Politik

Brutale Selbstjustiz grassiert in Syrien "Die Zeit für Anwälte ist vorbei"

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Sein Schicksal ist ungewiss: Syrische Rebellen führen einen "Verräter" ab.

(Foto: dpa)

Das Assad-Regime hat kein Monopol auf Grausamkeiten in Syrien. Offenbar bedienen sich auch die Rebellen brutalster Methoden im Umgang mit ihren Feinden. Einige von ihnen wenden bei Gefangenen das Islamische Recht an. Und darin heißt es auch: "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Syrische Rebellen haben im hart umkämpften Aleppo offenbar mehrere Anhänger von Präsident Baschar al-Assad hingerichtet. Das legen Video-Aufnahmen nahe, die im Internet kursieren. Auf ihren Wahrheitsgehalt hin lassen sich die Aufnahmen nicht prüfen. Doch sollte stimmen, was auf jenen pixeligen Bildern zu erkennen ist, machen sich die Rebellen derselben Verbrechen schuldig, die sie Assads Kämpfern vorwerfen.

Ein Video auf YouTube zeigt, wie Aufständische vier mutmaßliche Milizionäre eine Treppe hinunterführen. Zwei von ihnen tragen nur Unterwäsche. Die Rebellen zerren sie in einen Hof, in dem schon zahlreiche Schaulustige warten. Die Gefangenen müssen sich vor einer Wand aufstellen. Gewehrsalven ertönen. Die Menge schreit: "Gott ist groß!" Rauchschwaden wabern durch die Luft, als sie sich verziehen, liegen die Gefangenen tot vor der Wand. Dann feuern die Rebellen mit ihren halbautomatischen Gewehren weiter – auf die Leichen.

In dem Video heißt es, die Hingerichteten seien Mitglieder der Assad-treuen berüchtigten Schabbah-Miliz gewesen. Die Schabbah, was Geister bedeutet, sind bei der Niederschlagung des seit nunmehr 17 Monaten dauernden Aufstands an vorderster Front dabei.

Scharia-Gerichte fällen schnelle Urteile

Ein weiteres Video zeigte, wie Rebellen sich nach der Eroberung der Polizeiwache Nadschrab südöstlich von Aleppo brüsten. "Kommt und schaut euch die Kadaver an, die im Namen Assads verreckt sind", sagt einer der Aufständischen. Die Kamera schwenkt auf die Leichen in der Wache. Mindestens 15 Tote liegen im Gebäude und im angrenzenden Garten. Das Haus ist mit Einschusslöchern übersät und zum Teil niedergebrannt. Ein Rebell zeigt mit seinem Gewehr auf die Leiche des Kommandeurs der Polizeiwache. Dann feuert der Kämpfer auf ihn. Die Kugel reißt ihm den Kopf weg. Und der unbekannte Kämpfer ruft: "Ich spucke auf dich, und auf den Tyrannen Baschar al-Assad!"

Angeblich führen die Rebellen ihre Feinde auch immer wieder vor Gerichte des Islamischen Rechts oder sprechen es gleich selbst. In der strengsten Interpretation der Scharia kann das Gerechtigkeit nach dem Prinzip Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn bedeuten, bis hin zur Todesstrafe.

So berichtet ein Aufständischer in der Stadt Asas in der Nähe Aleppos mit einem Lachen, wie er und seine Kameraden einen Scharfschützen gefangenengenommen und hingerichtet hätten. Rami sei der Name des Mannes gewesen, der von einem Minarett der Moschee aus angeblich viele Rebellen und Zivilisten erschossen hat. "Wir haben ihn direkt zu seinem Grab geführt und nachdem wir die Aussagen der Zeugen gehört haben, haben wir ihn erschossen", sagt Ahmed. "Die Zeit für Anwälte ist lange vorbei. So ein Kerl wie dieser, was sollte Ihrer Meinung nach sein Schicksal sein?"

Rebellen wollen Geheimdienstposten einnehmen

Um weiterhin nach diesem Prinzip Gefangene hinzurichten, liefert die syrische Armee den Rebellen etliche Anlässe. Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet zeichnet das Assad-Regime schon seit langem für vergleichbare Gräueltaten verantwortlich und ermordet zudem friedliche Demonstranten. Jüngst setzte es nach Angaben von UN-Beobachtern im Kampf um die Wirtschaftsmetropole Aleppo Mig-Jet greift Aufständische an

Die Vereinten Nationen riefen die Konfliktparteien auf, das humanitäre Völkerrecht zu beachten, Zivilisten zu schützen und die Konfrontation zugunsten des Dialogs aufzugeben.

Die syrischen Truppen hatten am Wochenende eine Offensive in Aleppo gestartet, der im Konflikt zwischen Staatsführung und Rebellen möglicherweise entscheidenden Stadt. Seitdem wird in der Millionen-Metropole im Nordwesten des Landes erbittert gekämpft. Die Rebellen wollen nach eigenen Angaben die Gebäude der Geheimdienste einnehmen. Anschließend könnten sie in die wohlhabenderen Stadtteile vordringen, die sie bislang nicht kontrollieren.

In Damaskus flammten derweil erstmals Kämpfe nahe der christlichen Altstadt auf. Die Schießereien ereigneten sich nach Angaben der Syrischen Menschenrechtsbeobachter an den Rändern der Stadtteile Bab Tuma und Bab Scharki. Die Christen machen in Syrien etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Den Aufständen stehen die meisten von ihnen reserviert gegenüber, weil sie befürchten, dass nach einem Sturz Assads Islamisten die Macht übernehmen könnten.

Quelle: n-tv.de, rts/AFP

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