Politik

Corona-Talk bei Anne Will "Wir verlieren unsere Kinder"

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Annalena Baerbock (l.) plädiert für eine Gesetzesinitiative zur Unterstützung von Schulen.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Wieder einmal geht es um Corona: Während Grünen-Co-Chefin Baerbock die Schulen stärker unterstützen will, bremst Bayerns Landeschef Söder die Öffnungsdebatte. Wegen der Mutationen stehe jede Lockerungsperspektive unter Vorbehalt.

Die Talkshows in ARD und ZDF gleichen sich im Moment fast wie ein Ei dem anderen. Das Thema ist immer das Gleiche, die Gästevarietät ist auch recht überschaubar. Der Kollege eines anderen Newsdienstes verstieg sich vor Kurzem gar zu der Aussage, man könne ruhig statt einer Talkshow ein Testbild senden, so groß sei der Unterschied nicht. Bei den Gästen, die sich Anne Will am Sonntagabend eingeladen hatte, musste man so etwas auch wieder befürchten. Doch dann kam es ganz anders. Das lag sicher auch am Temperament von Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock, die während der Sendung eine Bundestagsinitiative zur Rettung unserer Schulkinder ins Gespräch brachte.

Finanzminister Olaf Scholz von der SPD kam mit einem Versprechen daher, und CSU-Chef Markus Söder fand sehr lobende Worte für das Corona-Management von Bundeskanzlerin Angela Merkel. FDP-Chef Christian Lindner machte sich Gedanken über die Alternativlosigkeit der Corona-Politik, und die Chefin des Spiegel-Hauptstadtbüros Melanie Amann zwang mit ihren kritischen Bemerkungen auch die Gastgeberin zu einigen ungewohnt kritischen Fragen. Am Ende war das eine Talkshow, die mehr Pfiff hatte als so manche Sendung der letzten Wochen.

Da war zunächst mal die Sache mit dem Inzidenzwert. Bisher war die Politik von einem Zielwert von 50 Infizierten je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche ausgegangen. "Wichtig ist doch, dass wir schnell auf einen Wert von 50 kommen, damit wir dann über Öffnungen reden können", hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Januar gesagt. Doch seit Mittwoch liegt dieser Wert bei 35 - oder um es mit Melanie Amann zu sagen: "Es sieht so aus, als hätte man statt auf das goldene Kalb nun auf das goldene Kälbchen gesetzt." Bayerns Ministerpräsident Söder versucht sich in der Sendung an einer Erklärung: Die Zahl habe immer schon im Infektionsschutzgesetz gestanden, nur sei sie bisher nicht erwähnt worden, "weil wir meilenweit davon entfernt waren".

Drei Tage oder fünf Tage

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Olaf Scholz hält Selbsttests für zu Hause für sinnvoll.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Die Maßnahmen vom November hätten ihre Wirkung gezeigt. Der neue Richtwert sei wegen der Mutationen des Virus notwendig geworden, sagt Söder. Er gelte als eine Art Infektionspuffer. Dennoch verspricht er: "Wenn sich die Mutationen nicht schnell ausbreiten, kann es schnell weitere Öffnungen geben". Scholz sieht das ähnlich. Es gebe viele Erfolge, sagt er. Deswegen sei es richtig, ab dem 1. März Friseurläden wieder zu öffnen - auch aus hygienischen Gründen. Scholz lobt die Bundesbürger. Erst durch ihr Mitwirken seien die niedrigeren Zahlen zustande gekommen, sagt er - und stellt weitere Öffnungen in Aussicht. So könnten möglicherweise am 7. März Geschäfte und Museen wieder aufmachen.

FDP-Chef Lindner geht die für den 1. März vorgesehene Öffnung von Friseurläden nicht weit genug. Mit Hygieneprogrammen und Masken könnten ruhig auch andere Einrichtungen wieder aufmachen. Ungeklärt blieb bislang auch, wie lange der Inzidenzwert von 35 überhaupt gelten muss, bis es größere Lockerungen gibt. Da ist sich selbst die Kanzlerin nicht sicher. Auf der Pressekonferenz nach der Bund-Länder-Schalte beantwortete sie die Frage eines Journalisten so: "Mindestens drei Tage. Fünf bis drei, oder drei bis fünf. Aber sie können von mindestens drei Tagen ausgehen." Einen Tag später legte sie die Zahl im ZDF-Interview auf 14 Tage fest.

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Spiegel-Autorin Melanie Amann.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Grünen-Co-Chefin Baerbock findet den neuen Inzidenzwert gut, beklagt jedoch, dass auch nach einem Jahr Corona die verantwortlichen Politiker noch immer nicht an einem Strang zögen. Darunter hätten besonders die Kinder zu leiden. Unter der Pandemie litten vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien, sagt sie. 20 Prozent aller Schulkinder hätten psychische Probleme. Besonders in den Grundschulen sei Distanzunterricht ein Problem. Lehrer müssten täglich Kontakt mit den Kindern aufnehmen. Doch das würde nicht passieren.

Noch kein Stufenplan

"Wir verlieren unsere Kinder", warnt die Politikerin - und fordert schon in der nächsten Sitzungswoche des Bundestags eine fraktionsübergreifende Gesetzesinitiative. Das Parlament solle einen Bildungsfonds beschließen, um die Schulen besser zu unterstützen. Mit dem Fond könnten laut Baerbock auch Lehramtsstudenten finanziert werden, die Lehrern an den Schulen helfen. Außerdem spricht sie sich für mehr Selbsttests aus. Lehrer müssten in der Lage sein, sich mindestens alle zwei Tage zu testen. Lindner zufolge sollte es nicht nur Hilfsprogramme für Schulen, sondern auch für die Wirtschaft geben.

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Corona-Schnelltests gibt es zwar, in Österreich seien sie mittlerweile zugelassen worden, erklärt Melanie Amann. In Deutschland gehe man damit aber sehr zögerlich um. Finanzminister Scholz präsentiert dafür eine Lösung. Er habe am Wochenende lange mit Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU über dieses Thema gesprochen. Jetzt wolle man schnell mehr Testkapazitäten schaffen, sagt er. "Das ist richtig, und ich werde mich dafür einsetzen." Außerdem sollten so schnell wie möglich Selbsttests zugelassen werden, die jeder benutzen kann. Auch die Weiterentwicklung von Impfstoffen soll gefördert werden.

Was allerdings keiner aus der Runde versprechen will, ist ein klares Ausstiegsszenario - wie es eigentlich in der vergangenen Woche beschlossen werden sollte. Noch sei es für einen solchen Plan zu früh, sagt Söder. "Wir brauchen noch ein wenig Geduld." Das, was bisher erreicht wurde, "will ich nicht verstolpern", so der bayerische Ministerpräsident. Er lobt die Arbeit von Bundeskanzlerin Merkel, die sich in den letzten Tagen viel Kritik anhören musste. "Ich bin froh, dass sie unser Land durch diese Krise führt, und dass sie alles dafür gibt, dass wir in dieser Krise weiterkommen."

Quelle: ntv.de

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