Politik

Mehr Übergriffe in der TruppeGeneral Breuer besorgt wegen sexualisiertem Fehlverhalten

08.09.2026, 20:05 Uhr
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Wer nicht weiß, wohin mit seinen Händen - einfach auf den eigenen Rücken damit. (Foto: picture alliance / photothek)

Der ranghöchste Bundeswehrsoldat wendet sich an seine Truppen und findet mahnende Worte. Sexualisiertes Fehlverhalten habe keinen Platz in der Armee, sagt General Breuer. Der Hintergrund seiner Äußerung ist besorgniserregend.

Die steigende Zahl von Meldungen über sexualisiertes Fehlverhalten bei der Bundeswehr alarmiert den Generalinspekteur. Nach Informationen des "Spiegel" wandte sich General Carsten Breuer in einem internen Tagesbefehl an alle Soldatinnen und Soldaten, sexualisiertes Fehlverhalten jeder Art dürfe in der Bundeswehr nicht toleriert werden. "Deshalb beobachte ich den Umfang der Meldungen zu sexualisiertem Fehlverhalten mit großer Sorge", äußerte sich Breuer demnach. "Die Zahl der gemeldeten Fälle ist zu hoch."

Hintergrund für den Tagesbefehl des ranghöchsten Bundeswehrsoldaten sind interne Meldungen über sexualisiertes Fehlverhalten. Die Bundeswehr fasst unter dem Begriff alle Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung zusammen - von anzüglichen Sex-Sprüchen, unziemlichen Annäherungen bis zu handfester sexualisierter Gewalt.

Nach "Spiegel"-Informationen deuten die aktuellen Zahlen darauf hin, dass 2026 ein neuer Höchststand der Fallzahlen erreicht werden könnte. Im Jahr 2025 verzeichnete das Ministerium demnach 430 Meldungen, 2024 waren es 395, im Jahr zuvor 385.

Breuer ermahnt alle Soldaten der Bundeswehr, solche Fälle nicht zu dulden oder wegzusehen. Jede Form von sexuellem Fehlverhalten habe "keinen Platz in den Streitkräften", solche Auswüchse dürften "weder durch Vorgesetzte noch Untergebene oder Gleichgestellte akzeptiert werden". Er zähle auf "Ihre Haltung und Ihr Verantwortungsgefühl".

Dunkelfeldstudie zu sexualisiertem Fehlverhalten

Nach "Spiegel"-Informationen sorgen im Verteidigungsministerium neben den aktuellen Meldungen auch die Ergebnisse einer Dunkelfeldstudie zum Thema sexualisierte Gewalt in der Truppe für Nervosität. Die Untersuchung, bei der Tausende aktive und frühere Soldatinnen nach ihren Erfahrungen mit sexualisiertem Fehlverhalten in der Bundeswehr befragt wurden, ist demnach fast fertig.

Den Angaben zufolge haben sich mehr als 15 Prozent aller angeschriebenen Frauen zurückgemeldet und ihre teils harschen Erfahrungen bei der Truppe niedergeschrieben. Erste Ergebnisse sorgten dafür, dass im Ministerium angeordnet wurde, gleichzeitig mit der Veröffentlichung einen Aktionsplan gegen Fehlverhalten in der Bundeswehr vorzulegen. Angeregt hatte die Studie die frühere Wehrbeauftragte Eva Högl bereits Ende 2024. Erst dieses Jahr, als der Skandal um die Zustände in der Fallschirmjäger-Kaserne in Zweibrücken öffentlich wurde, nahm das Projekt richtig Fahrt auf.

In Zweibrücken hatten Soldatinnen bereits im Sommer 2025 anonymisiert bei der Gleichstellungsvertrauensfrau über sexualisiertes Fehlverhalten sowie verbale oder teilweise körperliche sexuelle Übergriffe innerhalb des Regiments berichtet. Soldaten hätten ihnen gegenüber regelmäßig Vergewaltigungsfantasien geäußert, drangen in die Toiletten oder Duschräume der Frauen ein oder drohten offen mit sexuellem Missbrauch, so steht es im Bericht. Des Weiteren hätten Vorgesetzte dieses Verhalten regelmäßig runtergespielt. Insgesamt 16 Fälle wurden an die Staatsanwaltschaft übergeben, allein aus dieser Kompanie.

Infolge des Berichts weiteten sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aus. Drogenmissbrauch, offener Antisemitismus und Rechtsextremismus kamen im Zuge der Ermittlungen ans Licht. Die Bundeswehr führt derzeit eine Liste mit insgesamt 55 Beschuldigten, gegen 19 Soldaten wurde die dienstliche Entlassung eingeleitet, in drei Fällen wurde sie bereits vollzogen. Mittlerweile weiten sich die Ermittlungen auf weitere Kompanien aus.

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, begrüßte das Vorgehen des Generalinspekteurs. Die Entwicklung bei Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfordere es, "dass das Ministerium und die Kommandos dem konsequent begegnen müssen", sagte Otte der "Rheinischen Post". Sexualisiertes Fehlverhalten stehe "im klaren Widerspruch zu den grundlegenden Werten der Inneren Führung und muss konsequent geahndet werden", mahnte der Wehrbeauftragte. "Jeder einzelne Fall ist einer zu viel."

"Fehlverhalten muss konsequent verfolgt werden"

Auch der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Thomas Röwekamp, begrüßte den Tagesbefehl des Generalinspekteurs als "wichtiges und richtiges Signal". "Er macht unmissverständlich deutlich, dass sexualisiertes Fehlverhalten in der Bundeswehr keinen Platz hat, und nimmt zugleich die gesamte Truppe in die Verantwortung, aufmerksam zu sein und entsprechende Vorfälle zu melden", sagte Röwekamp der "Rheinischen Post".

Dabei gehe es längst nicht mehr nur um Einzelfälle: "Sexualisiertes Fehlverhalten kann zu einer strukturellen Gefahr für den dringend notwendigen Aufwuchs der Bundeswehr werden", warnte Röwekamp. "Wer Frauen und Männer für den Dienst gewinnen will, muss ihnen eine Führungskultur bieten, die von Respekt geprägt ist und in der Fehlverhalten konsequent verfolgt wird".

Quelle: ntv.de, kaz/AFP