Politik

Aufräumarbeiten in Beirut "Es sah aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg"

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Der Hafen von Beirut am 7. August 2020.

(Foto: REUTERS)

Vor einem Jahr, am 4. August 2020, zerstörte die Explosion von 3000 Tonnen Ammoniumnitrat das Hafenviertel von Beirut. Heiko Felderhoff kam kurz danach in die Stadt, um mit seinem Unternehmen die noch immer im Hafen lagernden Chemikalien zu entsorgen. "Das, mit dem wir es da zu tun hatten, hätte leicht eine weitere Explosion ähnlicher Größenordnung auslösen können", sagt er im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Als Sie kurz nach der Katastrophe in Beirut eintrafen, muss Sie der Schock getroffen haben. Was haben Sie damals gedacht?

Heiko Felderhoff: Es sah aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg, fast der ganze Hafen lag in Trümmern. Ich bin jahrelang als Kapitän zur See gefahren und wir haben schon etliche maritime Bergungsprojekte erfolgreich zu Ende gebracht - aber so etwas wie im Libanon habe ich auch noch nicht gesehen.

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Heiko Felderhoff ist Geschäftsführer der Firma Combi Lift, die nach der Katastrophe damit beauftragt wurde, Chemikalien im Hafen von Beirut zu entsorgen.

(Foto: Combi Lift)

Sie und Ihr Partner Holger Hinrichs werden immer gerufen, wenn nach großen Schiffsunglücken aufgeräumt werden muss. Nach der Katastrophe wurden in einem abgelegenen Teil des Hafens rund 1000 Tonnen hochgiftige Stoffe entdeckt, die dort seit Jahren in alten Fässern verrotteten und wiederum mit anderen Stoffen eine unbekannte Verbindung eingegangen waren. Wie haben Sie sich an diese hochgiftige Aufgabe herangetastet?

Oft war erst beim Öffnen der Behälter klar, um was es sich überhaupt handelt. Regelmäßig mussten wir die Container an der Seite aufschneiden, um die beschädigten Ladungsinhalte begutachten und bearbeiten zu können. Manchmal traten dabei auch ätzende Gase aus. Die Umweltschäden sind beträchtlich: Das Erdreich einiger Bereiche ist massiv kontaminiert und müsste etwa drei bis vier Meter tief abgetragen werden.

Welchen Herausforderungen mussten Sie sich stellen, bevor sie loslegen konnten?

Die Behältnisse waren oft in einem derart porösen Zustand, dass wir sie an den verschiedenen Stellen im Hafen erst mal vor Ort umpumpen mussten. Dass seit Jahren große Mengen Chemikalien ausgelaufen sind und das Erdreich bereits kontaminiert hatten, war offensichtlich. An einer Stelle hatte sich aus den Chemikalien und dem Erdreich eine zwei bis drei Zentimeter dicke Kruste, ähnlich einer Eisschicht gebildet, unter der die Flüssigkeit 30 bis 40 Zentimeter stand. Im Schein der Hafenbeleuchtung sah man die Säureschwaden über den Containern. Die Metallgriffe der Säure-Eimer, die wir zum Umfüllen benutzt haben, waren in kurzer Zeit völlig korrodiert. Sie können sich vorstellen: Mitten in der Pandemie war es nicht ganz einfach, die notwendigen Schutzanzüge zu organisieren. Die Kollegen vor Ort haben knietief in Salzsäure gestanden, die etwa zwei Drittel der Gesamtmenge der Chemikalien ausmacht. Ich schätze, dass rund 40.000 Liter hochkonzentrierte Salzsäure und weitere Substanzen im Laufe der Zeit ins Erdreich und ins Hafenbecken ausgelaufen sind.

Wie sind Sie dann vorgegangen? Und bestand eine große Gefahr für die Arbeiter, mit Stoffen zu arbeiten, die keiner kannte? Sie mussten ja zunächst analysieren, um was für Stoffe es sich überhaupt handelt, oder?

Das ist richtig. Es gab keinerlei schriftliche Unterlagen, was dort eigentlich gelagert wurde. Wir hatten ein Team von rund 30 Mitarbeitern vor Ort - bestehend aus deutschen und libanesischen Kollegen. Wir haben im Hafen ein Labor aufgebaut und die Stoffe analysiert. Wie genau die Substanzen in den Hafen gelangt sind beziehungsweise reingeschmuggelt wurden, ist bis heute unklar. Fest steht aber, dass der Hafen als Lagerfläche zweckentfremdet wurde.

