszenierung des Attentats beim Presse-Dinner, darunter von bekannten Verschwörungserzählern. Nawfal erreichte so eine Vielzahl von Menschen. Dann beteuerte er in einem weiteren Kommentar, dass er selbst nicht davon ausgehe, dass das Ganze gestellt gewesen sei. Doch warum teilte er dann überhaupt die ganzen anderen Beiträge? Möglicherweise, um Reichweite und damit Einnahmen zu schaffen.
Informationslücken, die Umformung der Realität nach den eigenen Vorstellungen und die Jagd nach Klicks sind der Nährboden für Verschwörungserzählungen. Hinzu kommt die generelle Logik von sozialen Medien, dass das, was provoziert oder emotional ist, mehr Reaktionen auslöst und auch von Algorithmen bevorzugt wird. Die Netzwerke selbst bieten Verschwörungstheorien nur wenig oder gar keine Paroli.