Politik

Weniger Straftaten 2025Fünf Lehren zu Gewalt, Jugend-Pornografie und Cannabis

20.04.2026, 18:19 Uhr RTL01231-1Von Volker Petersen
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Holger Münch, Alexander Dobrindt und Andy Grote stellten in der Bundespressekonferenz die Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 vor. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Deutschland wird wieder etwas sicherer, die Zahl der Straftaten sinkt. Das ist eine der guten Nachricht der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik, die Innenminister Dobrindt nun vorgestellt hat. Doch kein Grund zum Hurra, wie BKA-Chef Münch sagt. 

Wenn es abwärts geht, ist das normalerweise keine gute Nachricht - in diesem Fall aber schon: Die Gesamtzahl der Straftaten ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, um 5,6 Prozent, wie Innenminister Alexander Dobrindt am Morgen mitteilte. Ohne die Teillegalisierung von Cannabis wären es allerdings nur 4,7 Prozent gewesen, so der CSU-Politiker.

In Berlin stellte er gemeinsam mit Holger Münch vom Bundeskriminalamt (BKA) und Hamburgs Innensenator Andy Grote als Vertreter der Länder die neue Polizeiliche Kriminalstatistik vor, ebenso wie die neue Studie "SKID 2024", die auf die hohe Dunkelziffer eingeht sowie Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung misst. Dobrindt hob hervor, dass ausländische Tatverdächtige, insbesondere Syrer und Afghanen, weiter überrepräsentiert seien. Er kündigte an, Abschiebungen weiter zu forcieren.

SPD-Politiker Grote trat dem Eindruck entgegen, Deutschland werde unsicherer. Er hob einen Rückgang ausländischer Tatverdächtiger bei Gewaltkriminalität hervor. Die Kriminalität sei insgesamt seit Jahrzehnten rückläufig. Nach einem Anstieg infolge der Corona-Pandemie bewegten sich die Zahlen aber wieder in der "positiven Langzeitentwicklung."

BKA-Chef Münch sagte, das Verbrechen werde "digitaler, internationaler und brutaler". Die Dunkelfeldfeldstudie SKID zeige eine wachsende Furcht vor dem Verbrechen, insbesondere vor Körperverletzung, sexueller Belästigung und Betrug im Internet. Die meisten Deutschen, 74 Prozent, fühlten sich aber sicher.

Fünf Erkenntnisse stechen aus der PKS und der Dunkelfeldstudie SKID hervor:

1. Weniger Gewaltkriminalität, aber auf hohem Niveau

Auch die Gewaltkriminalität ging zurück, um 2,3 Prozent. Das sei aber "noch kein Hurra", so Münch. Bei schwerer Körperverletzung und Raub seien jeweils etwa 3000 Taten weniger verzeichnet worden. Messerangriffe gingen um etwa 7 Prozent zurück. Einen deutlichen Anstieg gab es dagegen bei Sexualstraftaten (siehe Punkt 2). Insgesamt wurden gut 212.000 Fälle registriert, deutlich mehr als vor der Corona-Pandemie. Grote führte den leichten Rückgang auf verstärkte Bemühungen wie Waffenverbotszonen und verschärfte Kontrollen zurück. Ein weiterer Grund sei die geringere Zuwanderung (siehe Punkt 3).

2. Mehr sexuelle Gewalt, Unsicherheitsgefühl bei Frauen

Die Zahl der Vergewaltigungen und anderen Straftaten sexueller Gewalt stieg deutlich an, um 8,5 Prozent auf 14.454 Fälle - ein "konstant hohes Niveau", so Münch. In rund 70 Prozent der Fälle komme der Täter aus dem Bekanntenkreis des Opfers. Oft sei es der Partner oder Ex-Partner. 38,5 Prozent der Tatverdächtigen seien Nicht-Deutsche - welcher Nationalitäten wird in der PKS nicht aufgeführt.

Die Dunkelziffer ist hoch. Laut der SKID-Studie werden nur 6,2 Prozent der Fälle angezeigt. Immer mehr Google-Suchen zum Thema zeigten aber eine wachsende Sensibilität. 35 Prozent der Frauen fürchteten sich vor sexueller Belästigung.

