Politik

Bayern dreht Reform zurück "Ich bin sehr froh über das Ende des G8"

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(Foto: dpa)

Noch 2013 hatte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer eine Rückkehr zum G9 ausgeschlossen. Heute passiert genau das: Die CSU im bayerischen Landtag beschließt das Zurück zum neunjährigen Gymnasium. Wieder einmal liegt Bayern im Trend.

n-tv.de: Vor neun Jahren haben Sie das G8 "ein Musterbeispiel für eine verfehlte Reform" genannt. Freuen Sie sich, dass die CSU jetzt zum G9 zurückkehrt?

Heinz-Peter Meidinger: Ich bin sogar sehr froh.

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Heinz-Peter Meidinger ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Oberstudiendirektor in Deggendorf (Bayern).

(Foto: dphv.de)

Warum?

Ich bin in dem Jahr Schulleiter geworden, als das G8 in Bayern eingeführt wurde, im Schuljahr 2003/04. Ich habe die Einführung und alle Nachbesserungsversuche miterlebt: die mehrfache Kürzung der Stunden, damit der Nachmittagsunterricht nicht überhandnimmt, die Kürzung der Lehrpläne, die Idee des Flexijahres, den Modellversuch einer "Mittelstufe plus". Letztlich konnten sämtliche Nachbesserungsversuche den Grundfehler des G8 nicht beseitigen.

Welcher Fehler ist das?

Das G8 funktioniert nur als Ganztagsschule. Dafür gibt es aber weder die Finanzen noch die gesellschaftliche Unterstützung – zumindest in einem Flächenstaat wie Bayern nicht. Jede Umfrage der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass die Ablehnung des G8 eher zugenommen hat. Es gibt in Deutschland zwar ein Bedürfnis nach mehr Ganztagsschulen. Aber meist geht es dabei um Ganztagsschulen, die flexibel sind – in denen man sein Kind lassen kann, aber nicht muss.

Ich freue mich aber auch darüber, dass Bayern die Rückkehr zum G9 zum Anlass nimmt, ein qualitativ besseres Gymnasium zu schaffen. Es gab auch in Niedersachsen bereits die Rückkehr zum G9. Dort ist das neue G9 eher ein "Gymnasium light" geworden. Man hat dort lediglich die Inhalte des verkürzten Gymnasiums gestreckt. In Bayern will man dagegen inhaltlich etwas verändern: die Kernfächer, die politische Bildung sowie Medienerziehung und Informatik stärken.

Warum wurde das G8 seinerzeit überhaupt eingeführt?

Das entsprach einfach dem neoliberalen Zeitgeist. Deutschland ging es damals wirtschaftlich nicht gut. Die jungen Leute sollten früher in den Beruf einsteigen, um die Rentenkassen zu entlasten. Es war die Zeit, in der die Wirtschaft auch in der Bildungspolitik den Ton angab. Heute wissen wir, dass diese Logik nicht stimmt, dass Schule nicht nur eine Verdichtung von Stoffinhalten ist, sondern auch eine Zeit der Werteerziehung und der Persönlichkeitserziehung. Das kam im G8 zu kurz.

In anderen europäischen Ländern ist es normal, in zwölf Jahren zur Hochschulreife zu gelangen.

Die meisten Länder haben, anders als Deutschland, kein differenziertes Schulsystem. Das macht den Vergleich schwierig. Außerdem haben alle anderen Länder, die eine verkürzte Schulzeit bis zur Hochschulreife haben, Ganztagsschulen – eine Schule, die frühestens um vier, in manchen Ländern um fünf Uhr endet. Wenn man sich die Vollzeitstunden anschaut, die Schüler bis zum Abitur an Unterricht haben, dann liegt Deutschland am unteren Ende der Skala.

Mit G8 oder mit G9?

Das war schon mit G9 so. Im G8 sind es noch einmal eintausend Stunden weniger geworden. Länder wie England oder Japan haben 12.000 Vollzeitstunden bis zur Hochschulreife. In Deutschland sind wir unterhalb von 10.000 Stunden.

Nicht wenige Schulreformen funktionieren nicht, weil sie nicht richtig finanziert werden. Gilt das auch für das G8?

In Bayern hat die Einführung des G8 vor allem deshalb nicht funktioniert, weil man die Betroffenen nicht mitgenommen hat und auch gar nicht mitnehmen wollte. Der damalige Finanzminister von Bayern, Erwin Huber, sagte: "Wer einen Teich trockenlegen will, der darf vorher nicht die Frösche fragen." Genau so wurde es gemacht – ein Konzept gab es nicht. Auch die meisten anderen Bundesländer planten damals die Einführung des G8, das Saarland hatte es schon beschlossen. Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber wollte, dass Bayern wenigstens das zweite westdeutsche Bundesland mit einem G8-Abiturjahrgang war. Deshalb wurden rückwirkend gleich zwei Jahrgänge umgestellt, obwohl es noch keine Lehrpläne gab. Das war wirklich eine Hauruck-Aktion. Und drittens wurde nie wirklich die Frage beantwortet, ob die Schulen auf ein Ganztagsschulkonzept umgestellt oder die Lehrpläne massiv ausgedünnt werden. Auch deshalb hat das G8 nie funktioniert.

Es gibt ein Bundesland, das alles richtig gemacht hat: Rheinland-Pfalz. Gegen alle Widerstände hat die damalige Kultusministerin Doris Ahnen dafür gesorgt, dass Rheinland-Pfalz grundsätzlich beim G9 bleibt. Dort hat man lediglich das Abitur vorgezogen, so dass die Schüler bereits im Sommersemester mit dem Studium anfangen konnten. Und sie haben landesweit aus 20 Gymnasien G8-Ganztagsschulen gemacht. Heute hat man in Rheinland-Pfalz die Wahl zwischen dem klassischen G9 und dem achtjährigen Gymnasium, an dem es täglich außer freitags Ganztagsunterricht gibt. Deshalb gab es in Rheinland-Pfalz auch nie die Probleme mit ständigen Nachbesserungen.

Sie haben vor neun Jahren auch gesagt, es gebe so viele Reformen, dass viele Lehrer schon reformmüde seien. Hat sich da etwas gebessert?

Unter den Politikern sind es interessanterweise die Reform-Enthusiasten von damals, die heute sagen, man solle vorsichtig sein mit Reformen im Schulwesen. Grundsätzlich bin ich auch dieser Meinung. Das Bildungssystem ist noch stärker als andere Politikbereiche auf Kontinuität und Verlässlichkeit angewiesen – auch weil Fehler im Bildungssystem erst nach Jahren auffallen. Die Einführung der Inklusion etwa wurde sehr blauäugig betrieben. Erst jetzt, wo sich der Schaden zeigt, merken viele Bildungspolitiker, dass es gut gewesen wäre, nicht gleich mit dem ganz großen Reform-Eifer an die Sache heranzugehen.

Auf der anderen Seite: Wenn man erkennt, dass das G8 ein Schrecken ohne Ende ist, dann ist ein Ende mit Schrecken zweifellos besser. Eine gewisse Reformmüdigkeit gibt es an den Schulen noch immer. Aber das darf kein Grund sein, einen Fehler nicht zu korrigieren.

Mit Heinz-Peter Meidinger sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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