Politik

Arme Kinder in der Pandemie "Ich hasse mein Leben"

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Vor Corona bekam jedes Kind in der "Arche" in Berlin-Hellersdorf eine warme Mahlzeit. Viele müssen darauf jetzt verzichten.

(Foto: Die Arche)

Gewalt, Angst und Geldsorgen bestimmen ihr Leben: Sozial benachteiligte Kinder und Familien kämpfen unter erschwerten Bedingungen mit der Pandemie. Die Einrichtung "Die Arche" versucht zu helfen, stößt jedoch an ihre Grenzen.

Heute ist Porserins Lieblingstag der Woche. Die Neunjährige sitzt an einem Holztisch in der "Arche" in Berlin-Hellersdorf, als eines von nur 15 Kindern, die an diesem Tag in das ehemalige Schulgebäude kommen dürfen. Mit dem Ellenbogen auf dem Tisch gelehnt, streicht sie ihre langen Haare zurück. Schwarze Wimpern umranden ihre hellblauen Augen, die über ihrer Maske neugierig hervorschauen. Sie blickt durch den halb leeren Raum. Früher war sie fast jeden Tag in der "Arche", jetzt darf sie nur noch einmal die Woche kommen. "Wegen Corona", sagt sie und zuckt mit den Achseln. Für Porserin bedeutet das: viel zu Hause sein, viel allein sein.

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In der "Arche" kann Porserin Corona für einen Moment vergessen und einfach nur Kind sein.

(Foto: Vivian Micks)

"Im ersten Lockdown schien die Sonne noch, mit dem zweiten kamen die Wolken und die frühe Nacht. Das schlägt aufs Gemüt", sagt Bernd Siggelkow. Der Pastor hat 1995 in Berlin-Hellersdorf die erste "Arche" gegründet, ein Hilfswerk gegen Kinderarmut. Mittlerweile gibt es landesweit 27 Einrichtungen. Vor der Pandemie betreute er rund 350 Kinder in der Zentrale in Hellersdorf, jetzt sind es nur noch 150, weil die Gruppen verkleinert werden mussten. Jedes Kind darf nur noch alle 10 bis 14 Tage kommen. "Für die Kleinen ist das eine lange Zeit", sagt Siggelkow. Er ist für viele dort der Ersatzpapa, der zuhört, wenn es kein anderer tut.

Für Porserin ist die Arche der letzte Ort, an dem sie noch mit ihren Freunden spielen kann. Zwar darf sie seit Anfang der Woche wieder in die Grundschule gehen. Normalität kehrt deswegen aber noch nicht zurück. Zu Hause sei sie oft stundenlang mit ihren drei Brüdern allein, ihre Eltern müssen arbeiten. Der Kleine ist 6, die anderen 15 und 16 Jahre alt. "Wir haben richtig viele Probleme und kommen nicht allein klar", erzählt sie. Kochen habe sie von ihrer Mutter gelernt, Salat und Nudeln könne sie schon machen, nur auf den Herd muss sie noch aufpassen, wegen der langen Haare. Manchmal geht sie mit ihren Brüdern raus, läuft rum, "mehr kann man nicht machen". Außerdem passe sie auf, dass die Klamotten nicht dreckig werden. "Meine Mutter kann zurzeit nicht alle unsere Sachen waschen."

Ein Schrei nach Aufmerksamkeit

In Deutschland leben knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. Für sie ist die Lage besonders angespannt. Meist wohnen sie mit ihren Geschwistern und Eltern in kleinen, günstigen Wohnungen mit wenig Platz. In dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist dazu die Zahl der Alleinerziehenden mit 40 Prozent in der Hauptstadt am höchsten. Siggelkow beschreibt die Situation als dramatisch: Kinder sind immer abgehängter in Gesellschaft und Schule, Eltern sind mit mehreren Kindern alleine überfordert, nicht selten kommt es zu Gewalt. Im zweiten Lockdown sei es noch schlimmer geworden. "Wir machen nur noch Schadensbegrenzung."

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Ersatzpapa, Streitschlichter, Zuhörer: Jeder Tag ist für Bernd Siggelkow anders.

