Politik

Gast-Kommentar "Ein echter China-Kracher"

Von Hommy Dara

Als der Spion im Kanzleramt Günter Guillaume 1974 enttarnt wurde, sagte der damalige Bundesfinanzminister Helmut Schmidt in geschlossener Runde: „Machen wir uns doch nichts vor! Wir wären froh wenn wir jemanden so nahe bei Honecker hätten.“ Der kühle Denker aus dem Norden, der später Bundeskanzler wurde, war immer ein Freund des offenen Wortes. Der momentan viel diskutierte „China-Kracher“ um angebliche Spionageprogramme auf Computern in Ministerien und dem Kanzleramt, der die unerträgliche Stille im politischen Sommerloch mit viel Lärm füllt, erinnert an die Geschichte, wo der Hase den Esel fragt, warum er so große Ohren hat.

Es wäre geradezu naiv, in dem Glauben zu leben, Deutschland würde sich nicht der Spionage bedienen. Die Schlapphüte gehören nun mal zum politischen und wirtschaftlichem Leben dazu – ob man es mag oder nicht. Bei all dem nervösen Geschrei scheint in Deutschland vergessen worden zu sein, dass wir selbst sehr fleißige Mitarbeiter in den Geheimdiensten haben.

Da ist beispielsweise der Agent Werner Mauss, der nach eigenen Angaben seit 40 Jahren gegen die Kriminalität kämpft, und uns Bundesbürgern seit nunmehr 20 Jahren die Antwort schuldig geblieben ist, warum er ausgerechnet an jenem Tag in Genf nächtigte, als der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel tot in einer Badewanne im Hotel Beauvirage gefunden wurde. Ob der bisher ungeklärte Fall nun Mord oder Selbstmord war, spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Die Frage, was ihn in aller Welt nun gerade am 11. Oktober 1987 in die Schweizer Metropole zog, bleibt wahrscheinlich für immer offen, denn Mauss schweigt beharrlich seit zwei Dekaden. Schweigen gehört zum Geschäft.

Da ist beispielsweise der Focus-Redakteur Josef Hufelschulte, der nach heutigem Erkenntnisstand jahrelang vom Bundesnachrichtendienst beschattet und bespitzelt wurde. Der wahre Skandal in diesem unerhörten Fall von Unterminierung der Pressefreiheit, ist die Tatsache, dass Journalisten angeheuert wurden, um ihren Kollegen zu durchleuchten. Und weil das noch nicht genug ist, erwog im letzten Monat die Staatsanwaltschaft München kurzzeitig, vier Reporter wegen Geheimnisverrats anzuklagen, weil sie Passagen aus geheimen BND Dokumenten zitiert hatten. Das Ermittlungsverfahren wurde letztlich aber eingestellt.

Interessant ist auch eine Frage, die bislang gar nicht diskutiert wurde. In der Broschüre „Internet für Dummies“, das etwas frei übersetzt „Internet für Hohlköpfe“ bedeutet, steht auf Seite 3, Nutzer sollten niemals auf ein Antiviren-Programm verzichten, wenn sie schon Emails öffnen müssen, deren Absender sie nicht immer kennen. Es ist schon ein Stück aus dem Tollhaus, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ministerien und Bundeskanzleramt, diesen sehr wertvollen Rat für überflüssig hielten. Denn fest steht: einen Trojaner kann nur ein Benutzer aktivieren und niemals der Bösewicht, der den Virus versendet hat. Letztlich kann er sich nur auf die – gelinde gesagt - Naivität des Empfängers verlassen. Betrachtet man es aus diesem Blickwinkel, hat Deutschland weniger ein Problem mit angeblichen Spionageprogrammen aus dem Reich der Mitte, sondern ein ernsthaftes Bildungsproblem in den Schaltzentralen der Macht.

Wie gesagt: ein echter „China-Kracher“. Viel Lärm, viele erschrockene Gesichter und ein Schelm, der sich diebisch freut, die anderen kurzzeitig verschreckt zu haben. Doch letzten Endes bleibt nichts übrig von all dem Schall und Rauch.

Quelle: n-tv.de