Politik

Die Toten von StarobilskDie ukrainische Darstellung hält einer Prüfung nicht in allen Punkten stand

30.05.2026, 13:15 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt
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Blick in das zerstörte Studierendenwohnheim von Starobilsk. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

21 tote Studenten, zerstörte Schlafsäle, Plüschtiere im Staub: Die russische Propaganda hat sich den Angriff auf die Hochschule von Starobilsk sofort zunutze gemacht. Doch hinter den Bildern von weinenden Eltern und zerbombten Zimmern steht eine kompliziertere Wahrheit.

In den Zimmern standen noch Plüschtiere. An den Wänden klebten Fotocollagen, auf den Betten lagen offene Kosmetiktaschen, halbvolle Wasserflaschen, Lehrbücher für Pädagogik. Wenige Stunden zuvor hatten hier junge Menschen TikTok-Videos gedreht, Geburtstage gefeiert, über Beziehungen gestritten, über magere Stipendien gespottet. Dann kamen in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 2026 die Drohnen.

Achtzehn junge Frauen, drei junge Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren starben, 42 wurden verletzt. Der ukrainische Drohnenangriff auf den Gebäudekomplex der Fakultät von Starobilsk der Pädagogischen Hochschule von Luhansk gehört zu den umstrittensten Vorfällen dieses Krieges - und zu jenen, bei denen sich eine Wahrheit trotz allem noch recht klar benennen lässt.

Eine unabhängige Recherche des russischen Exilmediums "Nowaja Gaseta Europa" hat die Biografien fast aller Opfer anhand ihrer Social-Media-Profile rekonstruiert. Was dabei entsteht, ist das Porträt einer Generation, die zwischen ukrainischer Kindheit, russischer Besatzungsrealität und permanentem Krieg aufgewachsen ist. Viele stammten aus Rubizhne, Severodonetsk, Belokurakino - Orte, die erst nach der Großinvasion 2022 unter russische Kontrolle gerieten. Die Kleinstadt Starobilsk selbst lag bis dahin unter ukrainischer Verwaltung.

"Diese Welt ist vergiftet von Kriegen"

Eine 19-Jährige postete kurz vor ihrem Tod ein Video zu einer Schlaflied-Ballade: "Diese Welt ist vergiftet von Kriegen, aber hab keine Angst - schlaf ruhig." Eine andere feierte ihren Geburtstag im Wohnheim. Ein 20-Jähriger plante mit seiner Freundin ein Wochenende mit Angeln und Grillen bei seiner Schwester. Ihre digitalen Spuren enden in digitalen Kondolenzkommentaren. Gewünscht werden dort "weiche Wolken". Als könne man Toten etwas wünschen, das weicher ist als das, was sie zerstört hat.

Russland griff das Ereignis sofort auf. Im UN-Sicherheitsrat sprach der russische Vertreter von einem "ukrainischen Terrorakt" gegen Jugendliche. Staatsmedien zeigten zerbombte Zimmer, weinende Eltern, Stofftiere im Staub. Machthaber Wladimir Putin ordnete Vergeltung an; in den folgenden Tagen griffen russische Raketen und Drohnen die ukrainische Hauptstadt Kiew an. Internationale Journalisten und kremltreue Blogger wurden in organisierten Pressetouren an den Ort gebracht. Die ukrainische Plattform TSN beschreibt das als Teil einer großangelegten Medienkampagne: Das Narrativ vom "absichtlichen Angriff auf Studenten" sollte zementiert und als Rechtfertigung für die eigenen Angriffe genutzt werden.

Keine Belege für militärische Nutzung

Dass diese Empörung heuchlerisch ist, liegt auf der Hand. Russland hat seit 2022 Schulen, Wohnviertel und Krankenhäuser in der gesamten Ukraine systematisch angegriffen. Die Opfer von Starobilsk sterben in einem Krieg, den Moskau begonnen hat und täglich fortsetzt.

Und dennoch: Die ukrainische Darstellung hält einer Prüfung nicht in allen Punkten stand. Der ukrainische Generalstab erklärte, man habe das Hauptquartier des "Rubikon"-Zentrums getroffen - eine Eliteeinheit des russischen Verteidigungsministeriums, gegründet im August 2024, verantwortlich für zahlreiche Angriffe auf ukrainische Zivilisten und Infrastruktur. Doch Kiew hat keine überzeugenden Belege vorgelegt, dass sich in den getroffenen Wohn- und Lehrgebäuden tatsächlich militärisches Personal oder militärische Infrastruktur befand. Einige der kursierenden Dokumente über russische Militärpräsenz wurden von ukrainischen Journalisten als mutmaßlich gefälscht eingestuft.

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An einem Kriegerdenkmal in der ebenfalls russisch besetzten, ukrainischen Stadt Melitopol legen junge Frauen Blumen für die Opfer von Starobilsk nieder. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Ruslan Leviev vom Conflict Intelligence Team, einer oppositionellen russischen Investigativplattform, hält einen bewussten Angriff auf Zivilisten für unwahrscheinlich - findet aber keine Hinweise auf eine militärische Nutzung der getroffenen Gebäude. Die Treffer waren zu präzise, zu konzentriert auf die Schlafsäle, um Zufall zu sein. Die wahrscheinlichste Erklärung: fehlerhafte Aufklärung. Selbst wenn russische Einheiten Nebengebäude mitgenutzt haben sollten - die Kernfrage bleibt: Warum wurde ein Gebäude, in dem Hunderte Zivilisten schliefen, als legitimes Ziel eingestuft?

Perfekte Vorlage für "ukrainischen Terror"

Viele dieser jungen Menschen hatten bis 2022 unter ukrainischer Flagge gelebt und besuchten nun russische Jugendprogramme - nicht aus Überzeugung, sondern weil es keine andere Wahl gab. Sie waren Kinder eines zerstörten Zwischenraums. Manche posteten ukrainische Literaturzitate, andere feierten den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland.

Für den Kreml wurde Starobilsk zum propagandistischen Geschenk der besonderen Art: Dieses Mal musste nichts erfunden werden. Der Vorfall lieferte die perfekte Vorlage für die ansonsten erlogene Erzählung vom "ukrainischen Terror gegen den Donbas" - so zynisch diese Indienstnahme auch ist.

Aber die eigentliche Tragödie liegt tiefer. Der Angriff zeigt, wie vollständig die Grenzen zwischen Front und Alltag in den besetzten Gebieten verschwunden sind. Das Wohnheim war kein militärischer Komplex - aber offenbar auch kein Ort, den die ukrainische Seite noch als eindeutig zivil behandelt hat. Im fünften Kriegsjahr gibt es in den besetzten Gebieten kaum noch rein zivile Orte. Zurück bleiben zerstörte Zimmer. Und das Bild einer 19-Jährigen, die kurz vor ihrem Tod ein Schlaflied postete und bat, keine Angst zu haben.

Quelle: ntv.de

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