(Foto: Die Arche)

Dass die Pandemie Kindern und Jugendlichen zusetzt, zeigten schon zahlreiche Untersuchungen aus dem ersten Lockdown. Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) befragte in ihrer "Copsy-Studie" im Mai und Juni 1500 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren mit alarmierendem Ergebnis: 71 Prozent der Kinder fühlen sich psychisch belastet, sind ängstlicher, schneller gereizt oder niedergeschlagen und machen sich mehr Sorgen. 65 Prozent erleben Schule und Lernen anstrengender als zuvor und 39 Prozent gaben an, dass sich durch den mangelnden Kontakt das Verhältnis zu ihren Freunden verschlechtert.

Siggelkow kann den Stress und die Angst in den Familien bestätigen, sagt aber auch, dass die wirklich schweren Fälle in den Studien überhaupt nicht auftauchen. Aus Scham nehmen Kinder und Familien aus ärmeren Schichten nicht an solchen Befragungen teil. Stattdessen erlebe er die Folgen des Lockdowns hautnah mit: Wenn ihn nachts ein Kind anruft, weil die Schwester die Tür einschlägt. Oder wenn er bei Whatsapp Nachrichten bekommt wie diese: "Ich hasse mein Leben." Dann muss Siggelkow sofort reagieren. In der Regel sei es wie Ritzen: ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Aber da beginne schon die Gefahr. "Wenn das Kind nach Hilfe ruft und keiner zuhört, was viele nicht tun, ist die Frage, was mit dem Kind passiert."

Eine Tüte Chips zum Mittagessen

Etwa 90 Prozent der Kinder und Familien in der Arche können Siggelkow und sein Team gut auffangen, bei 10 bis 15 Prozent müssen sie regelmäßig nachschauen, ob alles in Ordnung ist. "Wir haben auch sehr harte Fälle. Glücklicherweise nicht die breite Masse, sonst würde das System hier wahrscheinlich zusammenbrechen." Manchmal müssten sie das Jugendamt einschalten, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. "Es ist zurzeit sicherer, durch einen dunklen Park zu laufen, als in manchen Familien zu Hause zu sein."

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In der "Arche" bekommen Kinder auch Unterstützung bei den Hausaufgaben.

(Foto: Die Arche)

Auch zwischen den Kindern entlädt sich der Frust. Weil sie aus Langeweile die meiste Zeit vor Bildschirmen hängen, nehme Onlinemobbing massiv zu. Kinder schrieben einander: "Wenn ich dich das nächste Mal sehe, dann töte ich dich." Siggelkow vermutet, dass sie nicht mehr wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Monate ohne soziale Kontakte und etliche Stunden am Handy haben Spuren hinterlassen.

Auch körperlich leiden die Kinder unter dem Bewegungsmangel. Viele werden immer dicker, auch weil sie sich falsch ernähren. Siggelkow schätzt, dass in den vergangenen Monaten rund 30 Prozent der Kinder in der "Arche" mehr als 25 Kilo zugenommen haben. Doch es könnten auch mehr sein. "Das sehen wir erst, wenn alle Schulen wieder öffnen und die Kinder keine Winterjacken mehr tragen." Die Folgen für die Gesundheit sind dramatisch: Das Risiko von Bluthochdruck und Schlaganfällen steigt exponentiell an. Hochrechnungen aus Studien haben ergeben, dass Kinder, die zwischen vier und sechs Jahren bereits adipös sind, es zu 90 Prozent auch noch mit 18 Jahren sein werden. Die tatsächlichen Langzeitfolgen kann niemand abschätzen, außer, dass die Lebensdauer dieser Kinder kürzer sein wird.

Vor der Pandemie gab es in der Schule und in der "Arche" ein warmes Mittagessen. Seit das entfällt, fehlen den Familien zusätzlich 250 Euro im Monat, weil die Kinder zu Hause essen müssen. Für eine Mahlzeit haben sie nur drei Euro zur Verfügung. Der Griff zur Tüte Chips ist billiger als Obst und Gemüse. Die "Arche" hat Familien während des Lockdowns deshalb mit Lebensmitteln, Spielsachen und Hygieneartikeln versorgt. Vor Corona boten sie zudem für Eltern und Kinder Kochkurse an. Einmal fragte eine Mutter einen Mitarbeiter anschließend, ob er gewusst habe, dass Pommes aus Kartoffeln gemacht seien.