Welche Stoffe haben Sie gefunden?

Das, mit dem wir es da im Hafen zu tun hatten, hätte leicht eine weitere Explosion ähnlicher Größenordnung auslösen können. Wir haben zentnerweise Natriumhydroxid, Schwefelsäure, Salzsäure, Flusssäure, Aceton, Verdünner und Methylbromid geborgen. Und das ist nur ein Auszug.

Im Libanon herrscht ein religiöses, gesellschaftliches und wirtschaftliches Chaos. Der Staat ist insolvent, die Regierung zerstritten, verschiedene religiöse Kräfte kämpfen um die Macht und die Bevölkerung kämpft ums Überleben. Mittendrin regiert eine Terrororganisation mit, die Hisbollah. Hatten Sie Kontakt zur Hisbollah und dem Chef Nasrallah?

Es gab indirekten Kontakt. Man muss wissen, dass der Hafen von der Hisbollah kontrolliert wird. Und unsere Arbeit vor Ort wurde von der Hisbollah sehr kritisch gesehen. Formulieren wir es so: Man war nicht unbedingt glücklich, dass wir als internationale Firma im Libanon tätig wurden und dort den Hafen aufgeräumt haben.

Wie verlief der Abtransport der Fracht? Wo wurden die Giftstoffe entsorgt und wie schwierig war es, einen Partner zu finden, der gesagt hat: Wir machen das?

Wir haben die insgesamt 59 Container mit einem unserer Schwergutschiffe nach Wilhelmshaven gebracht. Direkt aus Beirut, ohne Zwischenstopp. Der Transport war notwendig, weil es im Libanon überhaupt nicht die Anlagen gibt, um derartige Substanzen zu entsorgen. In Deutschland haben unsere Partner von der Firma Nehlsen aus Bremen die Entsorgung übernommen. Mittlerweile sind alle Chemikalien fachgerecht entsorgt worden. Keiner der Gefahrstoffe wurde deponiert oder endgelagert.

Nun steht der große Umbau bevor. Was genau wird dort geschehen?

Das Konzept sieht die Modernisierung und Erweiterung der Hafenkapazität vor. Teile des Hafens werden aus dem Stadtzentrum auf freie Flächen im Industriegebiet verlagert. Die auf diese Weise entstehenden ungenutzten Flächen sollen einer sozial ausgewogenen Reurbanisierung zugeführt und die Innenstadt von Beirut wieder mit dem Meer verbunden werden.

Welche Rolle wird die Firma Combi Lift beim Aufbau spielen? Und wer wird am Ende die Rechnung bezahlen, wo der Staat doch pleite ist?

In erster Linie geht es darum, den Bauschutt und die Schiffswracks zu beseitigen und den Boden zu analysieren beziehungsweise abzutragen. Denn bis auf die Bergung der Chemikalien ist bislang nicht viel geschehen. Unsere Aufgabe ist es quasi, den Hafen besenrein zu übergeben, damit unsere Partner mit dem Wiederaufbau beginnen können. Das Ganze wird mit privaten und internationalen Geldern finanziert. Auf diese Weise wird eine Neuverschuldung des Libanons vermieden. Unsere Partner und wir wollen dem libanesischen Volk langfristige Lösungen bieten, damit es wieder zu einer sich selbst tragenden Nation werden kann.

Derzeit fühlt sich die Bevölkerung des Libanon von der Politik im Stich gelassen. Wird sie etwas vom Umbau der Hafenregion haben?

Mit Sicherheit. Das ist ja unser Antrieb. Unsere Partner unter der Führung von Hamburg Port Consulting (HPC) und Colliers und wir befinden uns im Dialog mit Vertretern aus Privatwirtschaft, Politik und Nichtregierungs-Organisationen sowie der libanesischen Zivilgesellschaft. Gemeinsam wollen wir ein Konzept für den wiederaufzubauenden Hafen und die bei der Explosion zerstörten Gebäude entwickeln.

Mit Heiko Felderhoff sprach Michael Ortmann

Quelle: ntv.de

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