Politik
Protestaktion in Chemnitz: Demonstranten zünden Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen.
Protestaktion in Chemnitz: Demonstranten zünden Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen.(Foto: picture alliance/dpa)
Mittwoch, 29. August 2018

"Renaissance des Hooliganismus": Forscher: Chemnitz-Chaoten eindeutig rechts

Die Krawalle in Chemnitz werfen ernste Fragen auf: Hat Deutschland Gefahren von rechts unterschätzt? Die Ausschreitungen zogen Anhänger der Hooligan-Szene aus mehreren Bundesländern an. Ein Fan-Forscher erkennt darin einen klaren Trend.

Die Vorfälle in Chemnitz der vergangenen Tage haben weit über die Grenzen Sachsens hinaus eine Debatte um rechtsextrem motivierte Gewalt ausgelöst. Die sogenannte Hooligan-Szene, deren Anhänger in der sächsischen Stadt auch vollkommen unbeteiligte Passanten angegriffen hatten, hat sich dabei nach Ansicht des renommierten Gewalt- und Fan-Forschers Gunter Pilz längst von einer losen Verbindung gewaltbereiter Fußballfans zu einer politisch ausgerichteten Gruppierung entwickelt.

Gewaltforscher Pilz: "Die neue Hooliganszene ist ganz eindeutig rechts orientiert".
Gewaltforscher Pilz: "Die neue Hooliganszene ist ganz eindeutig rechts orientiert".(Foto: picture alliance/dpa)

"Die neue Hooliganszene ist ganz eindeutig rechts orientiert", sagte Pilz mit Blick auf die Ausschreitungen in Chemnitz. "Wir sehen eine Renaissance des Hooliganismus auf dem rechtsradikalen Flügel." Die politische Ausrichtung ist dabei seiner Einschätzung nach erst in den letzten Jahrzehnten entstanden: Noch in den 1980er-Jahren, so Pilz, habe es unter den Hooligans nur wenige gegeben, die dem rechten Spektrum zuzuordnen gewesen seien.

In Chemnitz war es am Rande von Protestkundgebungen nach dem Tod eines 35-Jährigen zu fremdenfeindlich motivierten Übergriffen gekommen. Rechtsextreme zogen am Sonntag- und Montagabend durch die Innenstadt. Einem Großaufgebot der Polizei gelang es nur mit großen Anstrengungen, größere Straßenschlachten zwischen den rund 6000 Teilnehmern einer rechten Kundgebung und den etwa 1000 Gegendemonstranten zu verhindern.

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Nach Erkenntnissen des sächsischen Verfassungsschutzes waren Hooligans und Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet nach Chemnitz gekommen. Den Kern hatten demnach sächsische Rechtsextremisten gebildet. Laut sächsischem Innenministerium waren aber auch Hooligans aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen, Berlin und Brandenburg nach Chemnitz gekommen.

Verbindungen nach Russland

"Im Gegensatz zu den Hooligans der 80er sind die Gruppen heute ausgesprochen gut organisiert und vernetzt", sagte Pilz. "Die können sich stabsmäßig vorbereiten und ausgesprochen schnell reagieren." Zudem komme es immer wieder zu bedrohlichen Verbindungen. "Sie tun sich mit Leuten aus der Türsteher- und der Kampfsportszene zusammen", warnte Pilz. "Die Szene ist stark von russischen Hooligans bestimmt, die die Kampfsportevents organisieren."

Hooligans seien oft zeitlich flexibel - "viele verdienen sich ihr Geld im Kampfsport und in der Rauschgiftszene", sagte Pilz. "Eine neue Untersuchung weist darauf hin, dass es eine Verzahnung zwischen Gewalt im Fußball und der Drogenszene gibt." Auch bei der Gewaltbereitschaft habe es eine dramatische Veränderung gegeben, mahnte Pilz. "Anders als früher gibt es keine Grenzen der Gewalt - da wird auch ein Toter in Kauf genommen", sagte der emeritierte Professor, zu dessen Arbeitsschwerpunkten Gewalt in der Gesellschaft und im Sport gehörten.

"Keine Unterschiede zwischen Ost und West"

Regionale Unterschiede in der Hooliganszene seien kaum zu erkennen. "Da gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West", sagte er. "Vielleicht sind sie im Osten noch ein wenig stärker und aggressiver."

Die Szene in Chemnitz um die Hooligan-Gruppen "Kaotic" und "NS-Boys" ist nach Angaben des sächsischen Verfassungsschutzes virulent und mobilisierungsstark. "Die beiden Gruppierungen sind immer wieder unangenehm aufgefallen - schon seit Jahren", sagte Pilz.

Die Hooligans hätten sich inzwischen mit Nazigruppen vermischt. Pilz: "Sie sind nicht ihr verlängerter Arm - das hat man schon bei Hooligans gegen Salafisten (Hogesa) gesehen." Im Oktober 2014 hatten sich bei einer Kundgebung der Hogesa in Köln Hooligans und Rechtsextreme Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, etwa 50 Beamte wurden damals verletzt. "Von linken Hooligans ist mir nichts bekannt, auch wenn es vereinzelt linke gewaltbereite Fußballanhänger gibt", sagte Pilz. Eine "eigene Szene" sei das aber nicht.

Quelle: n-tv.de