Maßnahmen wie die elektronische Fußfessel nach spanischem Modell sollen für mehr Sicherheit sorgen. Sie warnt ein mögliches Opfer vor der Nähe eines möglichen Täters. Außerdem sollen Frauen die Möglichkeit bekommen, Verletzungen anonym zu dokumentieren - als Beweismittel, falls sie sich Monate oder Jahre später für einer Anzeige entscheiden. In Hamburg gebe es das Angebot bereits, so Grote.

3. Weniger ausländische Tatverdächtige

Wie in den vergangenen Jahren sind nichtdeutsche Tatverdächtige in der PKS überrepräsentiert. Ohne ausländerrechtliche Verstöße machen sie 35,5 Prozent aus. Allerdings sank die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen um 2,7 Prozent. Manche dieser Täter reisten beispielsweise für Einbrüche ein und lebten nicht hier, sagte Münch. Auch Online-Betrüger operierten häufig vom Ausland aus.

Bei den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität ging der Ausländeranteil zurück, um 2,9 Prozent. Laut Münch ist er aber im Schnitt über alle Nationalitäten viermal höher als bei deutschen Tatverdächtigen. Die größten Belastungen gebe es bei männlichen Jugendlichen. Tatverdächtige sind natürlich nicht zwingend schuldig, das gilt es zu beachten. Die Daten machen über Gerichtsurteile keine Aussage.

Erfahrungsgemäß kommt es bei Zugewanderten, insbesondere jungen Männern, kurz nach der Ankunft am ehesten zu Straftaten. Offenbar geht es dabei vor allem um Schlägereien in Sammelunterkünften, wie Münch andeutete. Daher ist die sinkende Asylzuwanderung auch ein Grund für sinkende Fallzahlen. Das gleiche gelte für fortschreitende Integration: "Wir wissen, dass das abnimmt, je länger die Menschen hier sind", ergänzte Grote.

4. Mehr jugendliche Täter verbreiten eigene Sex-Videos

Bei Kinderpornografie nahmen die Straftaten im Hellfeld ab, um 2,7 Prozent. Anders sieht es bei Jugendpornografie aus. Hier gab es einen Anstieg von knapp 20 Prozent auf rund 11.500 Fälle. 45 Prozent der Tatverdächtigen sind unter 18. Viele von ihnen filmen sich selbst und verbreiten die Videos auf sozialen Medien, teils versehentlich. Eine Aufklärungskampagne des BKA läuft, Titel: #dontsendit.

Etliche Hinweise kamen im vergangenen Jahr von der US-Behörde NCMEC (National Center for missing and exploited children). Dobrindt sagte, Rechtsgrundlage sei eine Interimsverordnung auf EU-Ebene gewesen. Aufgrund von "Nicht-Handeln" des EU-Parlaments sei diese ausgelaufen. Er rief dazu auf, sie zu verlängern.

5. Cannabis-Freigabe erfüllt Erwartungen nicht

Die Teil-Legalisierung von Cannabis vor zwei Jahren habe kaum die Erwartungen erfüllt, darin zeigten sich Münch, Grote und Dobrindt einig. Der BKA-Chef sagte, die Konsumenten-Fälle hätten vor der Freigabe nicht viel Arbeit gemacht. Durch das neue Gesetz sei neuer Aufwand entstanden. Grote ergänzte, es müssten jetzt Ordnungswidrigkeiten verfolgt werden, die im Zusammenhang mit Cannabis entstehen. Außerdem könne der legale Markt die Nachfrage nicht bedienen. Handel sei aber weiterhin verboten.

Dobrindt sagte, von einer Entlastung der Polizei könne überhaupt keine Rede sein. Man könne nur den Schluss ziehen, dass die Probleme größer und nicht kleiner würden. Eine Forderung etwas daran zu ändern, erhob er aber nicht. Dazu gebe es keine Vereinbarung im Koalitionsvertrag.

Quelle: ntv.de