Politik

Trump gegen Biden Fünf Dinge, die vom Duell bleiben

imago0105124946h.jpg

Trump weigerte sich, rassistische Gruppen wie die Proud Boys zu verurteilen.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Es war ein denkwürdiger Auftritt des US-Präsidenten. Was bleibt von der Fernseh-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden? Unter anderem der eindrucksvolle Beweis, dass es Twitter-Stürme auch im realen Leben gibt, dass der US-Präsident auf Rechtsradikale setzt und die Wahl ein Plebiszit über ihn wird.

1. Trump auf der Bühne ist wie Trump auf Twitter

Donald Trump liebt Twitter. Dort zieht er über Gegner her, verhöhnt ehemalige Mitstreiter, verbreitet Lügen und Halbwahrheiten. Diese Aggressivität und der Mangel an Respekt prägte auch die Fernseh-Debatte zwischen ihm und Joe Biden. Es geht Trump nicht darum, eine nüchterne Debatte über seine Politik zu führen. Es geht ihm darum, eine Debatte darüber zu verhindern. Die 90 Minuten Debatte waren ein real gewordener Twitter-Sturm, der über Biden hereinbrach. Trump fiel ihm ständig ins Wort, redete, wann er wollte, ätzte.

Vor vier Jahren hatte Trump bei vielen Amerikanern mit konkreten Aussagen zur Einwanderung, dem politischen Establishment oder dem Verlust von Jobs in Fabriken gepunktet. Nun gelingt es ihm nirgendwo, eine klare und zusammenhängende Position zu beziehen. Er ist nicht mehr in der Offensive, sondern in der Defensive - und reagiert darauf selbst für seine Verhältnisse hemmungslos.

2. Trump gibt Rechtsradikalen ein Signal

Für den demokratischen Politikberater Van Jones sind in der Debatte nur drei Dinge passiert, er zählte die Punkte bei CNN auf. "Nummer eins: Donald Trump hat es abgelehnt, weißen Suprematismus zu verurteilen. Nummer zwei: Der Präsident der Vereinigten Staaten hat es abgelehnt, weißen Suprematismus zu verurteilen. Nummer drei: Der Oberbefehlshaber hat es abgelehnt, weißen Suprematismus zu verurteilen." Der Ausdruck "weißer Suprematismus" ist in den USA weitaus geläufiger als in Deutschland; er ist ein Oberbegriff für rassistische Ideologien.

Jones' Einschätzung ist absolut zutreffend. Auf die Frage des Moderators, ob Trump sich von suprematistischen Milizen distanziere, antwortete dieser lapidar "klar" und fügte hinzu, die Gewalt gehe doch fast ausschließlich von den Linken aus. Erst auf Nachfrage sagte Trump: "Proud Boys, haltet euch zurück und haltet euch bereit (stand back and stand by). Aber ich sage Ihnen was, jemand muss sich um die Antifa und die Linken kümmern, denn dies ist kein rechtes, sondern ein linkes Problem."

Man braucht nicht viel Fantasie, um diese Sätze als Aufruf zur Gewalt zu verstehen - und genauso dürften die "Proud Boys" ihn auch verstanden haben. Diese "stolzen Jungs" sind eine militante rechtsradikale Organisation, deren Mitglieder Trump unterstützen, und denen er immer wieder signalisiert, dass er auf ihrer Seite steht. Schon kurz nach der Debatte veröffentlichten sie im Internet ein Logo mit dem Spruch "stand back, stand by".

3. Die Debatte ist ein Spiegelbild der USA

So wie sich Trump und Biden gegenüberstanden, so tief sind die USA gespalten. Wie in der Fernseh-Debatte reden die beiden Lager übereinander, nicht miteinander. Trump ließ Biden selten ausreden, verhöhnte dessen Söhne, von denen einer an Krebs gestorben ist. Biden wiederum bezeichnete Trump als "Lügner", "Clown" und "Rassisten" - und fuhr ihn einmal mit den Worten "Halt den Mund, Mann!" an. Diese vergiftete Atmosphäre zeigt, wie erbittert sich in den USA Anhänger und Gegner Trumps streiten.

Egal, was Trump macht oder nicht macht: Seine Beliebtheitswerte bleiben konstant – wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Keiner Enthüllung gelingt es, seine Kernwählerschaft von ihm abzubringen. Auch die Debatte wird daran nichts ändern. Doch mit solchen Auftritten gelingt es ihm nicht, die Stimmen der Amerikaner zu gewinnen, die er für seine Wiederwahl braucht - Frauen der Arbeiter-Schicht, gemäßigte Republikaner in den Vororten und Wechselwähler. Sie hatten Trump vor vier Jahren zum überraschenden Sieg über Hillary Clinton verholfen und ihn trotz seines Charakters unter anderem deshalb gewählt, weil sie Hoffnung in seine Wirtschaftspolitik setzten.

4. Die Wahl wird ein Plebiszit über Trump

Doch der wichtigste Grund für den Triumph Trumps war, dass es seinem Wahlkampfteam gelang, aus der Abstimmung ein Plebiszit über Clinton zu machen. Mit Clinton und Trump standen sich die unbeliebtesten Kandidaten seit Jahrzehnten gegenüber - und die Demokratin war sogar noch unbeliebter als der spätere Sieger. Bei der kommenden Wahl sind die Vorzeichen umgekehrt: Derzeit sieht es danach aus, dass sie eine Abstimmung über Trump wird. Weder Trump noch Biden sind sonderlich beliebt. Viele US-Amerikaner werden sich wohl für den Herausforderer entscheiden - nicht weil sie ihn mögen, sondern um Trump loszuwerden. Der Präsident versuchte auch während der Debatte diese Dynamik zu verändern. Doch es ist ihm nicht gelungen, dass nicht über ihn, sondern über Biden diskutiert wird.

5. Trump sät Zweifel

Weil es momentan durchaus wahrscheinlich ist, dass er die Wahl verliert, sät Trump Zweifel an ihrer Legitimität. Der US-Präsident warf seinen Gegnern in der Demokratischen Partei vor, das Ergebnis durch Betrug zu fälschen. "Ich hoffe, dass es eine faire Wahl sein wird", sagte er zwar und schob hinterher: "Aber dann werden Tausende von Stimmzetteln manipuliert - das kann ich nicht akzeptieren."

Trump verbreitete vor einem Millionenpublikum Unwahrheiten über die Briefwahl und behauptete, dass die Stimmen leicht zu manipulieren seien. Belege dafür gibt es nicht. Gerade diese Art des Wählens dürfte durch die Corona-Pandemie stark zunehmen. Trump ließ offen, ob er eine Niederlage am 3. November akzeptieren werde.

Auf die Frage des Moderators Chris Wallace, ob die Kandidaten nach der Wahl auf ihre Anhänger einwirken wollten, um mögliche Unruhen zu verhindern, antwortete Trump, er werde seine Anhänger dazu aufrufen, die Auszählung der Stimmen genau zu beobachten. Vielleicht fühlen sich die "Proud Boys" angesprochen.

Quelle: ntv.de