Politik
Guttenberg auf der Wahlveranstaltung in Kelkheim.
Guttenberg auf der Wahlveranstaltung in Kelkheim.(Foto: dapd)
Montag, 21. Februar 2011

"Gravierende handwerkliche Fehler": Guttenberg verzichtet auf Doktor

Bisher nannte Verteidigungsminister Guttenberg Plagiats-Vorwürfe gegen seine Doktorarbeit "abstrus". Nun verzichtet er dauerhaft auf seinen Doktortitel. Seine Uni bittet er, wegen "gravierender handwerklicher Fehler" den Titel zurückzunehmen. Zuvor hatte ihm Kanzlerin Merkel noch den Rücken gestärkt. Derweil tauchen neue schwere Vorwürfe auf.

Der wegen Plagiatsvorwürfen massiv unter Druck stehende Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktortitel dauerhaft nicht mehr führen. Dies kündigte der CSU-Politiker bei einer Wahlveranstaltung im hessischen Kelkheim bei Frankfurt an. Wie die Universität Bayreuth mitteilte, habe Guttenberg zudem darum gebeten, den Doktortitel zurückzunehmen. Zur Begründung habe er auf "gravierende handwerkliche Fehler" in seiner Dissertation hingewiesen, teilte die Universität mit. Sie sei aber dennoch verpflichtet, die Rechtmäßigkeit der Doktorarbeit zu prüfen. Bisher hatte Guttenberg Plagiats-Vorwürfe als Neue Vorwürfe gegen Dr. Guttenberg abgetan.

Guttenberg sagte in Kelkheim, beim erneuten Lesen seiner Arbeit über das Wochenende habe er selbst Fehler gesehen. Er habe "an der einen oder anderen Stelle den Überblick über die Quellen verloren". Der Minister sagte weiter: "Es war richtig, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht mehr führen werde." An seinem Amt wolle er aber festhalten, sagte Guttenberg. Er gehe im Sturm nicht von Deck.

Der Minister wurde in Hessen mit viel Applaus empfangen.
Der Minister wurde in Hessen mit viel Applaus empfangen.(Foto: dapd)

Am Freitag hatte Guttenberg angekündigt, den Titel vorübergehend nicht mehr führen zu wollen, bis die Universität Bayreuth die Plagiatsvorwürfe geprüft habe. Diese Einschränkung machte er nun nicht mehr. "Die Entscheidung, den Doktortitel nicht zu führen, schmerzt." Schließlich habe er sieben Jahre in die Arbeit investiert. Guttenberg räumte erneut Fehler ein: "Ich habe Fehler gemacht, ich habe sie nicht bewusst gemacht", sagte er. Zugleich entschuldigte Guttenberg sich bei denen, die er mit seiner Arbeit verletzt habe. Er wolle mit seiner Entscheidung auch dazu beitragen, dass sein ehemaliger Doktorvater und seine frühere Universität keinen Schaden nähmen.

Guttenberg wies allerdings erneut die Vermutung zurück, die Arbeit nicht selbst geschrieben zu haben. "Ich habe diese Arbeit selbst geschrieben. Ich stehe dazu, aber ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich geschrieben habe." Zuvor hatten sich in Berlin noch Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Spitzenpolitiker der Union demonstrativ hinter den Minister gestellt. Dagegen forderten Oppositionspolitiker den Rücktritt des Ministers.

"Hier oben steht das Original"

Guttenberg versuchte in Kelkheim vor gut 900 Anhängern der CDU gute Miene zu machen und die Geschehnisse mit Humor vom Tisch zu wischen: "Hier oben steht das Original und kein Plagiat", sagte der 39-jährige auf dem Podium unter tosendem Beifall. Er sei "nicht als Selbstverteidigungsminister gekommen", sagte Guttenberg - wenige Minuten bevor er sich dann öffentlich entschuldigte. Bei seiner Rede keilte er auch gegen die deutschen Medien, insbesondere die Hauptstadtpresse aus. Sie habe in den zurückliegenden Tagen eine Hetze gegen ihn veranstaltet.

Im Internet sammeln Unterstützer und Kritiker Guttenbergs.
Im Internet sammeln Unterstützer und Kritiker Guttenbergs.(Foto: dpa)

Einem Medienbericht zufolge hat Guttenberg in seiner Dissertation aus einer zweiten Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags weitgehend wörtlich abgeschrieben. Der "Focus" berichtete, Guttenberg habe eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste vom 25. Oktober 2005 weitgehend kopiert. Auf den Seiten 199 bis 214 seiner Dissertation habe er die Sätze des Wissenschaftlers bis auf marginale Änderungen wörtlich übernommen. Der CSU-Politiker nenne nur in einer Fußnote den Wissenschaftlichen Dienst als Impulsgeber, der Name des Autors tauche nicht auf.

Zuvor hatte bereits der "Spiegel" gemeldet, der CSU-Politiker habe wesentliche Teile einer anderen Arbeit der Bundestagswissenschaftler in seine Doktorarbeit übernommen. Die Vorwürfe im Zusammenhang mit den Bundestagswissenschaftlern wirken schwerer als die übrigen Plagiat-Vorwürfe, weil die wissenschaftlichen Dienste des Bundestags den Abgeordneten nur in Wahrnehmung ihres Mandats zuarbeiten dürfen. Damit steht der Vorwurf des Amtsmissbrauchs im Raum.

Keine Rücktrittsgedanken

Die Union will das politische Schicksal Guttenbergs allerdings nicht von der Entscheidung über seinen Doktortitel abhängig machen. Trotz immer neuer Vorwürfe stärkten Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer dem angeschlagenen Politstar demonstrativ den Rücken. Merkel betonte, sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden ins Kabinett berufen. "Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt." Guttenberg habe ihr "volles Vertrauen".

Auch CSU-Chef Horst Seehofer sicherte Guttenberg die volle Unterstützung seiner Partei zu. "Der Karl-Theodor, der hat die Unterstützung seiner politischen Familie, und zwar uneingeschränkt." Das bleibe auch so. Guttenbergs Sprecher Steffen Moritz bezeichnete Spekulationen, nach denen der CSU-Politiker ans Aufgeben gedacht habe, als "Unsinn". CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich sagte, "Karl-Theodor zu Guttenberg braucht keinen Doktortitel, um sein Amt auszuüben".

Derrenommierte Politikwissenschaftler Langguth hält die Argumentation, man müsse zwischen der Arbeit als Minister und der plagiierten Doktorarbeit unterscheiden, für fragwürdig. "Das mag zwar formal stimmen. Aber hier geht es um die Frage der persönlichen Glaubwürdigkeit – und das kann man nicht trennen", sagt "Guttenberg kann überleben" . Diese Glaubwürdigkeit habe durch die Affäre jetzt schon Schaden genommen. Guttenbergs Zukunft sei ungewiss.

SPD will Fragestunde und Debatte im Bundestag

Die Opposition will den CSU-Politiker in dieser Woche im Bundestag zur Rede stellen. Am Mittwoch will sie die Plagiatsvorwürfe in einer Fragestunde thematisieren. Zudem will die SPD eine Bundestagsdebatte beantragen. Die CSU lehnte das ab. "Der Bundestag ist kein Schiedsgericht für Fußnoten", sagte Landesgruppengeschäftsführer Stefan Müller. "Wer den Bundestag derartig offensichtlich als Pranger benutzt, kennt offenbar seinen tatsächlichen Zweck nicht."

Unten die Dissertation des Ministers, oben das Buch seines (fast) gleichnamigen Großvaters.
Unten die Dissertation des Ministers, oben das Buch seines (fast) gleichnamigen Großvaters.(Foto: dapd)

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, Guttenberg müsse selber entscheiden, ob er seinen Ansprüchen gerecht werden könne. Ihn interessiere aber, ob in Deutschland gleiches Recht für alle gelte und andere Studenten auch so behandelt werden. Guttenberg habe sich selbst zu einem Sonderfall stilisiert. Grüne und Linke legten Guttenberg einen Rücktritt nahe. "Ich würde ihm raten, dass er sich mal überlegt, wie er sich halten will", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki forderte in der "Leipziger Volkszeitung" eine Abberufung Guttenbergs bis zur Aufklärung der Affäre.

Pro und Contra im Internet

Nach Angaben der Internet-Aktivisten, die Guttenbergs Doktorarbeit analysieren, soll mehr als ein Fünftel des Textes Plagiat sein. Es seien "bis jetzt 3521 von 16325 Zeilen, das sind 21,5 Prozent der Doktorarbeit (jeweils inkl. Fußnoten) als Plagiate identifiziert" worden, heißt es in einem Zwischenbericht des "GuttenPlag"-Wikis. Hunderte Freiwillige hatten seit Tagen verdächtige Textpassagen zusammengetragen. Allerdings wächst im Internet auch die Zahl der Guttenberg-Unterstützer. Auf einer privat eingerichteten Seite im sozialen Netzwerk Facebook unterstützten bis Montagnachmittag mehr als 126.000 Menschen eine Kampagne zugunsten Guttenbergs.

Die Gremien der Bayreuther Universität wollen zügig über die Gültigkeit der Doktorarbeit entscheiden. Die Frist für die von der Hochschule angeforderte Stellungnahme des CSU-Politikers läuft nach Angaben von Uni-Sprecher Frank Schmälzle spätestens am 6. März ab. Zunächst wird die Erklärung Guttenbergs von der vierköpfigen Kommission zur Selbstkontrolle der Wissenschaft der Universität Bayreuth geprüft. Sollte dieses Gremium beim Verfassen der 475 Seiten starken Promotion ein wissenschaftliches Fehlverhalten feststellen, leitet sie ihre Erkenntnisse an die Promotionskommission der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät weiter. Diese entscheidet dann darüber, ob Guttenbergs Arbeit möglicherweise ungültig ist und der Doktortitel aberkannt wird.

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Quelle: n-tv.de