Politik

Ricarda Lang im Interview "Ich beschäftige mich kaum noch mit der Hetze"

Ricarda Lang ist seit der Wahl 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages. Bisher war sie stellvertretende Bundesvorsitzende  der Grünen.

Ricarda Lang ist seit der Wahl 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages. Bisher war sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen.

(Foto: picture alliance / photothek)

Am Wochenende wird Ricarda Lang wohl zur neuen Grünen-Parteichefin gewählt. Die 28-Jährige rechnet dann mit noch mehr Hass im Netz. Gegenüber der Bundesregierung gibt sie sich selbstbewusst.

ntv.de: Mit Annalena Baerbock, Robert Habeck und Cem Özdemir sitzen drei der bekanntesten und beliebtesten Grünen-Politiker in der Bundesregierung. Wofür werden dann eigentlich noch die neuen Vorsitzenden Lang und Nouripour gebraucht?

Ricarda Lang: Wir haben uns für die nächsten Jahre unglaublich viel vorgenommen. Auf der einen Seite wollen wir gut regieren, unser Industrieland klimaneutral umbauen und das sozial gerecht. Gleichzeitig wollen wir noch mehr Menschen überzeugen. Dafür sind alle Teile wichtig: das Kabinett, die Fraktion und die Partei selbst. Es braucht eine selbstbewusste und eigenständige Partei - und die würde ich gerne als Vorsitzende unterstützen.

Baerbock und Habeck galten lange als Prototyp des funktionierenden Spitzenduos. Haben Sie Sorge, es im neuen Duo nicht so gut hinzubekommen?

Omid Nouripour ist gerade auf meiner Anrufliste ganz oben, wir telefonieren jeden Tag. Ich bin total optimistisch, wenn ich auf die Zusammenarbeit in den letzten Wochen schaue. Aber die Aufgabe, die ansteht, ist zu groß, als dass man sie allein bewältigen könnte. Dazu brauchen wir die ganze Fraktion und alle 125.000 Mitglieder unserer Partei als Team.

Sie sind gerade 28 Jahre alt geworden. Eine so junge Parteivorsitzende gab es noch nie. Wie groß ist Ihr Respekt vor der Aufgabe in diesem Alter?

Mein Respekt vor dem Amt ist riesig. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich an dieser Stelle das am besten einbringen kann, was mich ausmacht: Erfahrung, Leidenschaft, Lust am Gestalten, Klarheit in der Sache. Ich bin froh, in einer Partei zu sein, in der mein Alter nie bestimmend war.

Sie sind die erste offen bisexuelle Abgeordnete im Bundestag. Werden Sie den Kampf für verschiedene Lebensstile als Parteichefin zum Thema machen?

Die Grünen stehen für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch ohne Angst verschieden sein kann. Wir wollen die Menschen gleichberechtigt teilhaben lassen - egal, wen sie lieben oder wie sie leben. Aber ich bin mehr als ein paar Identitätsmerkmale. Ich definiere mich darüber, was ich politisch erreichen will.

Dennoch sind Sie selbst für eine Politikerin ungewöhnlich vielen und heftigen Beleidigungen ausgesetzt, vor allem in den sozialen Medien. Als Parteivorsitzende werden Sie noch deutlich bekannter. Befürchten Sie also, dass noch mehr Hetze auf Sie zukommt?

Ich bin ziemlich sicher, dass es in noch größerem Maße Hass und Anfeindungen geben wird. Mein Team und ich bringen das zur Anzeige, was wir für strafrechtlich relevant halten. Aber ich beschäftige mich so gut wie nicht mehr mit der Hetze. Den Platz, den ich jetzt habe, um für meine Ideen und Konzepte zu werben, will ich nicht mit denjenigen teilen, die Hass verbreiten.

Zurück zur Politik: Die Grünen werden als Regierungspartei viele Kämpfe ausfechten müssen. Klimaminister Robert Habeck will die erneuerbaren Energien massiv ausbauen. Das könnte auf Kosten von Naturschützern gehen - eigentlich ja Verbündete der Grünen. Werden Sie als Parteivorsitzende so ehrlich sein und den Naturschützern sagen: Ihr müsst für den Klimaschutz auch mal zurückstecken?

Eine gute Politikerin geht auch dahin, wo es ungemütlich wird. Sie muss bei den Menschen sein, die ganz konkret von politischen Beschlüssen betroffen sind. Das heißt: in den Austausch gehen, Positionen erklären. Ich werde mich also auch selbstverständlich der Debatte mit Naturschützerinnen und Naturschützern stellen.

Und mit welcher Haltung gehen Sie in diese Debatte?

Wir müssen die erneuerbaren Energien jetzt endlich schneller und in größerem Maßstab ausbauen, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Das ist zugleich die Grundvoraussetzung für den Erhalt unserer Natur und ihrer Biodiversität, denn die Klimakrise ist die größte Gefahr für unsere Artenvielfalt.

Konflikte drohen auch in der Sozialpolitik. Viele Grünen-Mitglieder sind enttäuscht, dass Ihre Partei in den Koalitionsverhandlungen keine höheren Hartz-IV-Regelsätze erreicht hat. Werden Sie als Parteichefin dafür weiter werben, obwohl es nicht im Koalitionsvertrag steht?

Ja. Mit 12 Euro Mindestlohn und der Kindergrundsicherung machen wir wichtige Schritte voran. Aber für mich ist auch klar: Die Hartz-IV-Sätze müssen steigen, damit sie endlich zum Leben reichen.

Mit Ricarda Lang sprach Philip Scupin

Quelle: ntv.de

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