"Schweigen der Lämmer in diesem Land"

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Die Kinder werden in drei Altersgruppen unterteilt: 3-6, 6-12 und 12-18 Jahre.

(Foto: Die Arche)

Geldprobleme werden für viele zur Existenznot: Weil jeder ständig zu Hause hockt, schießen Strom- und Heizkosten in die Höhe, im Winter-Lockdown noch mehr als im vergangenen Sommer. Dazu kommen Geräte wie Fernseher und Laptop, die in Dauerbenutzung sind. Die 300 Euro extra Kindergeld im September und Oktober, die vom Staat ausbezahlt wurden, hätten die erhöhten Kosten nur ausgeglichen. Die erneuten 150 Euro Zuschuss vom Staat seien zwar schön, "aber eigentlich ein Witz", sagt Siggelkow. Die Betriebskostenabrechnung am Ende des Jahres werden viele nicht bezahlen können, befürchtet er.

Siggelkow kritisiert die Politik oft und scharf. Kein Politiker wehre sich gegen seine Kritik, gleichzeitig wolle auch niemand etwas ändern, sagt er. "Seit elf Monaten ist ein Schweigen der Lämmer in diesem Land." Das Hilfesystem sei total runtergefahren, viele Kinderhilfsstellen haben während der Pandemie gar nicht geöffnet. Siggelkow kritisiert auch die Transparenz der Behörden, insbesondere das Jugendamt. Sie seien nicht nah genug an den Familien dran, böten keine direkte Hilfe an. Die Menschen wissen oft nichts von den Hilfsangeboten, befürchten stattdessen, das Jugendamt wolle ihnen die Kinder wegnehmen.

Eine der Hilfen für Kinder, Jugendliche und Eltern auch während der Pandemie ist die "Nummer gegen Kummer". Ehrenamtliche Mitarbeiter stehen am Sorgentelefon bereit, um über alles zu reden, was die Anrufer belastet. Doch das Angebot erreicht die sozial benachteiligten Familien oft nicht. Sprechzeiten gibt es nur tagsüber. Siggelkow, der selbst Vater von sechs Kindern ist, bekommt Hilferufe dagegen meist nachts. Durch den chronischen Geldmangel hätten viele Kinder zudem nie Geld auf dem Handy und können deswegen niemanden anrufen. Und selbst wenn, fehlt zu Hause meist der Rückzugsort, um unbemerkt von Gewalt oder sexuellen Übergriffen zu berichten. Sie verschicken Nachrichten bei Whatsapp, doch das bieten Sorgen-Hotlines aus Datenschutzgründen nicht an.

Ein Leben in Angst

Seit Ausbruch der Pandemie hat der Bezirk Marzahn-Hellersdorf in Berlin einen der niedrigsten Inzidenzwerte. "Sie haben wahnsinnige Angst vor dem Virus", sagt Siggelkow. Sie seien es gewohnt, in Ängsten zu leben: Ihr ganzes Leben leiden sie unter Existenzängsten, befürchten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, wenn sie einen Fehler machen, haben Angst vor einer Partnerschaft oder psychischer und physischer Gewalt. Gleichzeitig sind sie vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten: Sie verstehen nicht, was die Politik plant oder beschließt. "Wenn Merkel eine Regierungserklärung hält, übersetze ich das für die Menschen hier in einfache Sprache", sagt Siggelkow.

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Die Angst überträgt sich oft auf die Kinder. Acht- und Neunjährige sagen, dass sie nicht an Corona sterben wollen. "Je länger die Pandemie anhält, desto schwieriger wird die Stimmung daheim." Irgendwann sei das nicht mehr aufzufangen, warnt Siggelkow.

Auch Porserin hat Angst. Davor, dass das Virus noch lange bleibt. "Manche hatten 2020 die Hoffnung, dass Corona 2021 weggeht." Sie ist enttäuscht, dass das nicht passiert ist. Kommt dann die erwartete dritte Welle, bewahrheitet sich ihre Angst. Dann könnten Schulen wieder schließen und Porserin ist mit ihren Brüdern wieder allein daheim.

Quelle: ntv.de

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