Politik

Lauterbach bei ntv "Engländer haben Problem nicht im Griff"

imago1003123715h.jpg

Was die Herzen von Fußball-Fans höher schlagen lässt, löst bei Lauterbach zwar ebenfalls erhöhten Puls aus, allerdings aus anderen Gründen.

(Foto: imago images/Shutterstock)

Wenn am Abend die deutsche und die englische Mannschaft im Londoner Wembley-Stadion spielen, wird sich SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ärgern - nicht über das Spiel, sondern über die Zuschauer, wie er bei ntv sagt.

ntv: Herr Lauterbach, heute Abend spielt Deutschland gegen England in Wembley. 45.000 Zuschauer dürfen dabei sein. Haben Sie da Bauchschmerzen?

244511304.jpg

45.000 Fans im Wembley-Stadion sind zu viel, sagt Lauterbach.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Karl Lauterbach: Ja, das finde ich leider sehr problematisch. In der Tat. Die Delta-Variante ist in England schon weit ausgebreitet, die Fallzahlen steigen weiter. Die Engländer haben das Problem nicht im Griff. Dass man dann ein Fußballstadion füllt, also mit 45.000 Zuschauern, das ist nicht wirklich eine kluge Idee. Da können sich die Leute untereinander anstecken und das ist das vollkommen falsche Signal. Es signalisiert jungen Leute, dass die Pandemie vorbei ist und die Delta-Variante nicht wirklich bedrohlich ist. Also ist es eine tatsächliche Gefährdung für diejenigen, die im Stadion sind und eine symbolische Gefährdung für diejenigen, die zuschauen. Übrigens nicht nur in England!

Aber man sitzt dort ja an der frischen Luft. Unter welchen Voraussetzungen kann man sich da trotzdem anstecken?

Man kann sich anstecken beim Einlass. Man steht nah beieinander und somit können die Aerosole diejenigen, die um einen herumstehen, infizieren. Man kann sich auch im Stadion infizieren. Bei 45.000 geht das! Wenn man das Stadion füllt, sodass nur jeder fünfte Platz besetzt ist, dann sind die Abstände so groß. Dann kommt es zwar auch zu Ansteckungen und ein Infizierter steckt vielleicht seinen Nachbarn an, aber es kommt dann kein Superspreading. Bei 45.000 ist das eine gefährliche Situation. Da kommt man in eine Lage hinein, in der viele angesteckt werden können. Insbesondere auch bei An- und Abreise.

Können Sie uns noch einmal genauer erklären: Wie muss man sich diese Virenverteilung im Stadion selbst vorstellen? Also wie lange halten die Viren da in der Luft, auch vielleicht im Vergleich zu einem geschlossenen Raum?

Die Gefahr ist natürlich unfassbar geringer als in einem geschlossenen Raum. Das ist ganz klar. Also das muss man sich eher so vorstellen, dass die Viren ausgeatmet oder ausgeschrien werden und wenn dann jemand direkt vor mir steht und derjenige der vor mir steht, atmet ein, dann kann derjenige die Viren einatmen und dann ist es passiert. Aber die Viren stehen da nicht lange. Es gibt dann kein Superspreading.

Herr Lauterbach, Sie haben auch dafür geworben, die Einreiseregeln noch einmal zu verschärfen. Bund und Länder haben sich jetzt aber genau dagegen entschieden. Die Einreiseverordnung soll erst einmal nicht verändert werden. Droht uns da jetzt im Sommer ein Reisechaos, bei dem die Reiserückkehrer vielleicht eine vierte Welle mit ins Land schleppen?

Wenn diejenigen, die sich im Urlaub infiziert haben, bei der Einreise getestet würden und in Quarantäne gingen und fünf Tage nach der Einreise ein zweites Mal getestet würden, dann könnten wir viele Infizierte identifizieren, die ins Land zurückkommen. Das wäre einfach etwas mehr Sicherheit. Aber das ist jetzt im Urlaub sehr unbeliebt. Da haben sich die Ministerpräsidenten dagegen ausgesprochen. Aber es würde helfen, weil wir dann weniger Fälle hätten, wenn der Herbst kommt und die Schule wieder beginnt.

Ist denn die Delta-Variante wirklich nur für die nicht Geimpften gefährlich oder können sich auch genauso gut Geimpfte anstecken?

Es können sich auch Geimpfte anstecken, aber nicht genauso gut. Man hat einen Schutz bei perfekter Impfung. Wenn man mit einem guten Impfstoff komplett geimpft ist, von ungefähr 95 Prozent. Das bedeutet aber, dass einer von 20 vollständig Geimpften sich trotzdem infiziert und die Quoten dürften sogar höher sein. Bei Impfstoffen, die nicht ganz so schützen, haben wir hier keinen kompletten Schutz. Wir müssen damit rechnen, dass auch die Älteren und diejenigen, die Risikofaktoren haben und die keine so gute Immunität haben, von der Impfung nicht wirklich vollständig geschützt sind.

Lassen Sie uns noch kurz über die Impfungen von Kindern reden. Welche Rolle spielen genau Kinder bei der Ansteckung mit der Delta-Variante?

Bei der Delta-Variante ist es so, dass sich Kinder auch anstecken können und dass sie sich untereinander anstecken, weil eben die Viruslast so hoch ist. Kinder haben dann also auch so viele Viren, dass sie andere anstecken. Kinder werden in der vierten Welle im Herbst eine Rolle spielen. Insbesondere deshalb, weil die Kinder dann in den Innenräumen sitzen und sich gegenseitig anstecken werden.

Gleichzeitig werden einige Impfzentren ihren Impfstoff gar nicht mehr los, und es gibt gar nicht mehr genug Interessenten dafür, obwohl die Impfstoffmengen weiter steigen. Wie groß ist da Ihre Sorge, dass wir schon impfmüde werden?

Ich höre, dass in einigen Impfzentren Impfstoff liegen bleibt, das ist aber eine Seltenheit und bei den Praxen ist das in erster Linie der Astrazeneca-Impfstoff, der schon mal liegen bleibt, weil da die Bereitschaft, diesen Impfstoff zu nehmen, zu gering ist. Aber wir haben zum jetzigen Zeitpunkt nach wie vor deutlich mehr Impfwillige als Impfstoff. Das wird sich irgendwann drehen. Im späten Sommer vielleicht, und dann müssen wir Kampagnen fahren. Unser größtes Problem ist, dass wir wirklich nicht so gut an diejenigen in den Problembezirken herankommen. Die sich also gar nicht mit der Frage der Impfung beschäftigen, sondern einfach sagen: Ich brauche das nicht! Sich nicht impfen lassen wollen, weil sie die Gefahr der Erkrankung unterschätzen, weil sie denken, sie bekommen das nicht. Das ist ein Problem, und da müssen wir viel mehr tun. Darüber wird viel gesprochen. Es passiert aber wenig. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir noch keine wirklich gute Strategie, um Impfskeptiker zur Impfung zu bringen.

Mit Professor Karl Lauterbach sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen